Tom Strohschneider

Blog von Tom Strohschneider

24.07.2010 | 07:38

Lafontaines Stern: eine Kolumne als Bewerbungsschreiben

Hans-Ulrich Jörges gehört zu jenen Journalisten, die auf der Berliner Politbühne selbst Darsteller geworden sind. Der Mann vom Stern sitzt öfter einmal in Talkshows, gilt als kritisch, manchem auch als linksliberal. In der aktuellen Ausgabe des Magazins ruft Jörges aus Berlin dazwischen: „Oskar ist wieder da“. Gemeint ist Lafontaine und wer das Stück des „Chefredakteurs für Sonderaufgaben“ liest, kann den Eindruck nicht ganz verhehlen, dass hier ein Ghostwriter das Bewerbungsschreiben eines Politikers verfasst hat, der in die erste Reihe zurückdrängt. Nun war Lafontaine nie wirklich „weg“, sein Einfluss in der Linken schien stets größer als es seine saarländischen Ämter anzeigten. Zuletzt sorgten seine Rolle am Tag der Bundesversammlung und die ganz offenkundig auf ihn zugeschnittene Bildung einer Internationalen Kommission beim Parteivorstand für Aufmerksamkeit. Ist „Oskar wieder da“?

Jörges Stern-Kolumne müht sich, alle Zweifel zu zerstreuen, die man haben könnte, wenn man an eine Rückkehr Lafontaines in die erste Reihe denkt. Der Krebs überwunden, das Alter kein Problem – „rund, erholt, gebräunt, agil“ sei der frühere Parteichef, er sei gar soviel gejoggt, dass Ulrich Maurer nicht mehr mitkam. Der joggende Politiker ist seit Joschka Fischer nicht nur einfach eine Erzählung von sportlichen Leuten, es steckt immer eine größere Bedeutung dahinter. Die von der „Reinigung“, vom „langen Lauf zu sich selbst“. Das Bild des von der Politik ein wenig ermüdeten Lafontaine, in Jörges Stück wird es umgekehrt in das eines „begierig“ nach der Politik greifenden, nun „vorsichtiger“ agierenden Mannes. Es liest sich wie Botschaften: An die SPD zum Beispiel, den Saarländer doch endlich „begreifen“ sollen. Interessant auch, dass man lesen kann, Lafontaine würde „Sympathien“ für Frank-Walter Steinmeier hegen, während er zu Sigmar Gabriel ein „Nicht-Verhältnis“ pflege. Der einstige Außenminister sitzt bei den Sozialdemokraten fest im Sattel, viele glauben, er sei mit Blick auf 2013 auf Ampel-Kurs – und wenn überhaupt in der nächsten Zeit, dann könne nur der Agenda-Architekt ein Bündnis mit der Linkspartei in der SPD durchsetzen. „Kein böses Wort“ habe man übereinander verloren, behauptet Jörges. Und spätestens hier merkt man, dass es in der Kolumne um Anbahnung geht, nicht um einen Kommentar. „Er ist ein Populist, ein nationaler dazu“, hat Steinmeier einmal über Lafontaine gesagt. „Kein böses Wort“?

Aufmerksam wird man in der Linkspartei nicht zuletzt jene Passage lesen, in der Dietmar Bartsch vorkommt, „Lafontaines Intimfeind“, wie der Stern schreibt. Das Magazin bleibt sich treu, als dereinst der Bundesgeschäftsführer in die Kritik geriet und sich Vorwürfe der „Illoyalität“ in einer Kampagne verdichteten, die später zu seinem Rückzug führten, war der Stern mit ganz vorn dabei. „Der innerparteiliche Machtkampf bei der Linkspartei ist beendet. Der souveräne Sieger heißt Oskar Lafontaine, der eindeutige Verlierer Dietmar Bartsch“, hieß es schon im Dezember 2009. Bartsch verteidigte sich damals gegen Behauptungen, die in dem Artikel aufgestellt worden waren, worauf dieser aus dem Netz verschwand. An der personellen Dynamik änderte das nichts, das Ergebnis ist bekannt. Lafontaine werde nun, schreibt Jörges „als Außenminister seiner Partei (…) seine Gegner beruhigen, Dietmar Bartsch vor allem“. Muss er das denn? Oder wird das nur geschrieben, um den Eindruck zu befördern, Bartschs Lebensinhalt sei die Gegnerschaft zum einstigen SPD-Vorsitzenden?

Die mediale Erzählung von Lafontaines Rückkehr, hat noch eine andere Dimension. Die Frankfurter Allgemeine veröffentliche in dieser Woche eine längere Analyse aus dem Hause Allensbach, die interessengeleitet sein mag, aber doch in der Linkspartei für Diskussionen gesorgt haben dürfte: Die Marke „Linke“ werde insgesamt blasser, die Akzeptanz der Partei gehe zurück. „Es ist naheliegend, diese Entwicklung mit den personellen Veränderungen in Verbindung zu bringen“, heißt es an einer Stelle. Die „Nachfolger in der Parteiführung haben bisher keinen vergleichbaren Bekanntheitsgrad und kein vergleichbares Charisma entwickeln können“. Man hört das mitunter auch aus der Linkspartei und wenn im kommenden Jahr, das für die Linke ein sehr entscheidendes werden wird, sich der öffentliche Wind gegen die Partei drehen sollte (man hat es bei der FDP gesehen, wie schnell so etwas geht), dann könnte auch die Frage nach der Führung wieder auf den Tisch kommen. Wenn nicht schon vorher – Dank Zwischenrufen wie jenem, über dem der Name Hans-Ulrich Jörges steht: „Oskar ist wieder da.“

 
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Kommentare
Achtermann schrieb am 24.07.2010 um 08:20
Der Jörges. Was an ihm exemplifiziert werden kann: Er nimmt seine Rolle als Journalist nicht wahr, weil er im Kreis der sog. Alpha-Journalisten sich bewegt, die Politik nicht kritisch und distanziert beobachten, sondern sich berufen fühlen, selbst Politik zu machen. Bedauerlich ist, dass die gewählten Politiker diese Herren und Damen erst groß machen, weil sie sich in die Abhängigkeit von deren Urteile begeben. Diejenigen, die Lafontaine jetzt herbeischreiben, werden die Ersten sein, die ihm Unstetheit und Egomanie vorwerfen würden, sollte er auf die bundespolitische Bühne, wie das immer so schön abgefuckt genannt wird, zurückkehren.
hibou schrieb am 24.07.2010 um 08:31
jörges kannste vergessen. aber lafontaine ist und bleibt ein wichtiger mensch. (net mann, gell? hihi, waer ja sexistisch)
mahung schrieb am 26.07.2010 um 01:20
Jörges ist ein Broder ist eine Illner ist ein M. Naumann ist ein Giovanni di Lorenzo etc. Meinungsmacher im schlechten Sinn. Hinterfrager (das ist deren gelernte Profession) sind sie nicht mehr. Nur zum Zwecke des Mitspielens wird noch journalistiert. Sonst wird Vierte Gewalt gespielt. Sie sind selbst die, an denen sie sich vorgeblich abarbeiten - PolitikerInnen. Also mit etwas anderen Mitteln mächtig.
Achtermann schrieb am 26.07.2010 um 11:50
Der Jörges war derjenige, der die Angela Merkel mit herbeigeschrieben und der den Köhler-Horst mit ins Amt hieven half. Deshalb halte ich die Aussage von Tom Strohschneider "Der Mann vom 'Stern' sitzt öfter einmal in Talkshows, gilt als kritisch, manchem auch als linksliberal." nicht für angemessen.
Tom Strohschneider schrieb am 26.07.2010 um 12:05
Das war es doch, was ich sage: er "gilt" als etwas und "manchem" auch als mehr. Einerseits hat Jörges zu einer Zeit für Rot-Rot-Grün plädiert, als das noch viele für Sozialismus hielten und ablehnten. Andererseits erinnere ich mich an eine haarsträubende Polemik gegenüber Erwerbslosen. Auf diese Janusköpfigkeit sollte es hinauslaufen.
Achtermann schrieb am 26.07.2010 um 21:15
Ich versuche zu verstehen. Nur, wer mag den Jörges kapieren. Der Politikwissenschaftler Günter Pumm schreibt 2009: "Journalisten, die wie Jörges zu Guttenberg hochgeredet und hochgeschrieben haben, verlieren bei ihren personalpolitischen Ambitionen leicht die Bodenhaftung." Da ist was Wahres dran. Ein Spezialgebiet des Politik-Journalisten des Jahres 2004 scheint der Eingriff in die Personalpolitik der Parteien zu sein. Da er zu den Einflussreichsten zählt, tritt wohl der Effekt ein, den er sich erwartet. Nur: Eine politische Richtung ist bei ihm nicht festzustellen. Manche Journalisten mögen das als Auszeichnung bewerten, bei Selbstdarsteller Jörges wirken dessen Entäußerungen eher wie am Klatschpresseniveau entlangargumentiert. Es ist möglich, dass sein Einfluss größer ist als der eines Ministers. Sollte er in der Lage sein, Politiker groß- oder kleinzuschreiben, wird man ihm von dieser Seite devot begegnen. Das macht ihn bedeutender. Seine Wendeltreppe führt nur nach oben.
Tom Strohschneider
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