Tom Strohschneider

Blog von Tom Strohschneider

21.10.2010 | 17:20

Ohne Belehrung: Schwarz-Gelb zieht Hartz-Sanktionsschraube an

Nur ein paar Minuten hat das Kabinett am Mittwoch gebraucht, den Gesetzentwurf über die Hartz-Neuregelungen durchzuwinken. Die Debatte konzentriert sich seither auf eine Art Zweikampf zwischen Union und SPD: Arbeitsministerin Ursula von der Leyen – „ich habe jetzt vorgelegt“ – hat Gesprächsbereitschaft signalisiert; die Sozialdemokraten haben erklärt, der Novelle nur unter der Voraussetzung zuzustimmen, dass beim Bildungspaket für Kinder „geklotzt“ und eine größtmögliche Zahl ihrer Politiker zu einem Spitzentreffen eingeladen wird. Eine mögliche Blockade im Bundesrat wird zur Drohung, die doppelte Schieflage der Debatte in der Öffentlichkeit dabei aber kaum überdeckt: Es ist zwar viel von den Forderungen der SPD die Rede, eher wenig hingegen von den beiden anderen, in Umfragen immerhin rund 30 Prozent schweren Oppositionsparteien die Rede. Und: Alles dreht sich um die Bildung von Kindern, aber so gut wie gar nichts um die Höhe der neuen Regelsätze.

Zwar hat die SPD-Politikerin Elke Ferner jetzt noch einmal die Kritik ihrer Partei an der Berechnungsgrundlage des Ministeriums erneuert, zugleich aber angedeutet, dass sich die Sozialdemokraten gar nicht erst in einen Kampf um einen angemessenen Aufschlag begeben wollen: „Es geht“, so Ferner, „viel weniger um die Höhe.“ Und das ist nicht das einzige, was bei der gegenwärtigen Diskussion aus dem Blickfeld geraten ist. Schon Ende September hat unter anderem die Tageszeitung darauf aufmerksam gemacht, dass im Zuge der Hartz-Neuregelung auch an der Sanktionsschraube gedreht wird. In den Erläuterungen zum nun Kabinett beschlossenen und vom Arbeitsministerium veröffentlichten Entwurf eines Gesetzes zur Ermittlung von Regelbedarfen und zur Änderung des Zweiten und Zwölften Buches Sozialgesetzbuch“ wird auf „praxisgerechte Neustrukturierung bei Sanktionen“ hingewiesen und behauptet, „eine Verschärfung der Sanktionen“ würde nicht mit der Novelle einhergehen.

          SGB II, Abschnitt: Anreize und Sanktionen - hier
          Gesetzentwurf zur Hartz-Neuregelung mit Erläuterungen - hier
          Statistische Grundlagen des BMAS zur Neuberechnung - hier
          Vergleich der Stichproben aus der EVS 2005 und 2009 - hier

Bei Grünen und Linkspartei sieht man das völlig anders. „Eines Rechtsstaates unwürdig“ hat der Grüne Markus Kurth die Vorgabe bezeichnet, nach der Erwerbslose künftig einer Sanktion nicht mehr schriftlich über die Folgen so genannter „Pflichtverletzungen“ informiert werden müssen – es soll ausreichen, dass „der Leistungsberechtigte die Rechtsfolgen seines Verhaltens kannte“. Woher und wie man das nachprüfen will, bleibt der Interpretation überlassen. Jedenfalls müsse „der Nachweis über eine schriftliche Rechtsfolgenbelehrung (...) in diesem Fall nicht geführt werden“, so die Autoren der Novelle. Für die Linken-Politikerin Katja Kipping ist hier „die Entmündigung, Entrechtung und soziale Ausgrenzung der Leistungsbeziehenden auf die Spitze“ getrieben. „Die ständige Angst vor Sanktionen soll die Betroffen noch stärker als bisher disziplinieren.“

Das Thema gehört vor allem deshalb ins Zentrum der Debatte über die Neuregelung: Am System der Kontrolle und des Bestrafens mit Leistungskürzungen wird nicht nur der Geist von Hartz besonders deutlich, an den Sanktionen blamiert sich auch die mediale Empörungsmaschine, die Schlagzeilen über „Betrüger“, „Abzocker“ und „Missbrauch“ produziert und im Zerrbild vom „anstrengungslosen Wohlstand“ zum Höhepunkt findet. (Erst dieser Tage wieder hat der sich im Sündenstolz suhlende „Ex-Linke“ Ulf Poschardt in der Welt eine Kostprobe dieses Denkens geliefert.)

Es gibt aber noch einen weiteren Grund: Das politische Aufbegehren gegen die Sanktionen ist weit gediehen und gut verankert. Es könnte sich lohnen, die Kräfte nun noch einmal zu aktivieren. Vor über einem Jahr hat sich das Bündnis für ein Sanktionsmoratorium gegründet, das nicht nur Politiker aus den rot-grün-roten Parteien zusammenbrachte, sondern auch Leute aus Sozialverbänden, Universitäten, Gewerkschaften, der Zivilgesellschaft. Wenn man so will ist die Idee vom Sanktionsmoratorium ein praxistauglicher gemeinsamer Nenner des Crossover-Spektrums, eine Möglichkeit zur auch parlamentarischen Kooperation – wenn die Beteiligten es denn wollen. Dem SPD-Parteitag vor ein paar Wochen lagen mehrere Anträge vor, die sich gegen das Sanktionsregime aussprachen, der Leitantrag gehörte allerdings nicht dazu. Die Grünen haben gerade einen entsprechenden Antrag in den Bundestag eingebracht; die Linke Kipping sieht die Sanktionsfreiheit als Nukleus sozialpolitischer Zusammenarbeit – diese sei für sie „nicht verhandelbar“. Jetzt würde es allerdings erst einmal darum gehen, die Ausweitung der Sanktionsmöglichkeiten zu stoppen.

 

 
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Kommentare
Alien59 schrieb am 21.10.2010 um 17:29
Ich sehe durch diese Änderungen durch die Hintertür - wenn sie denn Gesetz werden - eine weitere Klagewelle auf die Sozialgerichte zurollen. Wer jetzt auf die Straße gehen müsste, wären die Richter dort - das hält ja kein Mensch aus, auch kein Jurist!
konyhakert schrieb am 22.10.2010 um 09:39
wie weit soll das eigentlich noch gehen? die renteneinzahlungen für h4-bezieher ab januar eingestellt - was kommende altersarmut nahezu sicher produzieren wird, sehenden auges. jetzt die verschärfung der sanktionsmaßnahmen. die lächerlich geringe "erhöhung" von h4 in Höhe von 5 euro. die "erleichterung" für aufstocker, welche zwischen 800 + 1000 euro verdienen, die 20 (!) euro mehr behalten dürfen (zwischen 800 + 1000 euro fällt man als alleinstehender aus h4 schon raus, wer da noch drin bleibt für vllt ein paar mickerige minimale vergünstigungen im tausch gg. die volle sanktionsgewalt des amtes, ist selbst schuld. es betrifft also kaum jemanden). parallel immer wieder die hetzereien, die ALLE h4-empfänger treffen, nicht nur die rund 3 mio, welche tatsächlich arbeitslos gemeldet sind, sondern alle wohl ggw. 6,7 mio (laut fernsehbericht maybritt illner gestern abend), auch die aufstocker, welche zunehmende das gros der h4-empfänger ausmachen. und das sind menschen, die arbeiten gehen! aber zu einem einkommen, welches unterhalb h4 liegt. das sind nicht nur friseure oder wachleute, was allgemein bekannt ist. nein, auch immer mehr hochgebildete arbeiten zu dumpinglöhnen, von denen kein mensch leben kann.

ich gehöre wechselweise zu den nicht beschäftigten oder den aufstockern, je nachdem, ob ich ein "projekt" an land gezogen habe oder nicht. aber aus h4 komme ich schon seit jahren wenn überhaupt dann nur noch für einige monate, wenn ich mal ein "gutes" projekt habe, womit ich wenigstens an die grenze des niedriglohnbereiches gelange.

mir persönlich wird das langsam zu viel an diskriminierung. nicht nur, daß man kaum noch eine möglichkeit hat, aus dem ganzen kreislauf heraus zu kommen. all die bemühungen, die man aufwendet, um doch noch irgendwie beschäftigt zu sein, werden auf diese weise bestraft und verspottet. demotivierender kann eine politik nicht handeln. ich fange ernsthaft an zu überlegen, ob ich die mühe auf mich nehme, dieses land zu verlassen. und ob es evtl. ein land gibt, welches nicht so scharf gegen die eigene bevölkerung vorgeht und die ganze lebensatmosphäre immer mehr vergiftet. die herrschende neoliberale praxis produziert am ende das, was sie glaubt abzuschaffen. und umgekehrt. es ist irgendwie krank, finde ich, fast wie eine art selffullfilling prophecy (sich selbst erfüllende prophezeihung) wie soll man sich dazu verhalten? wenn es keine möglichkeit gibt (oder man aus irgendwelchen gründen wenigstens keine findet), dann sollte man versuchen, dem auszuweichen, entweder indem man sich entzieht oder aus dem kranken system ausbricht. also auswandern.
(-> falls jemand ein land weiß, welches nicht so destruktiv-repressiv gegen die eigene bevölkerung gerichtet ist, kann er sich ja mal per mail an mich wenden. ich glaube, ich bin dafür zunehmend offen und werde mir das mal anschauen.)
konyhakert schrieb am 22.10.2010 um 10:45
noch etwas zur ergänzung, was ich vergaß: aber natürlich geht es AUCH um die höhe des h4-satzes. darin widerspreche ich dem artikel vehement.
denn, obwohl auch das realeinkommen in den letzten 30 jahren stetig gesunken ist (oder sich besser gesagt gespreizt hat in bereiche, die immer noch gut verdienen oder sogar immer besser und solche bereiche, deren einkommen immer stärker sinkt und mit diesem auch oft genug das ansehen des berufsstandes), so geht doch auch die höhe des realen sozialtransfers immer stärker zurück. gemessen an dem, was davon an gesellschaftlicher teilnahme noch möglich ist. nimmt aber diese gesellschaftliche teilnahme ab, so sinkt auch die reale möglichkeit, angesichts der zurückgehenden handlungsmöglichkeiten in die mitte der gesellschaft zurückzukehren. wer dies nicht glaubt, der sollte sich einmal dieses experiment des sozialen abstieges selbst aussetzen, nicht 1-3 monate, nein 3-4 jahre (meinetwegen einschließlich aufstockertätigkeiten) oder länger. er wird feststellen, daß die materiellen probleme immer stärker zunehemnd und damit die zeit steigt, die notwendig ist, sich um das tagtägliche überleben, die sicherung eines anständigen haushaltes und seiner arbeitsfähigkeit widmen zu müssen. zeit, die einer sinnvollen tätigkeit verloren geht, die aufreibend ist und kräftezehrend, und frustrierend zudem. weil man ja eigentlich seine zeit nicht mit solchen überlebensangelegenheiten verbringen möchte, sondern sie lieber sinnvoll nutzen. anachronistisch ist das im grunde genommen. und blockiert die gesellschaft, wenn immer mehr menschen mit so sinnlosen beschäftigungen des materiellen und sozialen überlebens zu tun haben.

by the way: gerade habe ich einen interessanten artikel ind er zeit gelesen, den ich hier mal anhänge: www.zeit.de/politik/deutschland/2010-10/sozialer-aufstieg?page=all

und last but not least eine tabelle zur berechnung des zum leben nötigsten, die man sich einmal zu gemüte führen sollte: www.tacheles-sozialhilfe.de/aktuelles/2010/Hausstein-Mindestsicherung-2010.pdf
Ehemaliger Nutzer schrieb am 23.10.2010 um 14:24
Destabilisierung des Regierungsfriedens

Der EU-Stabilitätspakt spaltet die Koalition: Außenminister Westerwelle greift die Abmachung zwischen Kanzlerin Merkel und Frankreichs Präsidenten Sarkozy hart an. Doch Merkel tut so, als seien alle einer Meinung.

Die harmonischen Zeiten innerhalb der schwarz-gelben Bundesregierung sind endgültig vorbei. Nach den Auseinandersetzungen um die Zuwanderung gibt es nun einen Streit um die Neuregelung des EU-Stabilitätspaktes - in dem Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Außenminister Guido Westerwelle (FDP) heftig aneinander geraten.

www.sueddeutsche.de/geld/westerwelle-vs-merkel-destabilisierung-des-regierungsfriedens-1.1014534
Ehemaliger Nutzer schrieb am 23.10.2010 um 14:24
"Taktische Fehlleistung erster Güte"

Zwist in der Bundesregierung: Die FDP tadelt mit immer heftigerer Wortwahl Angela Merkels Kurs beim Stabilitätspakt - und das Einknicken vor Nicolas Sarkozy.

Der Ärger der FDP über die jüngsten finanzpolitischen Zugeständnisse von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) an Frankreich geht deutlich tiefer als bisher angenommen. Ein FDP-Spitzenpolitiker sagte der Süddeutschen Zeitung, es sei eine "taktische Fehlleistung erster Güte", dass Merkel gegenüber dem französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy auf die Einführung automatischer Sanktionen gegen EU-Defizitsünder verzichtet habe.

Die Vizepräsidentin des Europäischen Parlaments, Silvana Koch-Mehrin, sagte der Tageszeitung Die Welt, Merkel habe sich von Sarkozy schlicht über den Tisch ziehen lassen. "Es ist zu befürchten, dass nun weitere deutsche Steuergelder auf dem Altar der deutsch-französischen Freundschaft geopfert werden", so die FDP-Politikerin. "Jetzt bleibt quasi alles beim Alten: Die Regierungen überschuldeter Länder entscheiden über ihre eigenen Strafen."

www.sueddeutsche.de/geld/stabilitaetspakt-fdp-kritik-an-merkel-taktische-fehlleistung-erster-guete-1.1014214
Ehemaliger Nutzer schrieb am 23.10.2010 um 14:24
"Taktische Fehlleistung erster Güte"

Zwist in der Bundesregierung: Die FDP tadelt mit immer heftigerer Wortwahl Angela Merkels Kurs beim Stabilitätspakt - und das Einknicken vor Nicolas Sarkozy.

Der Ärger der FDP über die jüngsten finanzpolitischen Zugeständnisse von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) an Frankreich geht deutlich tiefer als bisher angenommen. Ein FDP-Spitzenpolitiker sagte der Süddeutschen Zeitung, es sei eine "taktische Fehlleistung erster Güte", dass Merkel gegenüber dem französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy auf die Einführung automatischer Sanktionen gegen EU-Defizitsünder verzichtet habe.

Die Vizepräsidentin des Europäischen Parlaments, Silvana Koch-Mehrin, sagte der Tageszeitung Die Welt, Merkel habe sich von Sarkozy schlicht über den Tisch ziehen lassen. "Es ist zu befürchten, dass nun weitere deutsche Steuergelder auf dem Altar der deutsch-französischen Freundschaft geopfert werden", so die FDP-Politikerin. "Jetzt bleibt quasi alles beim Alten: Die Regierungen überschuldeter Länder entscheiden über ihre eigenen Strafen."

www.sueddeutsche.de/geld/stabilitaetspakt-fdp-kritik-an-merkel-taktische-fehlleistung-erster-guete-1.1014214
Tom Strohschneider
vom "Blauen" zum "Roten" geworden
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David Foster Wallace Das hier ist Wasser Kiepenheuer & Witsch 2012

64 Seiten. Kartoniert.

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David Foster Wallace wurde 2005 darum gebeten, vor Absolventen des Kenyon College eine Abschlussrede zu halten. Diese berühmt gewordene Rede gilt in den USA mittlerweile als Klassiker und Pflichtlektüre für alle Abschlussklassen – eine kleine Anleitung für das Leben, die man jedem mit auf den Weg geben möchte >> mehr
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