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Wer am Dienstag berufsmäßigen Chronistenpflichten nachging, der kam mit dem Neuordnen des SPD-Personalpuzzles kaum hinterher: Heil, Steinbrück, Müntefering dankten ab, Steinmeier verzichtete auf den Anspruch, Parteivorsitzender zu werden. Das Revirement in der SPD-Spitze sieht nach Neuanfang aus. Doch mehr als einen Burgfrieden der Strömungen hat die Partei bisher nicht zu Wege gebracht. Mehr noch: Die machiavellistische Grundierung der Rochade setzt Ämterfragen vor politische Überlegungen. Steinmeier hat mit seinem schnellen Griff nach dem Fraktionsvorsitz am Wahlabend die Neuaufstellung der Sozialdemokratie gegen jedes Nachdenken imprägniert. Es blieb: reagieren, nachziehen, Kompromisse aushandeln – dabei spielten die Agenda 2010, die Rentenpolitik oder gar die Rolle der Sozialdemokratie in der kommenden Zeit allenfalls als abhängige Variablen eine Rolle. Dabei hätte es doch umgekehrt sein müssen! Die Forderung nach einem raschen Personalwechsel hat sich letztlich gegen die dahinter stehende Intention, gegen sich selbst gewandt: Neuanfang? Sicher: Einerseits musste die SPD-Linke den Durchmarsch Steinmeiers verhindern (und bekamen dabei Hilfe vom rechten Parteiflügel). Andererseits ging mit der Geschwindigkeit der Schachzüge die Chance verloren, die Frage nach dem Sinn und Ort sozialdemokratischer Politik zu stellen. Sigmar Gabriel könnte jetzt der starke Mann werden, Nahles wird wohl als Generalsekretärin nachfolgen. Für die Führungsriege gelten außerdem Scholz und Wowereit als gesetzt. Was ist damit gewonnen? Man kann es nicht sagen. Erst einmal blickt die Öffentlichkeit nur staunend auf eine komplett umgekrempelte SPD-Führung. Gabriels politischer Kurs ist kaum vorherzusagen, Nahles hat noch vor Monaten vor einer Abkehr von der Agenda-Politik gescheut. Die Basis hatte gar nicht die Chance zu einer Diskussion über Kurs und Inhalt – und es wird in den kommenden Wochen auch nicht einfacher, die Politik über die Flügellogik zu stellen.
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Wowereit scheint wohl am ehesten erkannt zu haben, daß sich grundlegendes ändern muß, z.b. im verhältnis der spd zur linken. Er macht schon seit längerem diesen eindruck. Und ohne eine zwischen den drei oppositionsparteien im bundestag abgestimmte und koordinierte arbeit an verschiedenen kernthemen wie etwa lohngerechtigkeit, steuerpolitik, ökologische und regionale wirtschaft, bildung und umweltpolitik, bei denen in der programmatik von linken, grünen und spd etliche schnittmengen feststellbar sind, wird es kaum gelingen, die wählerinnen und wähler bis 2013 für einen politikwechsel zu gewinnen. Insofern könnte diese wahlniederlage der spd wirklich noch zum katalysator für eine künftige linke alternative werden ... Ja, das klingt vielleicht ein bißchen zu optimistisch, und dafür bedarf es auch mehr als nur personeller veränderungen bei der spd, und selbst diese müssen dahingehend überzeugen, daß man wesentliche kurskorrekturen anstrebt.
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Für mich ist diese Entwicklung keinesfalls verwunderlich. Politische Richtungsdefinition und eindeutige Aussagen fielen in den letzten Wochen gegenüber Sympatie-Wahlkampf und Kompetenzgerangel in ihrer Bedeutung für ALLE Parteien eindeutig zurück. Dies ist eine Tendenz, die nicht nur bei der SPD erkennbar ist, obwohl sie hier am deutlichsten hervortritt. Welcher Politiker wollte in den letzten Tagen und Wochen schon konkrete Stellung zu Themen wie Umweltpolitik oder Wirtschaftkrise nehmen? Keiner. Warum: Es ist gefährlich...Wahrheit kostet Wählerstimmen.
MFG Simon Pschorr |
Ausgabe 22/2012
31.05.2012
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