Tom Strohschneider

Blog von Tom Strohschneider

29.04.2010 | 13:22

Umstrittene Israelkritik, die Taz, eine Podiumsrunde und der Eklat

 

Eine Podiumsdiskussion der Berliner Jüdischen Gemeinde über den Umgang deutscher Medien mit Israel und dem Thema Antisemitismus hat am Dienstagabend zu einem Eklat geführt. Nach dem Grußwort der Gemeindevorsitzenden Lala Süsskind forderte die Gruppe Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost lautstark, die umstrittene Autorin Iris Hefets solle auf dem Podium gehört werden. Nachdem die Veranstalter dies ablehnten, verließ die als Diskussionsgast eingeladene Chefredakteurin der Berliner Tageszeitung, Ines Pohl, das Podium.“

Das ist der trockene Tenor eines Berichts der evangelischen Nachrichtenagentur epd. Wer, wie der Autor, nicht dabei gewesen ist, muss mit dem leben, was er zu lesen und erzählt bekommt. Reicht das, um sich ein Bild zu machen? Was die Veranstaltung angeht, wohl kaum. Wie emotional aufgeladen die Stimmung gewesen sein muss, lässt sich daraus nur erahnen. Allerdings geht es bei dem Konflikt um mehr als nur eine aus dem Ruder gelaufene Diskussionsrunde.

Besagter Hefets-Kommentar hat nicht nur in der Community der Taz und in deren Redaktion für Diskussionen gesorgt, sondern auch jenseits davon einen Resonanzboden in heftige Schwingung versetzt: Wie viel Kritik an Israel ist erlaubt? Wer darf sie wo äußern? Wo fängt Antisemitismus an? Welche Rolle spielt die deutsche Tätervergangenheit bei der Bewertung der Erinnerungskultur anderer? Solche und andere Fragen sind seit langem Treibstoff für eine Diskursmaschine, die – das ist ein persönlicher Eindruck – in den neunziger Jahren vor allem in der linken Szene schnell auf Hochtouren kam, inzwischen keinerlei Erkenntnisgewinn mehr verspricht und mit einer gewissen Zwangsläufigkeit auf Beschimpfungen hinausläuft.

Wie in diesem Fall: Auf dem Podium, von dem es heißt, es sei Eklat geendet, saßen der Chefredakteur des Tagesspiegel, Stephan-Andreas Casdorff, sein Welt-Kollege Thomas Schmid und eben Ines Pohl von der Tageszeitung sowie Perlentaucher-Mitgründer Thierry Chervel als Moderator. Eingeladen hatte die Jüdische Gemeinde zu Berlin. Über den Gang der Ereignisse kann man sich von verschiedener Seite unterrichten lassen. Und natürlich weiß es ein jeder ganz genau, keine Widerrede! „Wahrheit“ wird bei diesem Thema nicht in Gramm gemessen, sondern in Tonnen. Eine unkommentierte Gegenüberstellung:

Worum sollte es gehen?

Es ging um die Frage, warum in der deutschen Öffentlichkeit immer wieder jüdische Menschen mit wenig repräsentativen Meinungen zu Wort kommen, mit Israelkritik in einer Sprache, die die Grenzen der Geschmacklosigkeit überschreitet, und die bisweilen nachweisbar antisemitische Thesen vertreten. Gefragt werden sollten die anwesenden Chefredakteure und Herausgeber, wie sie diese Tatsache begründen“, heißt es bei der Jüdischen Gemeinde.

Anders die Jüdische Stimme: „Die Tatsache, dass Iris Hefets als Autorin des Kommentars nicht eingeladen wurde, sich auf dem Podium öffentlich zu erklären, spricht für sich. Im Einladungstext fehlt zudem jeder Hinweis darauf, dass sie Israelin und Mitglied unserer Organisation ist. Beides ist öffentlich bekannt. Der Diskurs mit unserer Organisation ist nicht offenkundig gewollt. Es soll nicht sichtbar werden, dass die Jüdische Gemeinde zu Berlin nicht im Namen aller hier lebenden Juden und der Staat Israel nicht im Interesse der 'jüdischen Welt' handelt. Stattdessen zieht es die Jüdische Gemeinde vor, mit befreundeten Vertretern der deutschen Presse die Tageszeitung auf ein Anklagepodium zu zerren, damit auch hier Ruhe in Sachen Israel einkehrt", meinte die Organisation - schon bevor das Podium stattgefunden hatte.

Wer hat den Eklat verursacht?

Abgesehen davon, dass diese Frage gar keine eindeutige Antwort kennen dürfte – sowohl der Perlentaucher als auch Welt-Chef Schmid hatten genau eine solche: Ines Pohl wars. Ja, die Taz-Frau soll den Eklat sogar fingiert haben. „Es war wie im Theater. Ines Pohl hat es hinbekommen, vor einer Diskussion zu kneifen und dabei als Mutter Courage abzugehen! Sie hatte der Zusammensetzung des Podiums und der Fragestellung des Abends zugestimmt, nun musste es wirken, als hätte sie die Jüdische Gemeinde von vornherein übertölpeln wollen“, schreibt Anja Seeliger im Perlentaucher-Redaktionsblog. Und der schwer am Sündenstolz gewendeter Revolutionäre tragende Springer-Mann Schmid warf Pohl vor, den Krach inszeniert zu haben, um sich der Diskussion zu entziehen. Die Jüdische Gemeinde zeigte sich enttäuscht: „Nicht erwartet haben wir diese destruktive und aggressive Form der Störung und schon gar nicht die Solidarisierung und den stillosen Abgang der Chefredakteurin einer Tageszeitung.“

Die Taz-Chefredakteurin hat sich dagegen verteidigt: „Der Ton der Veranstaltung wurde bereits durch das Grußwort bestimmt, es wurde schnell polemisch“, sagte sie dem epd. "Ich wurde als Nazi-Sau beschimpft und bespuckt." Dass die Autorin Hefets „so in den Mittelpunkt der Veranstaltung gestellt wurde“, sei gegen die Absprache gewesen. Pohl halte es „für ein zutiefst antidemokratisches Verhalten, eine Einzelperson wie die Autorin so hart anzugreifen“. Zum Vorwurf von Schmid sagte sie: „Ich verwahre mich gegen den Vorwurf der Inszenierung eines Eklats: Ich bin Journalistin und keine Aktivistin.“ Den Dialog wolle man dennoch „nicht abbrechen lassen“, so die Taz-Chefin, sie habe bereits versucht, die Jüdische gemeinde wegen einer neuen Veranstaltung zu kontaktieren. Unter der Überschrift „Spucken und Schreien“ berichtete die Tageszeitung über den „Tumult“ in ausgewiesen zurückhaltender Form.

Der aktuelle Anlass und eine Replik

"Das Holocaust-Gedenken ist zu einer Art Religion geworden", stand über dem Beitrag von Iris Hefets, der Anfang März in der Taz unter der Überschrift „Pilgerfahrt nach Auschwitz“ erschien und dem Podium ein Anlass war, über Israelkritik, Antisemitismus und Gedenken zu diskutieren. „Bei diesem Schoah-Kult handelt es sich, so muss man wohl sagen, um eine Art Religion mit festen Ritualen. Dazu gehört – ungeachtet aller heutigen Realitäten – die feste Überzeugung, die Deutschen seien die ewigen Täter und die Israelis die ewigen Opfer, weshalb die Gesetze und Regeln demokratischer Staaten für Letztere nicht zu gelten hätten: ein Sonderfall halt.“

Ein paar Tage später antwortete Alexander Hasgall ebenfalls in der Tageszeitung auf Hefets Thesen: Wer Israel dämonisiert, spielt nur Antisemiten in die Hände. „Hefets Kernthese lautet, dass man sich aufgrund des Holocaust in Deutschland nicht traue, Israel offen zu kritisieren. Um zu belegen, dass dies jeder Grundlage entbehrt, genügt die regelmäßige Lektüre deutscher Tageszeitungen; auch auf die jüngsten kritischen Äußerungen der deutschen Kanzlerin zum Siedlungsbau sei hier verwiesen. Hefets ist nicht an einer ernsthaften Auseinandersetzung mit dem Gedenken an die Schoah gelegen, vielmehr lässt sie ihren antiisraelischen Gefühlen freien Lauf. Dabei ist eine differenzierte Auseinandersetzung über die Frage, wie angemessen an die Schoah erinnert werden kann, durchaus notwendig. Dass dieser Umgang nicht immer frei von Pathos, politischer Instrumentalisierung und Kitsch ist, wird niemand bestreiten. Wer aber das Gedenken an die Schoah pauschal als irrationalen Kult abstempelt, der beleidigt nicht nur das Andenken an die Opfer, sondern darf sich nicht beklagen, wenn er Applaus von Revisionisten jeder Couleur bekommt."

 

 

 

 
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Kommentare
Rahab schrieb am 29.04.2010 um 13:32
Ehemaliger Nutzer schrieb am 29.04.2010 um 13:51
Bravo!: ....am Sündenstolz gewendeter Revolutionäre tragende Springer-Mann Schmid.

Das Gute an all diesen Diskussionen über Israel ist, das es Israel selbst ziemlich egal ist WAS über Israel geredet wird, Hauptsache es wird geredet.
goedzak schrieb am 29.04.2010 um 14:34
Bin wirklich froh, dass hier noch solche Artikel erscheinen, die mit sachlicher Distanz auf diese 'links'-masochistischen Querelen schauen.
Dass das eine 'Diskussion' ist, die "...inzwischen keinerlei Erkenntnisgewinn mehr verspricht und mit einer gewissen Zwangsläufigkeit auf Beschimpfungen hinausläuft", ist leider nur zu wahr, und hat man ja hier in der C. auch schon studieren können.

Das Bedenklichste ist, dass heute aus bestimmten 'linken' Kreisen heraus unter dem Vorwand der Israelsolidarität jegliche Kapitalismus- und Ideologiekritik unter Verdacht gestellt wird.
Mario99 schrieb am 29.04.2010 um 21:28
Die von dir beschriebenen Kreise sind keine Linken und auch keine "linken". Sie bezeichnen sich nicht einmal selber so. Diese Kreise sind Antideutsche welche eindeutig als Teil der "neuen" Rechten sind. Ihr Motto lautet sinngemäß: "Mit Israel gegen die islamische Welt". Dabei nehmen sie weder auf demokratisches Unrecht noch auf irgendwas anderes Rücksicht.
Keiner der sich auf den Humanismus beruft, würde das fordern was die Antideutschen fordern - wer die atomare Auslöschung von Großstädten fordert ist alles - aber bestimmt kein Linker.
crumar schrieb am 03.05.2010 um 10:14
Deine Einschätzung teile ich.
Was mich ärgert, ist die komplette Kenntnislosigkeit der Debatte.

Wer sich "Defamation" von Yoav Shamir anschaut, wird die politische Absicht hinter dem Ritual entdecken.
Hier werden jugendliche Israelis politisch indoktriniert.

Dass Finkelstein genau diese schamlose Nutzung des Holocaust durch die israelische Regierung anprangert ist richtig und das kann er auch noch belegen.
Hier in einer Debatte:
www.youtube.com/watch?v=TCKTKMFTprM

Was in dem taz-Artikel gesagt wurde, ist traurigerweise nicht polemisch, es ist ganz einfach wahr.
Alien59 schrieb am 29.04.2010 um 14:46
Eins fällt auf: Ines Pohl ist als Tag genannt - Iris Hefets nicht. Keine Absicht, aber schade, ich meine mich auch zu erinnern, dass das schonmal genau so passierte.

Ansonsten kann ich mir Goedzak anschließen.
Mal sehen, ob da noch etwas nachkommt.
Tom Strohschneider schrieb am 29.04.2010 um 14:59
ich hab die tags ergänzt.
Columbus schrieb am 29.04.2010 um 16:02
"Die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, Süsskind, lehnte eine Stellungnahme von Hefets im Rahmen der Diskussionsveranstaltung mit der Begründung ab: "Ich muss Anti-Juden hier kein Forum bieten.""(epd)

Lieber Tom Strohschneider,

Sie gehen die Sache schon ganz richtig an, wenn Sie den leer laufende, d.h. unnütze, Treibstoffverheizung der "Diskursmaschine" offen legen. Frau Hefets reagierte ja in dem taz-Artikel auf die Serie von "Ausladungen" durch Stiftungen und jüdischen Institutionen, sowie durch Kirchengemeinden, die beeinflusst oder aus eigenem Antrieb, weder israelische Kritiker, noch kritische Historiker zum Thema hören wollten. - Was für ein Wort, wenn man vorher Einladungen verschickte!

Die scheinrationale Begründung der Veranstalter lautet regelmäßig, es sei ihre Freiheit, ihr Recht, ihr Hausherren-Dasein, zu laden wen sie wollten. - Das stimmt und doch geht es wiederum nicht so einfach.

Denn wer bei einem so wichtigen Thema, es ist ja der Frau Hefets, oder der Chefredakteurin der taz, ebenso wichtig, wie den Veranstaltern, eine kritische Gegenstimme mit den oben genannten Worten abblockt, der nährt schon den Verdacht, er selbst wolle eine bestimmte Sicht der Dinge, seine Sicht der Dinge, ganz allein und ungestört auf dem Podium, vor der Öffentlichkeit vertreten sehen. - Frau Pohl ist sicher nicht wegen der Ablehnung einer Podiumsteilnahme oder Stellungnahme der Frau Hefets aufgestanden und gegangen, sondern wegen der Art der Zurückweisung.

Sollte Lala Süsskind tatsächlich gesagt haben, was bei der epd berichtet wird, dann ist auch Frau Pohls Reaktion konsequent und der üble Nachruf, sie stelle sich nicht der Diskussion, entziehe sich elegant mit einem Eklat, nur eine weitere polemische und hämische Bemerkung, wie sie aber, so muss ich leider feststellen, bei fast jeder Diskussion in diesen Fragen, "Bedeutung der Shoah" und "Israel heute", vor kommt. -
Goedzak beschrieb das schon sehr treffend. - Irgend einer steht immer auf und versucht persönlich zu beleidigen.

Auch Frau Hefets Artikel in der taz war gespickt mit Polemik. Aber ihre Feststellungen zum Umgang mit den Israel-kritischen Historikern, Journalisten und Autoren aus Israel oder den USA, trifft zu. Auch Frau Hefets wollte Reaktionen. - Aber der Vorwurf, sie sei "antijüdisch", der ist unhaltbar und unbelegbar. Das ist ein Totschlagargument und jeder weiß es.

Das Gedenken und auch die Art des Gedenkens an den Holocaust, die Shoah, die sind schon unverzichtbarer Teil der Kultur und Bildung in unserem Land. Aber nicht hauptsächlich, weil es um eine Schuld der Nachgeborenen ginge, sondern weil dieser Staat Deutschland, so wie er heute existiert, die Antithese zum Nazistaat ist. - Also, Gedächtnis und Erinnerung sind in diesem Falle eine Notwendigkeit, weil die Bundesrepublik ja auch vor dem Problem steht, derzeit wesentliche Glaubenssätze ihres Gründungsverständnisses über Bord zu werfen.

Beim Militäreinsatz außerhalb der Landes- oder der Bündnisgrenzen ist man schon zu weit gegangen und trotzdem dorrt die Hand der verantwortlichen Politiker nicht ab, und trotzdem werden diese wieder gewählt.

Mich erinnert die Situation der Linken in Israel an die Situation der pazifistischen Sozialisten vor dem ersten Weltkrieg. Die Leitfigur ist Jean Jaurès.

Die meisten Linken wissen, dass es keinen Frieden und keine Sicherheit ohne Gerechtigkeit für die Palästinenser geben kann und sie wissen auch, dass Israel jeden Tag den die Besatzung andauert, keine zwei Staaten existieren und ganz Jerusalem als israelischer Besitz bezeichnet wird, ein Stück mehr Unrecht in die Welt setzt.

Das Unrecht und das Menschheitsverbrechen an den Juden, von Deutschen begangen, ändert daran nicht ein Jota.

Aber, als "vaterlandslose" Gesellen und Gesellinnen lebt es sich seit geraumer Zeit nicht mehr gut in Israel. "Halt die Klappe", hallt es vordergründig oder mehr mit Chuzpa hinten herum, erfolgen die Ausgrenzungen.

Wer sich im Unrecht fühlt, der muss seine Kritiker verteufeln, der muss sie als "Judenfeinde" brandmarken.
An die Stelle des Arguments tritt der zelotische Eifer.

Liebe Grüße

Christoph Leusch
Mario99 schrieb am 29.04.2010 um 21:37
"Hefets Kernthese lautet, dass man sich aufgrund des Holocaust in Deutschland nicht traue, Israel offen zu kritisieren."

Dieser Absatz ist FALSCH. Es stimmt einfach nicht, dass sich die Regierung nicht traut Israel zu kritisierten, die Frage ist eher: Warum sollte sie es tun? Es ist eine Tatsache das die NATO (und damit auch Deutschland) von Israel ist Schäfer der Öl-Schafe gebraucht wird. Darum noch einmal die Frage: Warum soll man den Schäfer kritisieren? Die Regierung kritisiert ja auch nicht Usbekistan. Zur Erinnerung: In Usbekistan wurden vor 5 Jahren über tausend Demonstranten ermordet - und es gab keine Kritik von der Regierung. Nur ein Jahr später war das Thema obsulet und heute redet kein Schwein mehr davon. Der Grund ist einfach das Usbekistan unser Freund ist - und den kritisiert man halt nicht. Und genau deshalb gibt es auch keine Kritik an Israel.
Wir müssen es halt einsehen: Staaten haben kein Interesse an Gleichheit sondern nur an ihrem Vorteil. Allerdings muss das nicht für die Bevölkerung gelten - es ist an jedem selbst etwas an den Verhältnissen zu ändern, zum guten oder schlechten.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 30.04.2010 um 00:16
Eigentlich mag ich hier nicht Links hochladen, aber das Israel-Kritik auch konstruktiv sein kann ist keine Phantasiererei:

A Middle East Peace That Could Happen (But Won’t)
In Washington-Speak, “Palestinian State” Means “Fried Chicken”

www.tomdispatch.com/post/175239/tomgram%3A_noam_chomsky%2C_eyeless_in_gaza___/
Columbus schrieb am 30.04.2010 um 00:45
Ein Aspekt ist mir im Nachgang noch aufgefallen. Der "Perlentaucher" hat schon eine gewichtige "Gate-keeper" Funktion, jedenfalls was den professionellen Blick und den der Interessierten auf die erreichbare deutsche Feuilletonwelt angeht. - Wenn da Leute mit recht festgefügten Positionen und Bias auswerten, dann hat das langfristig Auswirkungen.

Interessant, dass sich kaum jemand mit der Rolle des "Moderators" Thierry Chervel beschäftigte. - Der ist nämlich schon seit geraumer Zeit zu der Fraktion zu rechnen, die sich für so gut halten, dass sie sicher sagen können wer der Böse ist. - Achsen des Guten, Achsen des Bösen, Achsenmächte, das klingt alles wie zu Olims Zeiten. Hier noch ein Link, der mehr zur Atmosphäre und den Begleitumständen berichtet:

www.hintergrund.de/20100428854/politik/inland/intellektueller-notstand-berliner-polizisten-fuehren-regierungskritische-israelis-ab.html

Liebe Grüße
Christoph Leusch
Angelia schrieb am 01.05.2010 um 23:25
Ich finde es schwer, mir anhand des hier geschilderten Vorfalls eine Meinung zu bilden. Man war nicht dabei und soll anhand von Hören - Sagen bewerten. Bisschen schwierig. Aber ich habe den Artikel von Frau Iris Hefets gelesen und finde die kritische Auseinandersetzung mit dem Thema: “Instrumentalisierung der Schoah” sehr mutig. Nun kann man darüber streiten, ob mit dem Wort "Schoah" der Völkermord an den Juden mit der Aura des Unfassbaren, des Heiligen ummantelt, in das Reich des Sakralen erhoben wird und so jedwede Kritik an der israelischen Politik im Keim erstickt wird.
Es ist aber nun mal so, dass Menschen:
1.in der Lage sind ,selbst aus dem schlimmsten Unheil noch einen positiven Nutzen zu ziehen. Und Menschen tun es auch. In der Medizin kennt man dafür den Begriff: sekundärer Krankheitsgewinn. Die Krankheit wird als Instrument zur emotionalen und moralischen Erpressung der Angehörigen und Pflegenden benutzt.

Ich finde schon, dass die jüdische Gemeinde sich dieser Kritik stellen und sich selbstkritisch betrachten sollte. Insbesondere wegen ihrer moralischen Verantwortung gegenüber der 6 Mill. ermordeten Juden. Wenn ich mich nicht irre, thematisiert die jüdische Friedensbewegung um Uri Avnery dieses Thema ebenfalls.

Natürlich gibt es:
2. auch immer noch Antisemitismus und Jundenhass. Gern werden solche Anlässe wie der im Artikel beschriebe bekanntermaßen dazu genutzt, genau diese Ressentiments weiter zu schüren.

Beide Faktoren verkomplizieren jeden Diskurs nicht nur, sondern boykottieren jeden Versuch einer differenzierten Auseinandersetzung; -somit natürlich auch jedweden Ansätz zur Problemlösung - weil man nämlich genau das wahrscheinlich gar nicht will. Aber trotzdem sind Problemlösungen nicht unmöglich.

Welches Ziel die Podiumsdiskussion haben sollte, kann ich nun wirklich nicht beurteilen.
Bernd Marnet schrieb am 03.05.2010 um 06:52
Man könnte die Frage stellen, ob das Thema insgesamt nicht falsch angegangen wird. Israelkritik vs. Israelsolidarität ist meiner Meinung nach zu wenig differenziert: man kann politische Positionen verurteilen -dazu bieten Liebermann und Bibi genug Chancen-, aber nicht einen Staat oder eine Gesellschaft. Umgekehrt kann man solidarisch mit Israelis sein, deren Kindergärten mit selbstgebauten Raketen beschossen werden, aber nicht alles abnicken, was in der israelischen Politik passiert.
thielsby schrieb am 03.05.2010 um 14:49
All diese Dispute zum Thema "Kritik an Israel - zulässig oder unzulässig" sind in der Regel ideologisch und demagogisch aufgeheizt und werden selten sachlich geführt. Aber unabhängig von der Situation im Nahen Osten interessiert mich hier auch noch etwas anderes: Dem Holocaust fielen ca. 6 Millionen Juden als Ergebnis Hitlerscher Politik zum Opfer; wohingegen die damalige Sowjetunion, deren Bewohner ja ebenso als rassisch minderwertig klassifiziert wurden, am Ende ca. 17 Millionen zivile Opfer, und zwar ohne die 3,5 Millionen verhungerter Kriegsgefangener, zu beklagen hatte. Das hat aber in keinster Weise dazu geführt, daß man sich in Deutschland angesichts dieser Vergangenheit mit Kritik an der UdSSR bzw. heute Rußland zurückgehalten hätte. Eher ist das Gegenteil der Fall. Wieviel Ideologie ist hier im Spiel?
Tom Strohschneider
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