Ulrich Heyden

Augen auf in Moskau

08.11.2010 | 17:48

Eineinhalb Minuten Hölle

Der staatliche russische Fernsehkanal NTW zeigte heute Abend in seiner Hauptnachrichtensendung Teile von Videos, die den brutalen Überfall auf den Kommersant-Reporter Oleg Kaschin dokumentieren. Die Aufnahmen stammen von einer Überwachungskamera. Sie war angebracht an dem Haus im Zentrum von Moskau, wo Oleg Kaschin eine Wohnung gemietet hatte. Das russische Internet-Portal Life.ru hatte zuvor zwei Videos der Überwachungskamera ins Netz gestellt. Leute mit schwachen Nerven sollten sich die Bilder lieber nicht ansehen, warnte das Internetportal seine Besucher. Die unbekannten Angreifer, die in der Nacht von Freitag auf Sonnabend, getarnt mit einem Blumenstrauß, auf den Journalisten warteten, schlugen genau eine Minute und 26 Sekunden mit Stangen auf Kaschin ein. Nachdem die Täter geflüchtet waren, gelang es dem 30jährigen Journalisten sich aufzurappeln. Doch erst beim Zweiten Versuch gelang es Kaschin auf den Beinen zu bleiben und das Codeschloss am Metallgitterzaun vor seinem Haus zu öffnen.  Wenige Sekunden später kam der Hausmeister angelaufen, der einen Notarztwagen alarmiert hatte. Die Ärzte im Krankenhaus diagnostizierten den Bruch der beiden Unterschenkel, gebrochene Ober- und Unterkiefer, eine Gehirnerschütterung und zerschlagene Finger. Nach einer Operation setzen die Ärzte das Opfer in ein künstliches Koma. Dieser Zustand, der das Opfer schützen soll, wurde bisher nicht beendet.

www.lifenews.ru/news/42779 (Teil 1)

www.lifenews.ru/news/42814 (Teil 2)

 

 
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Kommentare
Belle Hopes schrieb am 08.11.2010 um 18:17
...und da hör ich vorhin im radio putins handpuppe medwedew ehrt die arbeit der journalisten...das nennt man dann wohl image- aufwertung.
h.yuren schrieb am 08.11.2010 um 18:57
was sich so alles in der welt, so auch in russland, demokratisch schimpft, ist es mitnichten. dazu fehlen alle voraussetzungen.

vergessen wir aber nicht den blick auf den eigenen zirkus. journalisten können oft nicht ihre berufsbezeichnung korrekt aussprechen. hauptsache, sie liegen auf kurs.
gleichschaltung ist nicht mehr nötig. die massenmedien gehen freiwillig mit den regierenden auf jagd.
konkret: die brd-medien im jugoslawienkrieg, die us-medien vorm und im irakkrieg.

es wird hier wie überall in der welt viel über demokratie geredet, aber wenig über sie nachgedacht, noch weniger an ihr gearbeitet.
Belle Hopes schrieb am 08.11.2010 um 19:16
ist der beitrag nicht ein "daran arbeiten"?
h.yuren schrieb am 08.11.2010 um 22:40
in gewisser weise schon, liebe belle hopes. aber doch auch nur in gewisser weise.
Joachim Petrick schrieb am 09.11.2010 um 01:15
Merkwürdig wundersame Tonlagen erreichen uns da aus dem Munde des Russischen präsidenten Medwedew, der, angesichts dieses Angriffs auf einen freien russichen Journalisten, verkündet, der russiche Staat sei in der Pflicht, seine engagierten Journalisten/innen besser zu schützen..
rolf netzmann schrieb am 09.11.2010 um 04:40
Pressefreiheit und Russland, es passt immer weniger zusammen. Kritische Medien müssen seit Jahren mit staatlichen Repressionen leben, der Fall Politkowskaja, einer ebenfalls ermordeten kritischen und prominenten Journalistin, hat deutlich aufgezeigt, wie gefährlich dieser Beruf und investigatives Recherchieren in Russland ist. Dass der Präsident jetzt mehr Schutz für Journalisten fordert, ist nicht mehr als ein hohles Lippenbekenntnis, hätte er doch die Möglichkeiten, real etwas zu verändern....
Ulrich Heyden schrieb am 09.11.2010 um 20:09
Die Situation in Russland ist nicht so aussichtslos, wie es scheint. 2.300 Journalisten haben einen Brief an den russischen Präsidenten Dmitri Medwedew unterzeichnet, indem sie eine Aufklärung des Überfalls auf Oleg Kaschin und eine Bestrafung der Täter fordern. Unterzeichnet haben sowohl Journalisten, Redakteure und Korrespondenten von liberalen Medien als auch von den großen staatlichen Fernsehsendern, wie Pervi Kanal und NTW. Eine solch breite Journalisten-Solidarität hat es seit neun Jahren (Anlass damals war der Eigentümerwechsel bei NTW) nicht mehr gegeben. Immerhin: Präsident Medwedew hat jetzt besonders harte Strafen für Angriffe auf Journalisten gefordert und ausdrücklich auch kritischen und radikalen Journalisten das Recht auf eine geschützte Arbeit zugebilligt. Putin hatte die Planke 2006 allerdings sehr tief gesetzt. Man erinnert sich mit Grausen an seinen Spruch nach dem Mordanschlag auf Anna Politkowskaja, ihr Tod habe Russland mehr geschadet, als die Artikel der Journalistin.
Immerhin hat der brutale Überfall auf Kaschin jetzt auch zur Folge, dass es kritische Journalisten-Stimmen bis in die Hauptnachrichtensendungen der staatlichen Fernsehkanäle schaffen. So erklärte heute Abend der Chefredakteur der Novaya Gazeta, Dmitri Muratow, im Kanal Rossija 2, das Wichtigste sei die „Änderung des Klima im Land“. Man müsse aufhören, kritische Journalisten als potentielle Staatsfeinde zu verdächtigen.
Ulrich Heyden
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