Ulrich Heyden

Augen auf in Moskau

27.12.2010 | 20:22

Moskauer Lichtblick

Nachdem es in Moskau zwei Wochen nationalistische Jugend-Krawallen gab, haben nun endlich Liberale und Intellektuelle ihre Stimme erhoben. Am Sonntag beteiligten sich auf dem Puschkin-Platz im Zentrum der Hauptstadt 2.500 Menschen an einer Kundgebung unter dem Motto „Moskau für Alle“. Immer wieder schallte der Ruf „Der Faschismus kommt nicht durch“ über den Platz. 
Auf die Aktion des bürgerlichen Gewissens hatten Viele sehnlichst gewartet, denn durch die Krawalle rechter Fußball-Fans, die mit massiver Unterstützung rechtsradikaler Kreise in regelrechte Jugend-Krawalle ausarteten, hatte sich das politische Klima in der Stadt merklich verschlechtert. Der Mob stellte die staatliche Migrations-Politik als zu lasch an den Pranger. Direkt vor dem Kreml hoben Hunderte den Arm zum Hitler-Gruß. Doch der Staat reagierte konzeptlos. Medwedew und Putin fordern nun in unterschiedlichen Tonlagen Toleranz zwischen den Ethnien. Putin fordert zusätzlich eine Verschärfung der Aufenthaltsbestimmungen für Migranten aus dem russischen Nordkaukasus und den ehemaligen Sowjetrepubliken. Doch ob derartige Ankündigungen die russische Mehrheitsbevölkerung überzeugen, ist unsicher. Die Polizei gilt wegen der Korruption als durchsetzungsschwach. Ein Konzept für eine moderne Migrationspolitik hat der Kreml bisher nicht entwickelt.
Vor diesem Hintergrund war die Kundgebung auf dem Puschkin-Platz ein echter Lichtblick, obwohl gar nicht alle Antifaschisten dabei waren. So fehlte die Moskauer Antifa. Die Kundgebung hatte der bekannte Journalist und Satiriker, Viktor Schenderowitsch organisiert. Zu den Rednern gehörten der Filmregisseur Valeri Todorowski, die Theaterregisseurin Genrietta Janowskaja und der Schriftsteller Dmitri Bykow. www.youtube.com/watch?v=RXUO00RPNm8 ; Parteienvertreter waren als Sprecher nicht zugelassen. Am Lautsprecherwagen hingen Transparente mit der Aufschrift „Die Welt ist bunt und nicht braun“, „Hitler kaputt“, „Das ist unsere Stadt“. Einige junge Frauen hielten Tafeln in die Höhe, auf denen sie ihre Liebe zum usbekischen Reisgericht Plow und der georgischen Käse-Pizza Chadschipuri erklärten.
Zum Ende der Kundgebung erklang der Lennon-Song „Imagine“. Die Teilnehmer der Kundgebung wollten vor allem zeigen, dass es nicht die Nationalisten sein dürfen, die bestimmen, wer zu Russland gehört.

 
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Kommentare
luggi schrieb am 27.12.2010 um 22:09
Schuld ist das alte sowjetische System mit seinem vermaledeiten Internationalismus und seiner missbrauchten Floskel von der internationalen Solidarität. Glaub ich mal, nicht?
Ulrich Heyden schrieb am 27.12.2010 um 23:02
Das kommt nicht hin. Die Jugendlichen, die jetzt mit der Parole "Russland den Russen" durch die Straßen ziehen, sind zwischen 14 und 20 Jahre alt. Mir scheint, es handelt sich um mehrere Faktoren, Krisenangst, Überlebenskampf, nach Unten treten. Auch der Tschetschenienkrieg, der 1994 unter Boris Jelzin begann, hat zur Schaffung eines Feindbildes beigetragen.
luggi schrieb am 27.12.2010 um 23:08
Schuldigung, mein Komment war doch sarkastisch gemeint. An und für sich stimmt es dann wieder, glaub ich mal.
Knüppel schrieb am 27.12.2010 um 23:02
Free Michail Chodorkowski !!!

Der Anti-Faschist und Putin-Gegner wurde heute in einem politischen Prozess erneut verurteilt; er ist unschuldig!
de.wikipedia.org/wiki/Michail_Borissowitsch_Chodorkowski
Ulrich Heyden schrieb am 27.12.2010 um 23:09
Ach ja? Wusste garnicht, dass Chodorkowski sich zum Thema Neonazis mal irgendwo geäußert hat.
Knüppel schrieb am 28.12.2010 um 00:55
"(...) Ach ja? Wusste garnicht, dass Chodorkowski sich zum Thema Neonazis mal irgendwo geäußert hat ..."

Na dann recherchieren Sie doch einfach mal ...

Ich werde Ihnen morgen entsprechende Quellen nennen; jetzt gehe ich zu Bett (muss morgen wieder früh raus).

Gruß
SP
Flagman schrieb am 28.12.2010 um 06:20
Schon die vom Autor verwendeten Formulierungen, wie etwa "Krawalle rechter Fußball-Fans, die mit massiver Unterstützung rechtsradikaler Kreise in regelrechte Jugend-Krawalle ausarteten", sind ein Hinweis darauf, dass in Hinblick auf die russische Politik in Deutschland gebräuchliche Einordnungen wie "links" bzw. "rechts" nicht sinnvoll sind.

So vertritt etwa die Partei der Nationalbolsheviki in vieler Hinsicht Positionen die als links bewertet werden können- und ganz sicher haben nicht nur rechte Fussball-Fans die Krawalle ausgelöst. In Russland ist eben vieles anders...
Knüppel schrieb am 28.12.2010 um 15:18
"Chodorkowski - Ein russischer Prozess", ARD 27.12.2010 - 23.45 Uhr -
www.ardmediathek.de/ard/servlet/content/3517136?documentId=6145672
Ulrich Heyden schrieb am 28.12.2010 um 16:38
@Flagman: "So vertritt etwa die Partei der Nationalbolsheviki in vieler Hinsicht Positionen die als links bewertet werden können- und ganz sicher haben nicht nur rechte Fussball-Fans die Krawalle ausgelöst. In Russland ist eben vieles anders..."

Die rechten Jugend-Krawalle lösen nur bei einem Teil der Moskauer Entsetzen aus. Ein anderer Teil denkt offenbar, ´das (Russland den Russen) musste mal gesagt werden´. Wie konnte es so weit kommen? Wenn in eine eh schon überfüllte 11-Millionen-Stadt mit sozialen Problemen Hunderttausende Gastarbeiter ziehen, ohne dass die Regierung aktiv für Toleranz wirbt und über das Leben anderer Kulturen aufklärt, führt das zwangsläufig irgendwann zum Knall. Die Kundgebung auf dem Puschkin-Platz setzte ein Signal, welches eigentlich von Putin und Medwedew hätte kommen müssen.

@SexPower: "Der Anti-Faschist und Putin-Gegner wurde heute in einem politischen Prozess erneut verurteilt; er ist unschuldig!"

Wird Chodorkowski zum "Anti-Faschisten", weil er auf Weisung von Putin eingeknastet wurde? Putin wäre nach dieser Rollenverteilung dann der "Faschist"?
Flagman schrieb am 28.12.2010 um 17:28
@Ulrich Heyden: Also zunächst ging es mir ja um die von ihnen verwendeten Kategorien "links" und "rechts- und da sehe ich, dass in Russland die verschiedensten politischen Strömungen einerseits oft an traditionell „rechte“ Werte anknüpfen wollen, etwa an staatliche Autorität, Disziplin oder geregelte Umgangsformen. Andererseits nehmen russische Politiker aber oft gleichzeitig Bezug auf andere Werte welche in der Sowjetunion hochgehalten wurden und traditionell als „links“ gelten, etwa die (weitgehende) Gleichheit aller Bürger- und auch der Internationalismus hat zumindest in der russischen Aussenpolitik nicht ausgedient, wenn man ihn etwa gegen die Ansprüche der vermeintlichen Hegemonialmacht USA verwenden kann.
Was die Immigration betrifft haben sie recht- aber latenter Hass und Gewaltbereitschaft sind doch bereits seit langer Zeit in weiten Teilen der russischen Gesellschaft vorhanden, von daher bezweifle ich auch, dass es sinnvoll ist, die aktuellen Jugend-Krawalle als "rechts" zu bezeichnen. Und man sollte auch nicht vergessen, das etliche "Migranten aus dem russischen Nordkaukasus" ihr Geld in Moskau eben nicht auf legale Weise verdienen, das rechtfertigt keineswegs Gewalt gegen diese Gruppen- aber ihre Bezeichnung "Gastarbeiter" für diese Migranten klingt in vielen russischen Ohren wahrscheinlich eher lächerlich, wenn man diesen Begriff denn überhaupt sinnvoll in die russische Sprache übersetzen kann.
Ulrich Heyden schrieb am 28.12.2010 um 18:21
@Flagman: Wenn liberale und linke Analytiker in Moskau über die Jugendlichen reden, die jetzt mit dem Slogan "Russland den Russen" auf die Straße gehen, dann ist oft die Rede von "Kascha" (Brei) in den Köpfen. Tatsächlich mischt bei den Jugendlichen alles Mögliche was sich nur sehr mühsam in rechte und linke Körbchen sortieren lässt.
Es gibt in Russland noch keine Staatsideologie. Das, was das Land zusammenhält ist ein Gemisch aus staatlichen Sozialhilfen (sowjetische Tradition), radikaler Marktwirtschaft russisch-orthodoxem Glauben und schlichtem Überlebenskampf.
Dass die Migranten ihr Geld auf nichtlegale Weise verdienen ist ein arg vergröbertes Bild. Um Sozialabgaben und die umständlichen Prozeduren für die Aufenthalts- und Arbeitsgenehigungen zu umgehen, beschäftigen russische Unternehmer Migranten bevorzugt als billige Schwarzarbeiter.
Im russischen Sprachgebrauch hat sich für die Migranten aus dem Nordkaukasus und Zentralasien übrigens seit einigen Jahren das deutsche Wort "Gastarbeiter" eingebürgert. Das sich Migranten in Russland frei bewegen und aus GUS-Staaten - außer Georgien - ohne Visum einreisen können, ist eine für Russland völlig neue Situation. Deshalb benutzt man wohl ein ausländisches Wort für die Migranten.
Flagman schrieb am 28.12.2010 um 21:33
Der "Kascha" in den Köpfen der jungen Leute dürfte eben auch Ausdruck des ideologischen "Kaschas" sein der diese Jugendlichen in ihrem Land umgibt. Und: Natürlich werden Migranten in Russland bevorzugt als billige Schwarzarbeiter missbraucht...und mit den Sozialabgaben und den "Prozeduren für die Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigung" haben sie ja auch schon ein wichtiges Feld benannt auf dem die russische Regierung Ordnung schaffen kann und Ordnung schaffen sollte, schon allein hierbei handelt es sich um eine riesengrosse Herausforderung, wenn man bedenkt wer alles vom jetzigen korrupten System der Bürokratie profitiert.
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