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Zur Wahl des französischen Präsidenten erschien 2007 ein Video, das Szenen aus Luc Bessons ein Jahr vorher gedrehtem Meisterwerk Jeanne d'Arc zwecks Aufforderung, Le Pen zu wählen mit Parolen des Front National unterlegte: Die Schlacht ist zu Ende. Auf der blutgetränkten, dampfenden Erde liegen die Kämpfer - wie tot. Eine junge schöne Frau in Rüstung erhebt sich mühevoll und berührt die Geschlagenen, die sich ebenfalls aufrappeln. Für die Ehre Frankreichs! Im Körper der Frau steckt ein Pfeil, ein Mitstreiter zieht ihn heraus. Blut schießt hervor. Kampf den Fremden! Für das Vaterland!
Zwar erreichte Le Pen 2007 angesichts des bipolaren Wahlkampfes "nur" 10,4 Prozent der Stimmen (2002 waren es 17.8 gewesen), doch wirken die riefenstählernen Bilder des Films noch imme, wie die begeisterten Kommentare zeigen . Es zeigt sich, dass der Mythos Jeanne d'Arc, in der dritten Republik als Allzweckwaffe eingesetzt, auch im 21. Jahrhundert funktionabel ist, wenn er mit den entsprechenden ästhetischen Mitteln arbeitet.
Schließlich kam die Jungfrau - wie die republikanische und sozialistische Ikone Marianne - aus der Tiefe des Volkes, hatte aber für die nationale Rechte den "Vorteil" der Unschuld (auch in Glaubensfragen) und der Asexualität. 1920 wurde sie endlich zur Freude der französischen catholicité (Michel Winock) heilig gesprochen. Und so kämpfte sie gegen die "vier verbündeten Stände" (Charles Maurras, Chefideologe der Acton francaise): die Freimaurer, die Juden, die Protestanten und die "Metöken". Rechtsradikale Organisationen demonstrierten vor der petrifizierten Jungfrau an der Place des Pyramides, vor allem die antisemitischen Camelots du roi. Dass das Vichyrégime Johanna in seine Dienste nahm, kann nicht wundernehmen: ein Propagandaplakat zeigt sie vor dem von Engländern bombardierten Rouen: On revient toujours aux lieux de ses crimes.
Dass Le Pen diese Linie fortsetzte, war also nur folgerichtig. Er kreierte des Défilé Jeanne d'Arc des 1. Mai - in gewisser Weise NS-Vorbilder aufnehmend - mit entsprechender Rede vor dem erwähnten Denkmal. Die "Arbeit" lag den faschistischen und rechtspopulistischen Parteien schon immer am Herzen, im Vichy- Frankreich galten "Famille, Travail, Patrie" als Leitbilder. Insoweit rechtsradikales Business as usual.
Doch sollte man gegenwärtig genauer hinschauen. Seit Januar dieses Jahres heißt die Präsidentin des Front National Marine Le Pen. Und ihr wird bekanntlich laut Umfragen zugetraut, den schwächelnden Sarkozy im ersten Wahlgang 2012 zu schlagen. Verstärkt geben auch die eher als links eingeschätzten Arbeiter an (zu), den Front National wählen zu wollen. So ist es erklärbar, dass das diesjährige Défilé Jeanne d'Arc medial besonders beachtet wurde. Entsprechend hatte die Parteiführung ihre jungen Männer angehalten, auf das Skinhead-Outfit zu verzichten.
Und so hielt denn die neue Lichtgestalt Le Pen Fille, im Rücken die Geschichte in Gestalt der bewaffneten Pucelle, ihre Rede vor mehreren Tausend Anhängern (die Partei sprach von 20000) - und diese Rede enthält in der Tat Neues. Sicher, da ist am Anfang der traditionelle Bezug. Marine Le Pen erinnert an die wunderbare und unvergleichliche Persönlichkeit unserer nationalen Geschichte. Da ist die Rede von der "Reinheit", der "Märtyrerin" und der "Seele des Volkes". Und natürlich darf die gern gehörte Dummheit, dass die Geschichte sich oft wiederholt, nicht fehlen, um die entsprechenden Analogien zu formulieren, die zu Identitäten transformiert werden. Frankreich ist wie 1429 vom Verschwinden bedroht. Dies liegt - so der traditionelle Diskurs, den auch Marine Le Pen aufnimmt, - an den Pazifisten, den Kollaborateuren, der Dienstbarkeit den Fremden gegenüber und - vor allem - am "kleinen König". Die Situation schreit also nach der "fille du peuple" (sie sagt Jeanne, meint aber Marine), um die Volksschichten zur "Résistance" gegen das kalte Europa des Euro, der Technokraten, der Besatzung zu erheben. An dieser Stelle transformiert sie einerseits konventionelle französische "Erinnerungsorte" und leitet - äußerst geschickt - zum Neuen über.
Im zweitenTeil der Rede fragt man sich jedoch manchmal verwundert, ob man nicht einer Rede des Sozialisten Chevènement oder des Linken Mélenchon beiwohnt - oder Lafontaines, wenn man so will. Marine Le Pen lässt sich kalkuliert zu einer Diatribe gegen die Globalisierung und den Ultraliberalismus hinreißen und beklagt die Nivellierung, die Zerstörung kultureller Identität, die Superprofite der Aktionäre, den Verrat der Gewerkschaften, den Verlust der Pressefreiheit, den Gedankentotalitarismus, den Big Brother im Internet. Sie wettert gegen den Kommunitarismus und stellt diesem - durchaus laizistisch-republikanisch - das Menschenbild der Aufklärung gegenüber. Selbst der Ausdruck "Reservearmee des Kapitalismus" fehlt nicht.
Es ist nicht mehr der "nationalisme ferme" (Winock), für den Le Pen Père stand. Marine Le Pen gibt sich sowohl national als auch sozialistisch. Wenn das Letztere authentisch "rüberkommt", ist dies eine gefährliche Mischung. Der Freigeist Jean-Francois Kahn weist in Marianne darauf hin, dass in dem Moment, in dem Sie die Ungleichheiten beklagen, den Neoliberalismus angreifen oder den Verfall des Öffentlichen Dienstes konstatieren, hören werden: Sie reden wie Marine Le Pen. Ich ergänze: der Front National erscheint nicht so korrupt und zerstritten wie der parti socialiste.
Marine Le Pen konstatiert am Ende der Rede - den Jeanne d'Arc-Faden wieder aufnehmend: Rien n'est perdu. Nichts ist verloren. Le plus beau sera à venir. Das Schönste wird noch kommen.
Keine schönen Aussichten für den kommenden Wahlkampf.
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Lieber Kollege, wenn ich nicht befürchten müsste, in diesem Forum für jedes meiner Worte angespuckt, beleidigt und verächtlich gemacht zu werden, dann hätte ich Ihnen sehr gerne einige zustimmende Worte aus französischer Sicht zu ihrem sehr dezidierten Blog geschrieben. Sie haben sehr gut den Unterschied zwischen der alten FN des leider nie für seine Untaten im Algerienkrieg verurteilten Kriegsverbrechers Jean-Marie Le Pen und der äusserlich weichgepült wirkenden und daher um so gefährlicheren Front National der Marine le Pen herausgearbeitet. Jean Marie Le Pen lebte von den Revanchisten der Pieds Noir und dem wabernden Rassismus, den es in jedem Land gibt. Dieses rechtsreaktionäre Klientel hat Marine Le Pen marketingtechnisch um die soziale Komponente erweitert. Somit dürfte sie die unzufriedenen Sozialisten erreichen und eine Symbiose mit der alten Clientel ihres Vaters herstellen. Das dürfte ihr den Einzug in den zweiten Wahlgang sichern. Somit könnten sich die Gaullisten, Liberalen, Zentristen der UMP, UDF usw im ersten Wahlgang selbst erledigen. Erschrocken über ihr eigenes Wahlverhalten wird der Franzose von links bis rechts einen Sozialisten wählen. Egal, wer dann angetreten ist für die PS, wir erleben dann hier in Frankreich eine Renaissance der alten Gauche caviar. Korrupt, vorbestraft, gierig und keiner politischen Schweinerei abhold! Mit Grausen denken wir an die Zeit François Mitterand's und seines korupten Intrigantenstadels zurück. Nie wurde soviel gestohlen wie von der gauche caviar! Die Europaabgeordnete der Grünen und ehemalige Untersuchungsrichterin von Paris Eva Joly kann ein Lied davon singen!
Herzliche Grüsse Monsieur Rainer |
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Vielleicht haben Sie auf der berühmten letzten Seite der Libé das Portrait von Marine Le Pens Lebensgefährten, Louis Aliot, gelesen. Was für ein smarter Typ, Rechtsanwalt wie Le Pen Fille, von dem sein Doktorvater sagt: "Das ist ein intelligenter Typ mit Ausstrahlung." Roland Dumas (ja der!) hat ihn bei der Einschreibung am Pariser Gericht unterstützt. Der FN "wird sich verändern", sagt er der Libé, "sich auf die Probleme der Zeit orientieren: die sozialen, ökonomischen und identitären Sorgen."
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schrieb am
09.05.2011 um 08:14
Verehrter Kollege, richtig und genau deshalb wird das ein Wolf im Schafspelz. Marine Le Pen holt den Front national aus der rechtreaktionären Schmuddelecke und macht ihn auch für die aufgeklärte Bürgerschaft sowie für die Artbeiterschaft wählbar. Der Kern bleibt rassistisch und reaktionär, nur gut getarnt. Das ist beängstigend! Nicht für uns Franzosen, denn wir wissen mit solchen Dingen umzugehen. Wir haben schon ganz andere Figuren in den Regierungen vom Hof gejagt. Aber dem Ausland wird das neue Munition für den unterschwelligen Hass auf Frankreich geben, den man aus jedem Wort, aus jeder Geste der Medien hört. Haben Sie einmal die Artikel des SPIEGEL - Korrespondenten Stephan Simons in Paris verfolgt? Niemals habe ich solche gemeinen, niederträchtigen und an Volksverhetzung grenzenden Reportagen von einem Journalisten gelesen, der in Paris lebt und das Land mit so einer Inbrunst hasst. Deshalb habe ich mich nach 850 Kommentaren im SPIEGEL und einigen eigenen Blogs im redaktionellen Teil auch beim SPIEGEL verabschiedet. Die von grundanständigen grossen Männern der Zeit - Geschichte mühsam aufgebaute deutsch-französische Freundschaft wird heute schon von der Regierung Merkel mit Füssen getreten, wie soll das erst werden, wenn der FN noch stärker wird?
Herzliche Grüsse Monsieur Rainer |
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Dieser Beitrag hat mir sehr gefallen. Marine LePen, was auch, mit Anführungszeichen, Komma und Ausrufezeichen, heißen könnte, "aufs Meer mit ihr", kann eine Gefahr werden. - Ein wenig Trost, lieber Wwalkie, der kleine König zur Zeit der Jungfrau von Orleans blieb und regierte weiter, während sie brannte. Ob die Vatertochter LePen das gemeint hat?
An Sie und Monsieur Rainer geht die Frage, ob denn Ségolène Royal und ihr Projekt Désirs d´avenir keine Chancen hat? Liebe Grüße Christoph Leusch |
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schrieb am
08.05.2011 um 19:38
Verehrter Herr Leusch, diese Frage beantwortet sich am besten in den französischen Theatern. Dort findet das in Deutschland übliche politische Kabarett statt. Ségolène Royale hat sich selbst zur Witzfigur Frankreichs gemacht, ebenso wie der Vater ihrer Kinder, François Hollande, der sich extra für die Wahlen noch zum Schönheitschirurgen begeben hat und sich ausserdem eine optische Runderneuerung verpassen liess. Die Leute sind nicht mehr ernst zu nehmen. Ganz Frankreich lacht über diese gauche caviar! Darf ich einmal einen Tip wagen? Sarkozy und die UMP fliegen im ersten Wahlgang raus! Zweiter Wahlgang: Dominik Strauss-Kahn versus Marine Le Pen! DSK gewinnt! Der Mann ist ein Malin, wie wie hier sagen! Nicht schlecht für Frankreich, nicht schlecht für Europa, aber ganz schlecht für die Sozialisten, denn denen muss er als erstes ihre alten Hirngespinste austreiben und die Rezepte von vorgestern ausreden! Der Mann ist kein Sozialist, er ist Realist und das von der ganz brutalen Sorte! Und das wird sein Problem werden, nicht die Rechten!
Herzliche Grüsse Monsieur Rainer |
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Trotz des schönen Ausdrucks Désirs d'avenir (und vor allem trotz seines Inhalts) hat Royal auch nicht den Hauch einer Chance. Das kann sich in Frankreich schnell ändern, aber - ich fürchte - in diesem Fall nicht. Es scheint auf Strauss-Kahn hinauszulaufen, der seine gegenwärtige Position dem kleinen blassen König zu verdanken hat, der so gerne wütend wird.
Und die Grünen werden wohl Hulot in die erste Runde werfen, den sehr telegenen Umweltstar von TF1, dem Sender des Baumilliardärs Bouygues, dem es sicher nicht viel ausmachen wird, die Natur "retten" zu lassen. Sein Beton bricht nicht. Dass sein Angestellter (wie die Zeitschrift Marianne schreibt) Hulot jetzt auch das Soziale entdeckt, wird er als faux frais abschreiben können. Und die andere Linke, la vraie? N'en parlons pas! |
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Klare Worte und Dank an M.R. und wwalkie.
Grüße Christoph Leusch |
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schrieb am
08.05.2011 um 19:53
Lieber HP, nein Sarko und die UMP fliegen im ersten Wahlgang raus! Es wird sich zwischen DSK und Marine Le Pen entscheiden! Die PS, siehe oben: n'en parlons pas!
Liebe Grüsse Rainer |
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dann Gute Nacht, Frankreich
Hans Dirk |
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Lieber Monsieur Rainer
spucken und beleidigen ignorieren, ich sage nix zu Frankreich, da habe ich naemlich keine Ahnung, lese aber die Analysen von ihnen, Columbus & wwalkie gerne, man kann ja nicht ueberall auf der Welt sein. Und ich bin weit weg. D.h., bespuckungen werden nicht Kommentiert... LG |
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Das Problem mit dem "Sozialismus" in LePen-Rhetorik ist weniger, dass die Arbeiter ihr oder anderen Proto-Faschos glauben könnten, da sehe ich keine so riesige Gefahr. Gefährlicher ist, dass das bürgerliche Lager fleißig dabei mithilft, so etwas glaubhaft zu machen. So nach dem alten Motto, rechts und links, alles eine Soße. Lieber tot (mal eine Wahlniederlage) als rot (die konsequente Linke als Verbündete in der Abwehr anti-demokratischer Kräfte zu betrachten). Und dann sind es die, die was zu verlieren haben, die den "LePen-Sozialismus" goutieren.
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Ausgabe 22/2012
31.05.2012
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