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06.08.2009 | 15:49

Nazis in Europa. Eine Rezension.

It's continuity, stupid! Besser kann man die Grundthese des Sechshundertseitenwerks des Columbia-University-Historikers Mark Mazower wohl nicht charakterisieren. Hitler's Empire. Nazi Rule in Occupied Europe wird in den nächsten Wochen auf Deutsch erscheinen. Dem Buch ist eine weite Rezeption zu wünschen. Mazower schafft es die historischen Dimensionen der Naziherrschaft in Europa zu verdeutlichen, und dies auf der Basis einer stupenden Gelehrsamkeit. Historische Kontinuität ist wie gesagt der Schlüssel. Der Autor leitet beispielsweise - ein wenig überraschend - den deutschen Antipolonismus von den Liberalen des 19. Jahrhunderts her und führt ihn in der Reihe Bismarck - Max Weber (ja, Weber!) -Himmler weiter, ohne dass er hier gleichsetzt (was Vergleichen ja bekanntlich nicht bedeutet). Die Besetzung Polens, so erfährt man, wurde quasi "eingeübt" im Ersten Weltkrieg, als das Deutsche Reich in Warschau  ein "Generalgouvernement" eingerichtet wurde, das sich allerdings vom  GG eines Hans Frank sehr unterschied.

Eine wichtige Vorläuferrolle für die Osteuropavorstellungen der Nazis spielte auch der forgotten peace, das Friedensdiktat von Brest-Litowsk. Personale Kontinuität konstatiert der Autor für die  oft baltischen Freikorpskämpfer, die ihren Kampf 1919 als symbol of the voctory of European civilization over Asiatic bolshevism verstanden, und 1941 rezividieren durften. In der Weimarer Republik glaubten sowohl die Kaisertreuen als auch die Nazis, dass Deutschland sich im Osten vergrößern müsste. Wilhelm II und Hitler unterschieden sich nach 1918/19 nicht im antibolschewistischen Antisemitismus. Beide sahen zudem die "Notwendigkeit", Zugriff auf die ukrainischen  Agrar- und Industriegebiete zu haben. 

Marzower zeigt den Prozess der Schaffung des nazistischen Großdeutschland bis zum zweiten Weltkrieg. Er geht auf die innenpolitischen Situationen der annektierten Staaten ein und verweist auf die politische Schwäche Frankreichs und Englands.  Die Besatzungspolitik in Polen wird in ihrer brutalen Widersprüchlichkeit und deren Konsequenzen ausführlich analysiert. Dabei verfasst der Autor einen äußerst interessanten Abschnitt: Occupations compared. Er vergleicht die Besatzungspraxen Deutschlands und der UdSSR nach der vierten Teilung Polens: Poland became a kind of grim laboratory case for the study of comparative totalitarism. Beide organisierten immense Deportationen, beide agierten mit brutaler Härte. Die Zwecke der Besatzung waren jedoch unterschiedlich: das Dritte Reich annektierte ein Land, in dem nur 6 Prozent Deutsche lebten; im von der UdSSR annektierten Gebiet waren die Menschen polnischer Nationalität in der Minderheit neben Ukrainern, Weißrussen, Juden. Wichtiger findet der Autor, dass es der sowjetischen Politik um die soziale Revolution, und nicht um eine rassistische Ethnisierung wie den Deutschen ging. Allerdings eine soziale Revolution in der Stalinschen Version, was es wiederum den deutschen Invasoren nach dem Überfall auf die UdSSR 1941 ermöglichte, die stalinistische Repression propagandistisch herauszustellen (Katyn als Beispiel).

Im Folgenden entwickelt Marzower die fatale Dialektik des Krieges und stellt kenntnisreich die unterschiedlichen deutschen Besatzungsregimes in Europa dar (von Dänemark bis zum "Reichskommissariat Ukraine"). Ausführlich beschreibt und analysiert er die Kollaboration mit anderen Regierungen (Mussolini, Pétain, Horthy, Piso, Antonescu). Auch hier arbeitet er länderspezifische Konitnuitäten heraus. Es wird deutlich, dass der Autor Balkanspezialist ist. Er zeigt, wie fast alle kollaborierenden Regierungen - an nationale und rassistische Ressentiments anknüpfend - zu brutalen Repressions- und Deportationsmaßnahmen griffen, die fast immer von antisemitischen Massenmorden begleitet wurden. Als Beispiel sei das Massaker von Jassy erwäöhnt, bei dem auf Befehl des rumänischen Führers Antonescu zwischen 12000 und 15000 Juden gezielt ermordet wurden. Was von den deutschen Freunden kritisiert wurde, welche den Rumänen vorwarfen "keinen Plan zu haben" und  die "technische  Durchführung" kritisierten. Womit auch die Unterschiede klar wären.

Weitere interessante Kapitel befassen sich mit den oft widersprüchlichen Großraumvorstellungen der Nazis, dem "Generalplan-Ost", der Dialektik der Zwangsarbeit im Zweiten Weltkrieg, dem Holocaust im Kontext der Kriegsentwicklung und der Kollaboration in Frankreich (ein längerer lesenswerter fallanalytischer Abschnitt ist dem widersprüchlichen Verhalten des Brekerfreundes Jean Cocteau gewidmet). Die Eastern Helpers werden am Beispiel der Wlassow-Armee beschrieben. Das Kapitel "Hitler kaputt" wiederum beschreibt exemplarisch die Flucht des Hans Frank aus seinem Generalgouvernement in die Romantik der Alpengebirge (immenses Raubgut inklusive).

Ein Buch auf der Höhe des internationalen Wissensstands, flüssig geschrieben und geschickt das Allgemeine mit dem Konkreten verbindend - obwohl der Inhalt immer noch und gerade auch durch die Darstellung der vielen nicht deutschen Nazihelfer in ihrer Kontinuität  noch mehr Entsetzen erzeugt. 

 

Mark Mazower, Hitler's Empire. Nazi Rule in Occupied Europe, London 2009 (Penguin Books)

 
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Kommentare
Deaktivierter Nutzer schrieb am 07.08.2009 um 13:49
Scheint ein höchst lesenswertes Buch zu sein. Herzlichen Dank für diesen Literatur-Hinweis! Es drängt einen ja förmlich, hier gleich ne Diskussion anzufangen, aber es ist sicher ratsam, vorher das Buch zu lesen...
SteinMain schrieb am 09.08.2009 um 00:50
Schön, schön, nur muss ich keine 600 Seiten lesen, um zu wissen, das die Seilschaften des industriell-natonalsozialistischen Komplexes nach 1945 nahtlos wieder die Macht in Deutschland übernommen haben. "Niemand hat die Absicht, Deutschland wiederzubewaffnen" [Adenauer] wird ja denke ich auch wesentlich weniger zitiert als dieses unsägliche Mauer-Zitat von Walter Ulbricht. Und wer soviel aus dem Volksvermögen rausgeholt hat, das er heute einen "PORSCHE" fahren kann, hat ja auch praktisch ein Hakenkreuz an der Front.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 09.08.2009 um 11:25
Warum nennst Du eigentlich diesen Komplex den "industriell-national'sozialistischen'"? - Ich weiß ja, dass diese Vokabeln nicht mehr gelitten sind, aber wäre es nicht richtiger, ihn den 'faschistischen militärisch-industriellen Komplex' zu nennen?
Ich trau mich das auch nur zu fragen wegen des letzten Satzes Deines Kommentars. Der ist so schön derb.
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