wwalkie

wwalkie

01.08.2011 | 14:34

"Unermüdlich setzte er sich ein..." Kollegenabschied

 

Kleiner ist er geworden. Das früher so volle lange Haar ist fast weiß und kurz geschnitten. Etwas ungelenk steht er auf der Bühne, um sich in die Rente loben zu lassen. Unermüdlich, liebe Kolleginnen und Kollegen, dröhnt mikrophonverstärkt die Chefstimme durch den Saal, unermüdlich setzte er sich für seine Schüler ein. Alle stehen auf. Langer Applaus. Ich kann nicht mitklatschen. "Unermüdlich", wie passt das zu diesem müden Mann? Müde für immer ist er. Und da ist dieses "Er -setzte-sich-ein". Hat man also nur das Recht auf ein "Lebenswerk", wenn man sich über den "normalen" Einsatz hinaus engagiert hat? Muss man dieses permanente Mehr erbracht haben, um "verdient" und arbeitsfrei die Rente "genießen" zu dürfen?

Es reicht wohl nicht die normale Verausgabung der Arbeitskraft. Dieser objektive Einsatz führt noch nicht zu einer lobenden Erwähnung durch den Anstaltsleiter und rechtfertigt erst recht keine stehenden Ovationen der Kollegen, inlusive wehmütige Tränchen. Was uns begeistert, ist das Subjektive, das Wollen, das reflexivpronominale Sich-Einsetzen. Dieses Allzeit-bereit-Sein-Wollen.

Der Applaus hat sich gelegt. Der Kollege lächelt uns  traurig und etwas hilflos  durch den Blumenstrauß an. Und ich versuche, Begriffe aus meinem Hirn zu scheuchen: "Arbeitseinsatz", "Einsatzleiter", "Ausländereinsatz", "Einsatzgruppen..." Sei nicht obsessiv, sage ich mir. Was hat das mit einer Verabschiedung zu tun? Gar nichts! Und schließlich gibt es doch auch den Einsatz für das Gute, "Hilfseinsätze" etwa.

So wie  der Kollege - hat er sich nicht über den vorgeschriebenen Einsatz hinaus - für die Benachteiligten eingesetzt, die wir großmütig die "Bildungsfernen" nennen? Und doch. Das konnte  ganz schön nerven.Wie oft hörte man aus des Kollegen Mund: Aber, aber, da muss man doch 'was tun! Und schon brach er auf - zum Einsatz. Als ob ein innerer Zwang ihn beherrschte. Er merkte dann gar nicht mehr, dass das Spiel "Manpower-Einsatz" nicht nach seinen  Spielregeln lief. Und er nahm kaum war, dass mit der Zeit das Reflexivpronomen verschwand: der freiwillige Einsatz wurde Teil des erwarteten Einsatzes, wurde Gesetz. Der Raum für das "Sich-Einsetzen" wurde  immer kleiner, weil er schonTeil des Einsatzraumes war. Die Avantgarde, zu der der Kollege gehört hatte, musste sich anstrengen,  nicht Nachhut zu werden.

Also, wenn ich die Macht hätte, würde ich den normalen Einsatz verringern, damit die Leute sich mehr einsetzen müssen, sage ich meinem Nachbarn, doch der macht "Psst!" und zeigt zur Bühne. Der nächste Kollge wird verabschiedet.

Unermüdlich, liebe Kolleginnen und Kollegen, unermüdlich hat er sich eingesetzt...

 

 

 

 
Senden Bookmarken Drucken
Kommentare
goedzak schrieb am 01.08.2011 um 14:49
"Also, wenn ich die Macht hätte, würde ich den normalen Einsatz verringern, damit man sich mehr einsetzen kann..." - Gute Idee. Führt Schritt für Schritt zum BGE. :)
Streifzug schrieb am 01.08.2011 um 15:10
Rien ne va plus.
Dreizehn schrieb am 01.08.2011 um 15:39
Die Disposition gibt's in allen Berufen, oder? Ein Freund sagte mal, da ist irgendwann ne Lunte gezündet, und seitdem brennt der Typ. "Ausgezehrt" nennt man den Endzustand. Feuerland ist abgebrannt.
Dreizehn schrieb am 01.08.2011 um 15:39
Die Disposition gibt's in allen Berufen, oder? Ein Freund sagte mal, da ist irgendwann ne Lunte gezündet, und seitdem brennt der Typ. "Ausgezehrt" nennt man den Endzustand. Feuerland ist abgebrannt.
wwalkie schrieb am 01.08.2011 um 16:33
So eine Verabschiedungsveranstaltung ist schon sehr merkwürdig. Sie muss "offiziös" zu sein, was bedeutet, dass die Reden herrschendes Gerede sind (was auch erwartet wird, und zwar von allen). Und dadurch wird der arme Kerl auf der Bühne plötzlich zum Teil eines vorgeblich sinnvollen Ganzen gemacht. Auf den man stolz ist, weil er mehr getan hat, als er hätte tun müssen. Der zwar dadurch auf eine Menge verzichtet hat (was man so nicht sagt, höchstens andeutet), aber als Pionier der Selbst-Verwirklichung (oder Selbstausbeutung) mittels Sich-Einsetzen, zum Beispiel für die Benachteiligten (ein zudem kostenfreier Einsatz), Maßstäbe gesetzt hat. Die jetzt für alle gelten. Damit sich die Mitarbeiter neue Einsatzfelder suchen können.
goedzak schrieb am 01.08.2011 um 16:48
Habe vor vier Wochen eine Rede mit angehört, die sozusagen lebensgeschichtlich der Verabschiedungsrede (weit) vorangestellt ist: eine Direktoren-Rede zur Übergabe der Abiturzeugnisse. Der Herr stellte meine Geduld mit langatmigen Erörterungen und Wortspielen zum Begriff 'Bildung' auf die Probe. Da war die namentliche Aufzählung der 1er-Schüler und derjenigen, die überregional bedeutende Preise gewonnen hatten, vorher noch etwas kurzweiliger, weil ich darüber nachdenken konnte, ob ich den Namen meiner Tochter gern auf diesen Listen gehabt hätte. Ich kam zu dem Schluss: Letztlich doch nicht!
Achtermann schrieb am 01.08.2011 um 19:18
@ wwalkie

Muss man dieses permanente Mehr erbracht haben, um "verdient" und arbeitsfrei die Rente "genießen" zu dürfen? Es reicht wohl nicht die normale Verausgabung der Arbeitskraft.

Und die andere Seite, das permanente Weniger, die Verpisser, die nie Zeit und angeblich immer andere außerberufliche Termine haben, gibt es die nicht mehr? Für diese werden, wenn sie es denn noch geben sollte, auch kritikfreie, ja lobende Abschiedsreden gehalten, weil jeder im Saal in diesem Moment die Wahrheit nicht ertragen würde. Für den Anstaltsleiter, egal welche Anstalt er leitet, keine einfache Aufgabe. Diese Art der Verabschiedung scheint zum deutschen Kulturgut geworden zu sein.
wwalkie schrieb am 01.08.2011 um 20:25
Gibt es die "andere Seite" noch? Also: in der Anstalt, in der ich noch einige Jährchen (wie man so sagt) zu arbeiten habe, erlebe ich (fast) nur das permanente Mehr. Zum "Verpissen" (was ja immerhin nicht nur nach dem alten Kuczinski eine Art Klassenkampf ist) gibt es keine Gelegenheit. Wer sich entzieht, belastet die Kollegen mit Mehrarbeit und letzten Endes sich selber.

Und das darf, da gebe ich Ihnen Recht, nicht offen ausgesprochen werden, weil die Wahrheit in der Tat nur schwer zu ertragen ist. Die Wahrheit nämlich (eine von vielen), dass der Betrieb nur durch die Selbstausbeutung der Kollegen, die glauben, dieser ihr Extra-Einsatz sei doch selbstverständlich, funktioniert. Und wie!
koslowski schrieb am 03.08.2011 um 06:32
Die unangenehmsten Kollegen in 38 Schuljahren waren jene, die mit Blick auf ihren Status als abhängig Beschäftigte darauf bestanden, dass mehr als Dienst nach Vorschrift von ihnen nicht erwartet werden dürfe. Die sahen sich als gute Gewerkschaftler und verstanden sich ganz gut mit den Kollegen vom Philologenverband, denen die ganze Richtung ("pädagogische Schulentwicklung") nicht passte und Schüler mit Lern- und Lebensproblemen am liebsten zur Real- oder Gesamtschule schickten. Der Kollege, den du verabschiedet hast, hätte deinen Beifall verdient. Pädagogische Organisationen taugen nichts, wenn ihre Insassen nicht zur Selbstausbeutung bereit sind. Man muss sich deinen müden Kollegen als einen glücklichen Menschen vorstellen.
wwalkie schrieb am 03.08.2011 um 13:19
Einspruch, koslowski. Die Bereitschaft zum Mehr wird mittlerweile eingeplant und eingefordert. Meine Überzeugung: deutlich weniger Einsatz durch "die da oben" generiert mehr Engagement der Eingesetzten - und mehr Freude an und in unserem eigentlich sehr schönen Beruf.
Rapanui schrieb am 05.08.2011 um 13:07
Mein Job ist sehr interessant, ich mag ihn. Das aber wird zunehmend konfrontiert mit der ernüchternden Erkenntnis, dass ich immer mehr ausgenutzt werde und der Job zunehmend mein gesamtes Leben dominiert. "Ich setze mich ein. Über das normale Maß."

Wie funktioniert das? Ich bekomme mehr "Verantwortung". Ich darf selbst entscheiden, mit welchen "Methoden" ich "Ziele" erreiche und wie ich welche "Ressourcen" verwende. Der komplexe und interessante Prozess der "Zielerreichung" und dessen "Entlohnung" nimmt mich dabei so gefangen, dass ich verdränge, dass ich an der Diskussion des "Zieles" nur symbolisch beteiligt bin.

Der Begriff "Zielvereinbarung" suggeriert, dass ich das Ziel mit der "Organisation" vereinbart hätte. Ich aber mache mir die Ziele der Organisation zu den meinen. Da dies nicht zwingend ein diametraler Gegensatz sein muss, ist es nicht ohne weiteres möglich daraus solch ein "Elend" zu generieren, dass ich per aktivem "Widerstand" die "Zielvereinbarung" kündigen will.

Konkret funktioniert das so. Verantwortung wird aus der Hierarchie, die früher einmal "das Management" genannt wurde in die Arbeitsfunktion des "normalen" Angestellten integriert. Der "Stress", das "Planen", der "Workflow", das "Konfliktmanagements", die "Verantwortung" findet nicht mehr als herausgehobene Funktion des Managements statt, sondern wird integraler Bestandteil normaler Angestellterfunktionen.

Das "Management" beschränkt sich auf das "Beobachten", das "Moderieren" und das "Liquidieren", es ist durch den "Angestellten" unangreifbar.
wwalkie schrieb am 05.08.2011 um 15:47
"Ich darf entscheiden, mit welchen Methoden ich die Ziele erreichen möchte." Nach symbolischer Zielfindungsbeteiligung, versteht sich.

In NRW ist es mittlerweile fast "offiziös", weil durch das berühmte "Qualitymanagement" implementiert, die so genannten - und sprachlich so unschuldig, ja progressiv daher kommenden - "schüleraktivierenden" Methoden zu "wählen", am besten die "kooperative Methode" Norman Greens, gerne, aber nicht ganz so, die des Betriebswirtschaftlers Klippertz. Es ist schon Satire, aber eine bitter-reale, dass es Schulleitungen gibt, die "Zielvereinbarungen" mit den zuständigen Referenten treffen, die einen genauen prozentualen Anteil dieser Methoden im Unterricht festlegen (zum Beispiel 33,3 Prozent). Die Kollegen, besser: das Lehrpersonal, müssen dann diese Ziele a) in den Fachkonferenzen im Schulcurriculum verankern, b) dieses wiederum mit dem Schulprogramm abgleichen (auf "Kompetenzen" bezogen) und c) natürlich nachweisbar (wichtig!) verunterrichtlichen (am besten als Tandem, weil die Lehrer ja über unendlich Zeit verfügen).

Um Inhalte, um "Verstehen lehren" (Andreas Gruschka), geht es schon lange nicht mehr.

Viele Grüße
wwalkie
Rapanui schrieb am 08.08.2011 um 20:54
@ wwalkie

Interessant ist, dass ich über meine Erfahrung in einem wirtschaftlich erfolgreichen Unternehmen schreibe und Sie diese Gedanken mit leichten Variationen in den Schulalltag übertragen können.

Es scheint gelungen, jede andere "Zielvorstellung" als "ideologisch" zu diffamieren und somit indiskutabel zu machen. Wenn ich den Vorschlag machte, den sozialen Organismus des Unternehmens zu stärken, damit es den Mitarbeitern gut geht, würde man schon mal zuhören, wenn ich begründen könnte, wie sich das auf die Produktivität auswirkt - es als eigenständigen Wert diskkutierend würde ich als ein Fremdkörper gelten und wäre draußen.

Mit "List" kann ich schon dies und das erreichen, aber es sind letztlich immer nur Pseudo-Aktionen. Wie kann man das ertragen? Wohin soll man gehen?
wwalkie
unterrichtet Geschichte
Ort:
wetter
Mitglied seit:
3 Jahre 12 Wochen
Zuletzt aktiv:
02.06.2012
Status:
Publizist
Aktivität:
Beiträge: 98
Kommentare: 598
Logbuch
06:59
Der König von Prussia hat gerade einen Kommentar geschrieben.
06:52
heidenplejer hat gerade einen Kommentar geschrieben.
06:48
heidenplejer hat gerade einen Kommentar geschrieben.
06:44
Der König von Prussia hat gerade einen Blogbeitrag erstellt.
06:39
heidenplejer hat gerade einen Kommentar geschrieben.
David Foster Wallace Das hier ist Wasser Kiepenheuer & Witsch 2012

64 Seiten. Kartoniert.

4,99
 
David Foster Wallace wurde 2005 darum gebeten, vor Absolventen des Kenyon College eine Abschlussrede zu halten. Diese berühmt gewordene Rede gilt in den USA mittlerweile als Klassiker und Pflichtlektüre für alle Abschlussklassen – eine kleine Anleitung für das Leben, die man jedem mit auf den Weg geben möchte >> mehr
Arte-Kooperation

portlet_ArabienArte.png

portlet-gaertnerbuch.png

wir müssen reden

Augstein und Blome

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Die grüne Guerilla

Ausgabe 22/2012
31.05.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_Gaertner.jpg

Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

Freitag-Buchshop.png

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG