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10.05.2009 | 16:38

Von einem, der auszog. Zur Narratologie von Reformschulberichten

 

Liebe Leserin, lieber Leser,

Ich möchte Ihnen meine Freude kommunizieren, denn ich habe eine neue literarische Gattung entdeckt. Glauben Sie nicht? Nun, dann lesen Sie mal.

Als Student hatte ich das spannende Vergnügen, mich mit der Morphology of Folktales (1928) des russischen Formalisten Wladimir Propp beschäftigen zu müssen. Es geht in diesem Werk um die Funktion der dramatis personae im russischen Volksmärchen. Propp stellte eine sehr beschränkte Zahl von Funktionen fest, die im Märchen immer wieder vorkommen. Die Verknüpfungen und die zeitliche Reihenfolge dieser Funktionen sind quasi-gesetzlich geregelt. Propp kommt zu dem Schluss: "Alle Märchen sind in ihrer Struktur ähnlich."

Und nun zu meiner Entdeckung. Es gibt ein Narrativ, das  -  die These Propps bestätigend - nur aus repetitiven Elementen besteht: der Reformschulbericht. Ich werde diesbezüglich demnächst  mein Buch  "Reform der Märchen oder Märchen der Reform. Der massenmediale Schulbericht" veröffentlichen. Hier das relativ verständliche Kurzexposé:

Hauptakteur: Ein Journalist (Varianten: Praktikantin, Schriftsteller) hat von dem guten Ruf einer Reformschule gehört (konnotatives Feld (KF): Heiliger Gral, Aventure-Roman, Schulpreis, also Goldenes Vlies) und begibt sich zu dieser Schule. Vor dem Tor hält er inne (KF: Bürde der eigenen Vergangenheit als Schüler).  Er betritt sie (KF: Hortus closus des Mittelalters, Höhle, Transzendenz, erotische Tabus) und ist von der Atmosphäre eingenommen (Variante: scheinbar normal). Stille umgibt ihn. Manchmal erklingen fröhliche Kinderstimmen (KF: Vogelgezwitscher in heiler Natur, Paradies, Unschuld). Er bekommt einen Führer durch den Lerngarten, in der Regel den Schulleiter ( Varianten: attraktive Leiterin,  Schüler, die natürlich nicht ausgesucht worden sind, gerne mit Migrantengeschichte). Der Schulführer erklärt dem Journalisten, was in diesem Paradies anders ist als dort, wo man im Schweiße seines Angesichts arbeiten muss:

Im Reformlerngarten gibt es ein Zauberwort (KF: Harry Potter, Herr der Ringe). Der Führer verrät es dem Journalisten: Kultur heißt es. Man hat eine Lernkultur, eine gegenseitige Unterrichtsbesuchskultur, eine  gegenseitige Hilfskultur, kulturelle Riten, eine Öffentlichkeitsarbeitskultur, eine Guten-Draht-Zur-Wirtschaft-Kultur und viele andere (komplementär). Das zweite Zauberwort ist Kompetenz. Es gibt tausendundeine Kompetenzen (KF: Tischleindeckdich, Dukatenesel, Sindbad).  Der Journalist ist überrascht (KF: Moment der Überwältigung), fasst sich aber wieder (KF: kritischer Journalismus) und fragt nach. Er fragt den Führer nach seinen Motiven (KF: lange Geschichte, Bildungsroman, Saulus wird Paulus, Achtundsechziger wird Liberaler, Varianten möglich). Er fragt den Stellvertreter, oft der eher rustikale Typ in Jeans und Holzfällerhemd (KF: Sancho Pansa, der treue Hans, Gewerkschaftler, Erdverbundenheit). Arbeiten die Lehrer nicht mehr als andere, beuten sie sich nicht selber  aus? Die guten Menschen lächeln bescheiden: Natürlich arbeiten sie länger, härter und für wenig Geld. Aber... (suspensives Moment) ... aber sie arbeiten sinnvoll. Der Journalist ist's zufrieden (KF: naiver Tölpel).  Er fragt Schülervertreter (KF: Kinder sagen die Wahrheit). Er besucht Unterricht. Es ist wie ein schöner Traum (KF: zahlreiche Traummotive). Und er versteht die Welt nicht mehr: Warum, fragt er sich und später seine Leser, warum ist nicht jede Schule eine solche Reformschule?   Herrscht nicht überall große Not (KF: Märchen als soziale Utopie)?

Und er geht ins Leben zurück, vorbei an Unreformschulen,  nach Hause (KF: gefährliche Welt der Realität, des Egoismus, der Disharmonie) und schreibt nostalgisch (KF: Verlust der Kindheit): "Evangelo-katholische Gesamtschule Formhausen - Es geht auch anders!"

Und so lesen wir sie  und glauben ihnen noch heute:   Reformschulberichte in den Medien, jeden Tag, jede Woche, jedes Jahr - in FR, FAZ, SZ, ZEIT, Focus (sowieso) - und leider auch im Freitag. 

 
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Kommentare
I.D.A. Liszt schrieb am 10.05.2009 um 17:17
Sehr witzig! Ich habe mich herrlich amüsiert.
Einfack (Reformschul-)Klasse.
Herzlich,
I.D.A. Liszt
Streifzug schrieb am 10.05.2009 um 19:45
Ein interessantes und aktuelles Thema. Auch in der Politik geht es um die "große Erzählung". Wer hat die beste und einleuchtendste "große Erzählung"? Welche kommt beim Bürger an.

Wäre es nicht interessant bei den unterschiedlichen "großen Erzählungen" der Parteien die Merkmale der zugrunde liegenden Handlungsstruktur zu erkennen und zu benennen?
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