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25.08.2009 | 16:03

Wider die Bespaßung - nicht nur im Wahlkampf

Wenn niedrer Himmel schwer wie Deckeln Last/ Den Geist erdrückt, den lang Verdruss beficht,/Des Horizontes ganzen Kreis umfasst,/Und Tag noch schwärzer als die Nacht erbricht

(Charles Baudelaire, Spleen, übersetzt von Carlo Schmidt, prominenter Sozialdemokrat, auch das noch!)

Ja, ich stehe dazu! Die schwarze Galle bedrückt mich schwer. Ich leide an gravierender Melancholie. Die starren Augen auf die Tastatur gesenkt. Und auch die ist schwarz! Wie die Zukunft.

Früher lachte ich gern ("gern" - wenn ich  dieses Wort schon höre! "Danke!" - "Gern!"). Mit Bachtin lachte ich gegen den herrschenden Stachel - solange er mich nicht stach, natürlich. Meine Freunde nannten es "Humor", die Indifferenten "Ironie", die Angepassten "Spott" und meine Gegner "Stänkerei" - die Nazis (auch die unbewussten) und bestimmte rechte Sozis "Miesmacherei". Whatever! Ich lachte gern.

Vergesst es! Humor zeigen, heißt einverstanden sein. Sagt Adorno. Und der hat auch diesmal recht. Die Welt ist schlecht. Und mir ist schlecht.

Mir ist schlecht, wenn ich im Radio angebliche Satire höre: "Ullallala Schmidt!"   oder "Die von der Leyens!!!" Wie kritisch!

Ich schalte aus, wenn sich im Fernsehen Kabarett oder Comedians ankündigen.  Den Geist erdrückt, den lang Verdruss beficht. Ich meine nicht nur den Nerventöter Richling, diesen kreischenden Kleinbürgergeist. Wie der Munchsche Mann auf der Brücke stehe ich da und rufe "Hilfe! Der Spass verfolgt mich!" Gelächter aus allen Fenstern ist die Antwort!

Ich schüttele langsam mein Haupt, das Kinn auf die Hand gestützt, und schaue entsetzt auf das Treiben der Spassparteien im Wahkampf, der realen und der fiktiven. Was ist das!? Ein ehemaliger Komiker und schlechter Schauspieler macht eine Marketingkampagne für seinen gut getimeten Film - und die BRD-Intelligenzia philosophiert über das Phänomen "Schlämmer". Weil der angeblich in seinem Film einige Politikerkollegen als die Krampfhasen aussehen lässt, die sie sind.

Und wie - bitte schön, soll man angesichts eines Idioten wie Schlämmer als reflektierter Mensch reagieren - wenn nicht verkrampft? Haben Sie schon mal versucht, mit Spaßern wie Kerpeling oder Otto  ernsthaft - ich scheue mich, "seriös" zu schreiben, weil Sie dann schon wieder grinsen  - zu diskutieren? Geht nicht! Und das ist Kalkül!  Vogelsteller sind am Werk/das Heitere in meinem Leben einzufangen (Werner Lutz).

 Da breitet sich wie selbstverständlich "Die Partei" medial aus. Ein Produkt der Titanic,  die bekanntlich von Autoren mit Oberprimanerhumor für Unterprimaner geschrieben wird, also furchtbar "witzig" ist - und  intelligente Menschen finden das "lustig" oder "kritisch" oder "notwendig". Denn: "Die Partei" "entlarvt". Man muss doch nicht alles so "bierernst " sehen!  Die Galle überkommt mich!

"Piratenpartei"! Allein der Name! Nach den Unterprimanern die männlichen Pubertärlinge! Wir entern das Gesellschaftsschiff, die Netze sind gespannt! Ekelt mich vor euren Gaukeltänzen! (Carl Philipp Conz).

Irgendein Komiker, hörte ich im Radio, talkt seine Politgäste auf sächsisch an. ich habe einen Ausschnitt hören müssen. Dumme verbale Anmache. Die Gäste waren hilflos (was sie ehrt). Das Publikum lachte sich zu Tode. Der Radioreporter bewunderte diesen kritischen Geist. O vanitas! 

Und diese Spasslinge sind überall!Was sind das für Zeiten, in denen wir leben! Dabei gilt weiterhin: Das Leben ist kein Scherz, so nimm es ernst (Hikmet). Also nehme ich es ernst und frage nach den Gründen. Warum also dieses permanente Scherzen? Die Antwort ist einfach: Wer genauer hinschaut, erkennt die Verzweiflung eines Kerkeling, eines Richling. Ich sag's mit Eichendorf:

So lassen Nachtigallen,/Spielt draußen Frühlingsluft,/Der Sehnsucht Lied erschallen/Aus ihres Käfigs Gruft.

Auch wenn wir statt von "Nachtigallen" besser von "Papageien" und "Krähen" sprechen sollten. Des "Käfigs Gruft" aber bleibt wie die "Sehnsucht" nach einem besseren Leben - aber  bitte ohne "Bespaßung".

 
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Kommentare
Magda schrieb am 25.08.2009 um 16:49
Vielleicht ist es ja das Sommerloch.
Zur Erheiterung fehlen mir momentan "die Kappelle der Versöhnung", auch der Volker Pispers, der Hagen Rether und der Schmickler. Die kommen erst nach der Wahl, da gibts wieder Stoff.

Das Leben ist kein Spiel,
s' ist Zeit sich zu besinnen

So beginnt ein Lied von Bulat Okudshawa. Das wird wohl bevorstehen. Freut Euch des geballten Flachsinns, bald gibts tiefe Einbrüche!!

Verzweiflung kann ich bei Richling eher erkennen, als bei Kerkeling. Richling war mal gut, das ist lange her. Der hat sich an irgendwen verkauft. An Horst Köhler vielleicht.
Kerkeling ist nie verzweifelt, der zweifelt ja nicht an sich.

Ansonsten ein Furor, den zu lesen Spaß macht, Pardon: grimmigen Spaß.:-)) (Ironisches smiley)
Deaktivierter Nutzer schrieb am 25.08.2009 um 21:14
Der ganze Wahlkampf ist Sommerloch. Mann, werd ich froh sein, wenn das mal wieder vorbei ist. Ich werd am ersten Tag, den die Briefwahllokale geöffnet sind, hingehen, meine längst feststehende Wahlentscheidung in die Tat umsetzen und anschließend bis eine Woche nach dem Wahlsonntag in irgendeinem Funkloch verschwinden.
poor on ruhr schrieb am 26.08.2009 um 20:48
Der Beitrag spricht mir aus der Seele! Danke!

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