Kultur

PHANTASTISCH, PRÄZIS, PREZIÖS | 28.04.2000 00:00 | Beat Mazenauer

Schnittstellen

Die Erzählungen von Georg Klein

Von unten zeigt die Welt ihren wahren Charakter, von unten, wo das Verdrängte lauert. So sind die Spezialisten für Abwassersysteme die wirklichen Diagnostiker der Zeit. Der geniale Rohbilddeuter Jan Harm Smitt ist einer von ihnen. Wie kein zweiter weiß er das untergründige Gewirr aus Röhren und Kanälen zu lesen, weshalb er darin auch unerkannt zu verschwinden vermag, unter Zurücklassung einer filmischen Botschaft. Angeblich soll sie den Satz "Ich liebe euch doch alle" gestisch-mimisch wiedergeben.

Von solcher Gestalt sind, kurz gerafft, die Erzählungen, die Georg Klein auf seinen brillanten Debütroman Libidissi folgen läßt. Rätselhaft, grotesk, zwielichtig, mit einer Portion Ironie läßt er an der untergründigen "sensiblen Schnittzone" die Spannung kristallisieren. Die Geschichte "Smitt" erzählt den Untersuchungsbericht über das Vorgefallene. Im Verlauf der ordentlich aufgelisteten sechs Paragraphen wird dabei aus dem Kasus Smitt eine skandalöse Affäre, die gefährliche Eigendynamik entwickelt habe. Weshalb eigentlich, bleibt mysteriös.

"Smitt" ist symptomatisch. Aus der Perspektive seiner männlichen Ich-Erzähler kreiert Klein virtuos eine überreizte Atmosphäre und treibt die obskure Handlung so weit voran, bis sie in erregenden Schwindel stürzt. Unter dem Diktat seines dichten, kompromisslosen Stilgefüges verwackeln die Chiffren moderner Geschäftigkeit zu kaum entzifferbaren Hieroglyphen. Diese bergen einen geheimen Kern, so wie das um einen tödlichen Preis erworbene Bild des Malers P. Neuma. Unter seiner obersten Farbschicht findet sich der Subtext "Wir - Windige Helden Eines Windig Gewordenen Krieges". Er trifft auf alle die ambitionierten Angestellten und Künstler zu, die Klein erzählen lässt. An den durchlässigen Schnittstellen zwischen Zivilisation und Müll, Eros und Tod, Vernunft und Wahnsinn widerfährt ihnen gewissermaßen ein unfaßlicher "rite de passage".

So entpuppt sich die liberale Logik des Unternehmenssprechers in der Titelerzählung als überdrehte Bereitschaft für das Kommen des Blinden Fisches. So opfert sich ein Varietéunternehmer mit bösen Ahnungen seinem Star Ukra'ina, als für ihre Show kein anderes männliches Opfer zur Verfügung steht. So verfallen am Ende beinahe alle Ich-Erzähler zwangsläufig jenem Ungeordneten, vor dem sie sich panisch fürchten.

ANZEIGE

Phantastisch, präzis, preziös treibt sie Klein in die Abgründe des Identitätsverlusts. Die genauen Ursachen und Folgen bleiben dabei unausgesprochen. Die "klar formulierten, mir über weite Strecken dennoch dunkel bleibenden Erklärungen", über die sich ein von ekligen Ausscheidungen gepiesackter Computerspezialist in "Vortex & Ming" den Kopf zerbricht, sind von den Lesenden selbst zu entschlüsseln: beim Andocken an die Schnittstelle Literatur.

Wie schon in Libidissi erweist sich Georg Klein demnach als Meister der opaken Prosa. Abermals läßt er auf verblüffende Weise Modernität und Anachronizität sich unentwirrbar ineinander verknäueln. War der Roman bis in die kleinsten Verästelungen hinein durchgearbeitet, so demonstrieren dies auch die Erzählungen, allerdings mit dem Vorbehalt, daß hier einiges manieriert wirkt. Libidissi evozierte eine schimärenhafte fiebrige Atmosphäre, die ansatzweise noch an konkrete politische Zusammenhänge gebunden und somit gebändigt war. Die mysteriösen, irritierenden Erzählmonologe dagegen drehen mitunter durch und ins Leere.

Einzig in der abschließenden Erzählung "45:00" triumphiert die Ich-Figur. In einer düsteren Spelunke hat sie exakt 45 Minuten Zeit, um sich "in miserablem Licht, von höllischer Musik gepeinigt" vor kleinkriminellem Gesindel als Schriftsteller zu beweisen. Diese werden am Ende lautstark mit Akklamation oder Schmähung über ihn richten. Allein der Schreibende fürchtet sich nicht vor der Niederlage, vielmehr sorgt ihn der Triumph: "Welch Lichtengel wird mir die Rechte, die Schreibhand, zum Schlage führen, wenn es gilt, vom Beifall genötigt, über die Masse der unbenannten Körpermacht hinweg deren Schandmaul wie mit einem Kuß zu richten." Mit dem Kuss der Muse.

Georg Klein: Anrufung des Blinden Fisches. Erzählungen. Alexander Fest Verlag, Berlin 1999. 198 S., 36,- DM

Dieser Text ist mir was wert: Info
 
Senden Bookmarken Drucken
Artikelaktionen


Meistkommentiert
7 Tage
Monat
Bisher
David Foster Wallace Das hier ist Wasser Kiepenheuer & Witsch 2012

64 Seiten. Kartoniert.

4,99
 
David Foster Wallace wurde 2005 darum gebeten, vor Absolventen des Kenyon College eine Abschlussrede zu halten. Diese berühmt gewordene Rede gilt in den USA mittlerweile als Klassiker und Pflichtlektüre für alle Abschlussklassen – eine kleine Anleitung für das Leben, die man jedem mit auf den Weg geben möchte >> mehr
Arte-Kooperation

portlet_ArabienArte.png

portlet-gaertnerbuch.png

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Die grüne Guerilla

Ausgabe 22/2012
31.05.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_Gaertner.jpg

Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

Tubuk

portlet_Tubuk.png

Freitag-Buchshop.png

Blog-Tipps

Das Schema
Michael Rutschky, Kathrin Passig u. a.

nachtkritik.de
Unentbehrlich für Theaterliebhaber

Umblätterer.de
Feuilletonbeobachtung. Intelligent und ironisch

Matthias Matusseks Video-Blog
Das deutsche Videoblog von Weltformat.

herthabsc.blogspot.com
Marxelinhos Blog über Hertha und Arsenal

flasher.com
Künstler über Künstler. Auf Englisch

The New Republic
Das US-Magazin

readme.cc
Die virtuelle Bibliothek

Kulturministerium.ch
Wahlrecht für die Schweiz

Parallelfilm
Notizbuch Christoph Hochhäusler

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG