Kultur

TEXTGALERIE | 05.05.2000 00:00 | Michael Braun

Landschaft der Schwermut

Wolfgang Bächler: Frost weckt uns auf

Für einen Dichter der Nacht ist der Moment des Erwachens stets der Augenblick einer lebensgefährlichen Zerreißprobe. Wer aus einem Traum gerissen wird, gerät ins Taumeln, er steht, wie der Dichter Wolfgang Bächler einmal geschrieben hat, "sein Leben lang auf der Kippe, dem Ungewissen, Unentschiedenen". Diese Fragilität einer richtungs- und ortlos gewordenen Existenz haben Bächlers Gedichte in großer Eindringlichkeit beschrieben. In einem poetologischen Fragment spricht der Dichter von seiner lebenslangen Erfahrung der Nichtsesshaftigkeit und existenziellen Fremdheit, die ihn, den ideologischen Grenzgänger zwischen Ost und West, aus allen sozialen Verankerungen heraus riss. "Ich führte ein schweifendes Leben", so Bächler, "schlug meine Zelte häufig auf und ab, ein unsteter Einzimmerbewohner, ein Wanderer zwischen zwei Welten, ein Publizist zwischen zwei Stühlen, ... ein Sozialist ohne Parteibuch, ein Deutscher ohne Deutschland, ein Lyriker ohne viel Publikum ... kurzum ein unbrauchbarer, unsolider, unordentlicher Mensch, der keine Termine einhalten und keine Examina durchhalten kann und Redakteure, Verleger und Frauen durch seine Unpünktlichkeit zur Verzweiflung bringt." Ein lyrischer Geheimtip, der weit außerhalb des Literaturbetriebs seine heillos schwermütigen Gedichte schreibt, ist Wolfgang Bächler bis heute auch geblieben. Dabei sah es um 1950, nach Erscheinen von Bächlers erstem Gedichtband Die Zisterne, so aus, als könne er als lyrischer Götterliebling die Nachkriegsliteratur erobern. Der junge Kriegsheimkehrer hatte mit seinen ersten Gedichten die gefeierten Dichterrepräsentanten Gottfried Benn und Thomas Mann tief beeindruckt. "Viel von der Qual und der Zerrüttung der Zeit scheint mir in diesen Versen eingefangen", notierte Thomas Mann, der erkannt hatte, dass hier ein Dichter zu schreiben begann, der die Barbarei des Krieges nicht in überzeitlich mythische Bilder aufheben wollte, sondern die Täter und Opfer des Völkermordes unzweideutig zu benennen verstand. In seiner Ballade von den schlaflosen Nächten schrieb Bächler 1955 gegen die Verdränger und Beschwichtiger im Adenauer-Deutschland an, indem er die faschistischen Schrecken in Erinnerung rief: "Die Riemen peitschen auf Arbeiterrücken. / Das Kreuz hat blutige Haken. / Im Hinterhof schreit ein Jude." Als ein traumatisierter Bewohner des "Hotels Insomnia" (Charles Simic) vagabundierte Bächler auch in den folgenden Jahren auf den "Straßen der Schlaflosigkeit", in denen immer wieder die Nachtmahre einer finsteren Vergangenheit auftauchten. Seit den fünfziger Jahren von starken Depressionen heimgesucht, begann der Dichter die ihn bedrängenden Botschaften aus dem Unbewussten in "Traumprotokollen" zu fixieren. Auch in seinen Gedichten dominieren seit den sechziger Jahren Motive des Unheimlichen, der dunklen Jahreszeit und der bedrohlichen Daseinsfinsternis. Die poetische Suchbewegung mündet immer wieder in den Versuch, wie es im Gedicht Kirschkerne heißt, "eine Landschaft für die Schwermut" zu entwerfen. Auch das vorliegende "Frost"-Gedicht benennt in kargen Versen einen jener erschütternden Augenblicke des Erwachens, in denen sich die Welt in ein menschenleeres Paradies und eine tote Zone der Erstarrung verwandelt hat. Alle utopischen Momente, auch die möglicherweise in die Zukunft weisenden "Träume", sind für immer (durch den "Mantel") verhüllt. In diesem Prozess der Auslöschung tritt die Natur dem Menschen feindselig gegenüber: der "Wind" verwickelt den Erwachenden in ein "Verhör". Als letzte Spur der Verheißung entdeckt das Ich die "zertanzten Schuhe" von Märchengestalten, den "zwölf Prinzessinnen", an die man, wären sie nicht verschwunden, viele unerfüllbare Lebenswünsche delegieren könnte. Natürlich lässt sich dieses heillose Gedicht, das durch das rätselhafte Detail der "zertanzten Schuhe" fasziniert, auch als Selbstporträt des Dichters im Augenblick seines endgültigen Verstummens lesen - ein Verstummen, das Wolfgang Bächler schon vor längerer Zeit angekündigt hat: "Wer mein Schweigen nicht annimmt, / dem habe ich nichts zu sagen."

Frost weckt uns auf.
Wir werfen Mäntel
über die Träume
und knüpfen sie zu.
Der Wind verhört uns.
Wir sagen nichts aus,
treten auf unsere Schatten.
Unter den Bäumen im Schnee
finde ich die zertanzten Schuhe
der zwölf Prinzessinnen.
Ich hebe sie auf.

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