Kultur

KEHRSEITE | 05.05.2000 00:00 | Elisabeth Alexander

Die Mansardenküche

Auf dem Fußboden lag die Leiche. Seit sechs oder sieben Stunden lag sie da, und nur die Fliegen hatten Notiz von ihr genommen. Doch Fliegen waren ...

Auf dem Fußboden lag die Leiche. Seit sechs oder sieben Stunden lag sie da, und nur die Fliegen hatten Notiz von ihr genommen. Doch Fliegen waren stets gezwungen, einfach alles hinzunehmen.

Das Fenster der Mansardenküche war verschlossen. Und der Wind, der heftig an dem kaum hinaufgezogenen Rollladen rüttelte, hatte keinen Sinn für Leichen.

Die Linsensuppe war übergekocht, und jetzt hatte der Rest das Überkochen aufgegeben. Der Wasserhahn tropfte, er hatte immer getropft, weil der Hausherr kein Geld übrig hatte, einen neuen installieren zu lassen. Trotzdem war das Geräusch des Tropfens gemütlich, doch besaß die Leiche kein Gefühl mehr für Gemütlichkeit. Zu Lebzeiten hätte sie es sicher auch nicht besessen.

Der Tageskalender zeigte den vierten April. Ob dies das richtige Datum war, ergäbe sich. Jedenfalls lag die Leiche unbeweglich dort und stumm. Sie lag halb unter dem Tisch, halb vor dem Tisch. Da sie ziemlich zusammengekrümmt dalag, beanspruchte sie ohnehin nicht viel Platz. Auch waren die Beine nicht sofort zu bemerken, denn sie lagen unter einem fettigen Stück Papier.

Es roch nach Heizöl. Eine leichte Wärme füllte die Mansardenküche, und die schrägen Wände zeigten die ersten Schweißtropfen.

Auf der hellbraunen Küchenanrichte stapelten sich Zeitungen. Ein Häufchen Zettel, Rechnungen, alte Briefe. In einem saubergespülten Senfglas stand ein Sträußchen Petersilie. Einige Hustenbonbons klebten auf einem Glasteller, neben einer angetrockneten Zitrone. Und an der Wand neben der Tür hingen ein "Frühlingsanfang" und ein "Baum in der Wüste". Bestimmt waren die Bilder einmal aus einer Illustrierten herausgeschnitten worden.

Der Fußboden war abgetreten, rissig, und in den Ecken fehlte das Holz. Er hätte eigentlich einen schönen Belag verdient. Für einen schönen Belag aber wollte der Hausherr auch nicht zuständig sein.

Die Tür auf der linken Seite war verschlossen. Vielleicht lag ein Schlafraum dahinter, und vielleicht hatte die Leiche hier einen Teil ihres Lebens verbracht. Beide Türen waren ein schmutziges Grau; auch die Wände hätten einen frischen Anstrich gebrauchen können. Nur die Fliegen hatten sich schnell an die düstere Decke der Mansardenküche gewöhnt.

Da sie nur wenige Tage lebten, blieb ihnen nicht die Zeit, diese düstere Decke mit einer anderen zu vergleichen. Zudem war das einzige Fenster fast immer verschlossen. Es hatte einen langen Sprung, doch hielten die Glasstücke sich gegenseitig fest.

Zwei muntere Fliegen umarmten einander jetzt auf der Leiche; sie freuten sich, dass niemand sie fortjagte.

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Auf dem Tisch stand nichts außer einem leeren Brotkörbchen und einer halbgefüllten Kanne, deren Kaffee mittlerweile genauso kalt geworden war wie die Leiche. Im Spülbecken wartete ein angebrannter Topf, bis oben mit Wasser gefüllt. Auf dem Wasser schwamm Seifenschaum. Aus angebrannten Töpfen hätte die Leiche sich zu Lebzeiten sowieso nichts gemacht. Sie hätte volle Töpfe bevorzugt, da sie nie genug zu essen bekam.

Das Kalenderblatt zitterte sanft, als die Tür zur Mansardenküche aufging. Ein Brötchen wurde aus einer Tüte ins leere Brotkörbchen geschüttet; die Rentnerin Frohmann hatte noch nicht gefrühstückt. Sie ging schon gebückt; ihre Augen mussten sich immer aufs neue an das graue Dunkel der Mansardenküche gewöhnen. Schwerfällig zog sie an dem verklemmten Rollladen, bis sie ihn einigermaßen oben hatte. Sie ärgerte sich bloß, dass ihr Kaffee kalt geworden war. Sie nahm den letzten Topf aus dem Schrank, den Kaffee heiß zu machen. Plötzlich stieß sie an das fettige Stück Papier. Ein übler Geruch durchbrach die Schnupfenwand ihrer Nase. Angewidert trat sie das fettige Stück Papier zur Mitte hin; sie hasste diesen Ölgeruch. Wohl nie mehr bekäme sie eine Wohnung mit einer ordentlichen Küche, und erstaunt entdeckte sie die Leiche.

Sie war so empört, dass ihr gar nicht einfiel, erst lange entsetzt zu sein. Und weit mehr verärgert als zimperlich schaufelte sie die tote Maus in die Abfälle unter dem rostigen Spültisch.

 
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