Kultur

KLINGT EIN BISSCHEN NACH CASABLANCA | 26.05.2000 00:00 | Thomas Rothschild

Eros und Tod

Haruki Murakamis Erfolgsroman 'Gefährliche Geliebte'

Der in der Ich-Form erzählte und zweieinhalb Jahrzehnte umfassende Roman beginnt mit der Geburt. Der sachliche Stil lässt eher an eine Stellenbewerbung oder eine soziologische Studie denken als an Belletristik. Der Erzähler war ein Einzelkind und in Übereinstimmung mit einem verbreiteten Vorurteil verzogen, schwach und egozentrisch. Mit zwölf Jahren verliebt er sich in seine Mitschülerin Shimamoto, ein Einzelkind wie er. Die Verwirrung der Gefühle eines Heranwachsenden beschreibt der Erzähler aus einer zeitlichen Entfernung, immer noch sachlich, aber mit Ansätzen zu einer psychologischen Sicht und mit zunehmenden poetischen Ornamenten. Am Ende des ersten Kapitels verlieren sich die beiden Kinder, die eine erste Ahnung von Liebe spüren, aus den Augen.

Im zweiten Kapitel verliebt sich der nunmehr Sechzehnjährige in Izumi. Eine Vorausdeutung im abschließenden Absatz verwandelt die Geschichte, die so sachlich begann, zu einem Psychothriller. Die Perspektive macht's möglich. Das erzählende Ich weiß mehr als das erzählte Ich, und der Leser wird es erfahren. Vorerst muss er sich mit der Andeutung begnügen (wenn er nicht den spielverderberischen Waschzettel des Verlages gelesen hat).

Aus dem Heranwachsenden wird ein Erwachsener. Die Jahre eilen im Sauseschritt, wir eilen mit und erfahren von bedeutsameren und weniger bedeutenden Liebes- oder vielmehr Sex-Affären. Aber ständig muss der egozentrische Erzähler an Izumi und vor allem an Shimamoto zurückdenken. Und dann, nach einem Drittel des Romans, kommt ein Kapitel, mysteriös, vieldeutig, wie eine Erzählung von Paul Auster. Aber das Kapitel wird nicht fortgesetzt, der Erzähler rast weiter, ehe das Rätsel gelöst ist. Das ist hervorragend gemacht, packt den Leser bei geringstem äußerlichem Aufwand. Er verfällt dem Unscheinbaren wie der Erzähler der Erinnerung an die hinkende Shimamoto.

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Der Erzähler heiratet, eröffnet mit dem Geld seines Schwiegervaters zwei Jazz-Bars. Und nun wird allmählich deutlich, dass es mehrere in der Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts beliebte Themen sind, auf die all das hinausläuft: die Frage nach der Identität, nach dem Fortwähren der Vergangenheit und ihrer Unumkehrbarkeit, die Erkenntnis von der Abgründigkeit von Eros und Tod, die hinter dem bürgerlichen Alltag droht, und die Frage nach der Schuld gegenüber Menschen, die in unser Leben getreten sind. Ja, dieser Roman ist im traditionellen Sinne moralisch. Wer nur Zynismus schätzt und "political correctness" verachtet, wird daran keine Freude haben. Dann taucht Shimamoto wieder auf. Und da sind drei Sätze, die den Einfluss der Amerikaner verraten, die Haruki Murakami ins Japanische übersetzt hat: "Ich kramte in den Taschen meines Anzugs nach einem Päckchen Zigaretten. Und dann fiel es mir wieder ein. Ich rauchte seit fünf Jahren nicht mehr."

Und nun entwickelt sich, die zweite Hälfte des Romans füllend, eine Obsession. Damit ist alles gesagt und nichts. Denn wie Murakami diese in Sprache umsetzt - darin besteht die Meisterschaft, daraus ergibt sich das Vergnügen für den Leser. Das knistert vor innerer Spannung, ist elegant, geheimnisvoll und stellenweise so kitschig wie ein Hollywoodfilm der vierziger Jahre. "Klingt für mich ein bisschen nach 'Casablanca'", sagt der Pianist in der Bar des Erzählers. Und der erwidert: "Ist wohl so." Der Trick, den Murakami anwendet, ist vertraut: er macht aus Shimamoto einen weiblichen Lohengrin, eine Frau, mit der sich allerlei Rätselhaftes ereignet, die dem Erzähler aber verbietet, ihr Fragen zu stellen.

Der Erzähler ist zwei Jahre jünger als der 1949 geborene Autor des Romans, der 1992 im Original erschienen ist und aus der englischen Übersetzung ins Deutsche übertragen wurde. Gefährliche Geliebte ist der zweite bei Dumont veröffentlichte Roman Haruki Murakamis, dem der Westen vertraut ist und dessen Literatur (folglich?) nichts weniger ist als exotisch. Sie ist es umso weniger, wenn die Übersetzer "die Kacke ganz schön am Dampfen" halten oder einen Sechzehnjährigen im Jahre 1967 retrospektiv "cool" oder "stark" sagen lassen. Die Welt wird immer kleiner. Auch in der Literatur. Alles, fast alles ist uns mittlerweile zugänglich. Nichts ist uns fremd. Schön. Schade.

Haruki Murakami: Gefährliche Geliebte. Roman. Aus dem Englischen von Giovanni Bandini und Ditte Bandini. Dumont Verlag, Köln 2000, 238 S., 39,80 DM

 
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