Kultur

KRIMINALROMANE | 05.01.2001 00:00 | Thomas Wörtche

Crime Watch No. 43

Von manchen Delikten liest man immer weniger. Heiratsschwindel, Scheckbetrug, Hoteldiebstahl oder Hochstapelei sind aus den Medien verschwunden und ...

Von manchen Delikten liest man immer weniger. Heiratsschwindel, Scheckbetrug, Hoteldiebstahl oder Hochstapelei sind aus den Medien verschwunden und haben jeden fragwürdigen Glamour verloren. Auf dem absteigenden Ast scheint auch der Bankraub "mit Stil" zu sein. Der Typus also, bei dem niemand physisch zu Schaden kommt und eine anonyme Körperschaft um möglichst viel Kohle erleichtert wird. Aus der Distanz der Unbeteiligten nährt er unsere Schadenfreude, weil wir fest an den alten Kalauer von Brecht glauben: "Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?"

Bevor also in nicht allzuferner Zukunft mangels Bargeld als Zahlungsmittel der Einbruch in eine Bank ganz entfallen muss, hat Klaus Schönberger eine Art Summa über Bankraub. Theorie. Praxis. Geschichte herausgegeben. Wie die Financial Times auf rosa Papier gedruckt und mit dem fein-ironischen Titel Vabanque versehen, möchte der Band den besagten Typus Bankraub feiern, den ich der Einfachheit halber den "benevolenten Bankraub" nennen möchte.

Aber die diversen Aufsätze zu den Realien des Bankraubs wie auch zu deren medialen, kulturellen und populärkulturellen Aufarbeitungen stiften mehr Verwirrung denn Auf- und Erklärung. Denn der benevolente Bankraub lässt sich in der Realität kaum trennscharf nachweisen. Man muss schon das Begriffsfeld auf alle Arten von Raub (Postraub, Bahnraub, Einbruch beim Juwelier, Geldtransporter etc.) beziehungsweise bewaffnetem Raub ausdehnen, um "Modelle" bauen zu können. Und damit ist jeder romantische Charme perdu.

So ist etwa das nationalökonomische Modell, demzufolge "bei einem Bankraub das einer Volkswirtschaft zur Verfügung stehende Geld erhalten (bleibt) - weil es wieder in den Geldkreislauf einfließt" zwar evident richtig, gilt aber beileibe nicht nur für den benevolenten Typus, sondern für jeden anderen "erfolgreichen" Bankraub auch, auch für den mit Gemetzel und Geiseln.

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Auch Teil-These zwei des nationalökonomischen Modells: "Der Bankräuber beschleunigt die Zirkulation des Geldes sogar, weil zu vermuten ist, dass er sein Geld schneller als andere Konsumenten wieder ausgibt", taugt zur spezifischen Feier des benevolenten Bankraubs nicht. Für die Zirkulation und die diversen Freuden der Querfinanzierung leistet zum Beispiel das Drogen-Geld Ersprießlicheres: Es kann, weil größere Summen bewegt werden, durch Investitionen viel effektiver zirkulieren. Ganze Städte werden mit "narcodolares" hochgezogen, die schönen Künste finanziert, Politik gekauft und andere nützliche soziale Aktivitäten bezahlt. Die Ironie von Vabanque läuft hier erst recht ins Leere, der Bankräuber ist für die Zirkulation des Geldes quantitativ völlig unerheblich.

Aber gibt es den benevolenten Bankraub überhaupt? Werden hier nicht bloß dessen Stilisierungen in den Massenmedien und in der Fiktion gefeiert? Dafür spricht einiges, und wenn dem so ist, dann geht auch diese Feier leider schief: Der Beitrag über den Bankraub im Kriminalroman muss erst umständlich eine sowieso nicht existente beziehungsweise längst obsolete "Normalausprägung" des Kriminalromans konstruieren und diese sodann mit allerlei Theologie befrachten, um schließlich davon den statistisch kaum existenden Bankraub-Krimi abzusetzen. Ein nettes Beispiel dafür, wie Texte, Theorien über Texte, Realien und Konstrukte so überhaupt nichts miteinander zu tun haben müssen, um Anlass für einen Aufsatz zu sein. Man hätte stattdessen auch sagen können: Bankraub scheint als literarischer Plot nicht sehr interessant zu sein und ergibt viel bessere Filme. Aber da ist bis auf die Rififi-Varianten in der Abteilung "benevolent und sympathisch" auch nix zu holen. Bankraub mit viel Blut und Bautz allerdings ergibt spannende Filme, nur den Outlaw müssen die dann mit sehr viel Energie-, und Ideologieeinsatz stilisieren.

Die in Vabanque eingestreuten Gangster-Porträts immerhin weisen darauf hin: Banale, gewalttätige Strolche können bei geeigneter Überhöhung zu allem mutieren - zu Sozialrebellen, zu Klassenkämpfern, zu Robin Hood. Oder zum Sexsymbol, wie der lehrreiche Text über Bank-Ladies, Wenn Frauen zu viel rauben, zeigt.

Womit wir wieder bei der Trennschärfe wären: Zum Sexsymbol, Klassenkämpfer oder Rebell kann man auch jeden schicken, Serialkiller allerlei Geschlechts ernennen, vorausgesetzt er/sie schlachtet die richtigen Leute. Das mag man bedauern, es zeigt aber bloß, dass Bankraub in der Tat ein absterbendes Handwerk ist. So und so.

Klaus Schönberger (Hrsg.): Vabanque. Bankraub. Theorie. Praxis. Geschichte. Verlag Libertäre Assoziation und Verlag der Buchläden Schwarze Risse Berlin und Rote Straße, Berlin/Göttingen 2000, 324 S.,34,- DM

 
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