Kultur

GENERATIONENPORTRÄT | 02.02.2001 00:00 | Peter Schmidt

Sanfte Rebellen

Die Nach-68er verweigern die Macht und lieben den Kitsch

Die erste Strophe des anrührenden Partisanenliedes Bella Ciao - "Una mattina mi son alzato, e ho trovato l'invasor" - lässt sich frei übersetzen mit: Eines Morgens, nach dem Aufstehen, fand ich mich dem Feind gegenüber. Der Feind im Lied war der Faschist des Natinalsozialismus und wurde in den siebziger Jahren, als das Lied seine fulminante Reprise erlebte, mit den Repräsentanten des lebensvernichtenden Kapitals identifiziert. Eine Verkürzung und Vereinfachung, die in der aktuellen Diskussion um Achtundsechzig, die Teil einer großen Auseinandersetzung um das Recht auf die Geschichtsschreibung der sechziger Jahre ist, als weiterhin nicht ganz bewältigte Konnotation mitschwingt. Die Nach-68-er-Generation, so idealistisch wie moralisch, mit einer großen Bereitschaft zur Einfühlung, findet ihre ästhetische Identität immer wieder im Kitsch. Das ist kein Zufall. Von Bella Ciao bis zur Tristesse der Houellebecq-Welt kompensiert diese Generation ihre gesellschaftlich gebremste (Mit-)Gefühlsfähigkeit mit dem Kitsch gefühliger und neuerdings schockgefrosteter Weltdarstellungen.

Diese ästhetische Schräglage kontert die Inszenierung von Houellebecqs Bestseller Elementarteilchen an der Volksbühne mit Lakonie und Pathoslosigkeit, verliert dabei jedoch das Generationenthema, das die Faszination und Brisanz des Buches ausmachte, völlig aus dem Blickfeld. Die Szenen zu den Gegenwelten der siebziger sind rein satirisch abgehandelt und verleihen der Inszenierung so einen onkelhaften Grundgestus. Für Houellebecqs Roman über die Nach-68er-Generation, die die zerreißende Kluft zwischen utopischer Aufladung einerseits und gesellschaftlicher Realität eines zugespitzten Kapitalismus andererseits am stärksten in sich trägt (und leider nicht austrägt), bedarf es einer tiefgreifenderen Aufarbeitung der vielfältigen Alternativszenen der siebziger-Jahre. Statt der wohlfeilen Standarddarstellung einer fröhlichen und ausgekälteten Angestelltenwelt, die sich zwischen Fitnessstudio- und Psychiatrie abquält, um sich in einer unentwirrbaren Totalentfremdung nur noch weiter zu verfangen, wäre ein präzises Porträt der Houellebecq-Generation (Jahrgang 1959) von größerem Interesse.

ANZEIGE

Diese Generation, die nach wie vor noch nicht an der gesellschaftlichen Macht relevant beteiligt ist, verkörpert gegenwärtig die Konfliktstruktur der historischen Situation am deutlichsten. Ihre Sozialisation haben diese Menschen, heute zwischen 35 und 45 Jahren alt, in der Mitte der siebziger-Jahre. Sie haben in dieser Zeit einen überschießenden Utopismus aufgenommen, der von einem radikal humanen Standpunkt aus in ein Jenseits des Realen hinübergedriftet ist. Im Westen waren das die Gegenwelten der kollektiven Romantizismen in Gestalt von Hippiekultur mit ihrer Körper- und Triebbefreiungsemphase oder die politische Fundamentalopposition mit militanten Phantasien und Realisierungen. Im Osten Deutschlands handelt es sich meist um Rückzüge ins Privatistische mit entsprechenden Alternativkulturphilosophien. In beiden Fällen jedoch kam es zu einer Abkehr von den gegebenen Weltverhältnissen und zu einer Heilserwartung, die nur noch eine geringe Realitätsprüfung zuließ.

Die Väterwelt, die nicht mehr aktiv bekämpft und in Frage gestellt werden musste - das hatte die Generation der 68-er ja erledigt -, wurde in ihrer symbolischen Ausstattung obsolet. Der Bruch mit den Sozialformen einer Erwachsenenwelt macht es für diese Generation jedoch schwierig, sich in einer im Grunde unerwachsenen Konstruktion symbolischer Welt effektiv zu bewegen. Zu viele grundsätzliche Fragen sind offen und bleiben in den laufenden, pragmatisch akzentuierten Auseinandersetzungen unbefriedigend behandelt. Die reformerischen Potenziale dieser Generation verstecken sich ungenutzt in den verschachtelten und überkomplizierten Subjekt- und Ethikdiskussionen der späten achtziger-Jahre.

Längst sind die Denklinien dieser Zeit von den härteren Realitäten abgebrochen worden. Um zu überleben und sich zum besseren Leben der Zukunft auf- und umzurüsten, wurden die Selbstanalysen eingestellt. Über die Vergangenheit nachzusinnen hat keinen Sinn, zeigt sie sich doch als ein einziges Panorama nicht realisierbarer Reformkonzepte, die aus ihrer kurzzeitigen menschlicheren Wirklichkeit bald in Verzerrungen umgekippt sind.

Im Szenario der zügigen Umbauten des Inneren und des Äußeren wird mit der eigenen Geschichte nicht allzu genau und nicht allzu besonnen verfahren. Modernisierungen und Anpassungen werden stets von Ballastabwurf begleitet. Und so herrschen die grunderneuerten Individuen, die wie Phönixe aus der Asche sämtlicher Untergänge der letzten zehn Jahre aufgestiegen sind. Die gebrochenen Identitäten der unmittelbaren Nachwendezeit haben die Leichtigkeit und den Charme der Vorläufigkeit abgelegt. Im Osten hat man sich im Übergangsstadium der enttäuschten Linken nicht allzu lange aufgehalten und hat sich mithilfe einer, durch den am eigenen Leibe erfahrenen Epochen- und Weltbruch geschärften Anpassungsintelligenz zu neuen fröhlichen Gewinnern umgebaut. Einiges fiel bei dieser Vereindeutigung unter den Tisch. Im neuen Selbstbild ist der Osten nie begehrlich gewesen, nicht neidisch und auch nicht abgestumpft in alltäglichen Geistlosigkeiten einer graudeutschen Mangelgesellschaft. Ebenso leugnet der Westen seine eigene "Ostepoche", die immerhin bis weit in die sechziger Jahre hineinreichte, und spielt den immer schon kosmopolitischen großzügigen Bruder. Zwei Verdrängungen, die sich so ineinander spiegeln, dass im Ergebnis ein gefährlich unreifer Zeitgenosse herauskommt, der wieder nichts von seinen Verstrickungen und Abgründen wissen will.

Deutlicher als andere spüren das die sanften 40-Jährigen. In keiner der Formen der Väter, auch der neuen nicht, die jetzt endgültig auf den Sitzen der alten sich niedergelassen haben, kann man sich bewegen. Sie sind nicht adaptierbar und gleichsam körperlich nicht ausführbar, immer ist zuviel Machtausübung mit ihnen verbunden.

Keiner der milden Humanisierer (einige eher groteske Ausnahmen beiseite gelassen) würde sich selbst aus dem historischen Panorama eigener Verstrickungen in die Macht herausretuschieren, noch auf Kosten anderer Macht akkumulieren. Über Leichen gehen diese sanften Rebellen nicht. Aber dafür sind sie auch nicht im Stande der Macht. Wo sie ihre Komplexität nicht einbringen können, da ziehen sie sich zurück. Oder sie fliegen aus den Zusammenhängen der institutionellen Macht, weil sie sich nicht an die politischen und pragmatischen Erfordernisse halten können.

Das ist der eigentliche historische Stoff des Romans von Houellebecq. Das Nichteingelöste der utopischen Überschüsse der siebziger-Jahre, die hohe Moral dieser Fundamentalisten des Humanismus auf der Folie des herrschenden Absagezeitalters seit dem handgreiflichen Ende der sozialistischen Staaten. Im Aufprall der humanistischen Sehnsucht auf die zynische Oberfläche einer antihumanistisch sich zurüstenden Designwelt entsteht der Entfremdungskitsch Houellebecqs, der damit allerdings einer unsichtbaren Generation nicht nur ein Denkmal setzt, sondern sie an ihre Schuldigkeit erinnert. Denn die Humanisierung des Kapitalismus steht noch aus - es wird die Aufgabe dieser Mittelgeneration sein, damit zu beginnen.

 
Senden Bookmarken Drucken
Artikelaktionen


Meistkommentiert
7 Tage
Monat
Bisher
David Foster Wallace Das hier ist Wasser Kiepenheuer & Witsch 2012

64 Seiten. Kartoniert.

4,99
 
David Foster Wallace wurde 2005 darum gebeten, vor Absolventen des Kenyon College eine Abschlussrede zu halten. Diese berühmt gewordene Rede gilt in den USA mittlerweile als Klassiker und Pflichtlektüre für alle Abschlussklassen – eine kleine Anleitung für das Leben, die man jedem mit auf den Weg geben möchte >> mehr
Arte-Kooperation

portlet_ArabienArte.png

portlet-gaertnerbuch.png

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Die grüne Guerilla

Ausgabe 22/2012
31.05.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_Gaertner.jpg

Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

Tubuk

portlet_Tubuk.png

Freitag-Buchshop.png

Blog-Tipps

Das Schema
Michael Rutschky, Kathrin Passig u. a.

nachtkritik.de
Unentbehrlich für Theaterliebhaber

Umblätterer.de
Feuilletonbeobachtung. Intelligent und ironisch

Matthias Matusseks Video-Blog
Das deutsche Videoblog von Weltformat.

herthabsc.blogspot.com
Marxelinhos Blog über Hertha und Arsenal

flasher.com
Künstler über Künstler. Auf Englisch

The New Republic
Das US-Magazin

readme.cc
Die virtuelle Bibliothek

Kulturministerium.ch
Wahlrecht für die Schweiz

Parallelfilm
Notizbuch Christoph Hochhäusler

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG