Kultur

Angstgegner Medien | 17.08.2001 00:00 | Ingo Arend

Täuschung

Junge AutorInnen und die Politik

Die Spaßgesellschaft ist doch eine von den Medien produzierte Wirklichkeit. Im Alltag treffe ich jedenfalls dauernd auf Herrschaftsstrukturen.« Schein oder Sein? Die Kritik an der vierten Gewalt, die Ute Zillig von der Aktion »Schöner Leben« im Spiegel-Gespräch äußerte, ist womöglich die einzige Gemeinsamkeit, die die Vertreterin einer neuen Protestbewegung mit dem Politikverständnis einer neuen Schriftstellergeneration hat. Denn wenn sich ein roter Faden durch die vierzehn Statements junger AutorInnen von Marcel Beyer über Thomas Meinecke bis Birgit Vanderbeke zum Thema Politik finden lässt, die die Münchener Schriftsteller Norbert Niemann und Georg Oswald in einem der letzten Akzente-Bände zusammengestellt haben, dann ist es der Angstgegner der Medien, gegen den kein Kraut gewachsen scheint.

Es wäre billig, den Schreibenden anzukreiden, wie elaboriert sie daran leiden, dass in der Mediengesellschaft scheinbar keine authentische Geste mehr möglich ist, während die Antiglobalisierungsaktivisten die Herrschaftsinszenierung von Genua aufmischten. Aber auffällig ist es schon, dass noch so reale Probleme wie Helmut Kohls Spendenaffäre hauptsächlich dafür herhalten müssen, die Medialisierung der Wirklichkeit zu beklagen. Für den Münsteraner Schriftsteller Burkard Spinnen zeigt sich in der »Skandalisierung der Politik« eine Medienstrategie, die nicht mehr darstellbare Komplexität von Politik in eine verdaubare Erzählform zu bringen. Für Leander Scholz ist die RAF ein Beispiel dafür, wie man retrospektiv Heldenimages konstruiert. Andreas Neumeister beklagt in seinem originellen Popgedicht »Faction« das Schicksal des Medienkonsumenten mit dem nicht mehr ganz originellen Schluß: »I´m infotained«. Und Dagmar Leupold erinnert angesichts der immer ubiquitäreren Handhabung virtueller Verfahren an das alte Baudrillard-Wort, dass die Kunst tot ist, weil sie inzwischen überall ist. Meist entdeckt man aber keinen Ausweg aus dem Reich der Markttotalität und der chipsknabbernden Fernsehzuschauer, wie der Berliner Ingo Schramm es zeichnet. Das dürfte jedenfalls noch so lange so bleiben, wie uns ernsthaft der Rückzug auf eine asketische Authentizität des Wortes angeboten wird, die Schramm so umschreibt: »Erst wenn wir begreifen, wie arm wir sind, können wir neu beginnen«.

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Nicht, dass alle wie das Kaninchen nur vor der Brillenschlange namens Medien säßen. Der 1965 in Köln geborene Marcel Beyer, der heute in Dresden lebt, führt eindrücklich einen Generationenwechsel vor. Während die siebziger Jahre für ihn nur ein schemenhaftes Erinnerungsbild in den Umrissen der RAF waren, erlebte er die Wiedergeburt des Politischen nach dem Epochenbruch 1989. Beim Anblick leerer Kasernen in einem geheimen Militärgelände in Brandenburg 1994 wird ihm die Brisanz der Situation bewusst: »Wenn es die alte DDR nicht mehr gab, konnte es auch die alte BRD nicht mehr geben - dies war der handgreifliche Beweis.« Doch das politische Neuland, das sich seitdem auftut, wird nur selten vermessen. Auch die Probleme, die Tausende nach Seattle, Göteborg und Genua geführt haben, vermisst man. Nur in dem Sprachspiel des diesjährigen Klagenfurt-Preisträgers, Michael Lentz, kann man etwas ahnen von dem alles entscheidenden Konflikt: »die anderswo sind, das sind die meisten. Die müssen leider verhungern. Und das ist ja nicht weniger geworden.«

Der aufschlussreiche Band transportiert leider eine ungute Lagerbildung. Niemann und Oswald, auch als Literaten hartnäckige Medienkritiker und Protagonisten des politischen Internet-Literaturclubs »Forum der Dreizehn« wollten offenkundig die Popliteraten von Elke Naters bis Stuckrad-Barre nicht in die Auseinandersetzung verwickeln. Auch wenn einem deren medien- und warenverliebte Attitüde nicht liegt. Ihre Erfahrungen damit könnte sie aber zu interessanten Gesprächspartnern bei der Frage machen, wie man dieser ungeliebten Realität ein Schnippchen schlagen könnte. Man versteht sowieso nicht recht, warum Künstler, die zumindest vom Ansatz her nicht minder fiktiv arbeiten wie ihre liebsten Gegner, sich über deren Methoden und das Überhandnehmen diverser Virtualitäten so aufregen. Dagmar Leupold hat in ihrem ausgezeichneten Beitrag gezeigt, dass die literarische Strategie der Täuschung eigentlich »formal hochentwickelte Subversion« ist, mit der sich die (Medien)wirklichkeit aufdröseln ließe. Nur wer erfinden kann, kann auch kämpfen.

Politik. Heft 3/ Juni 2001 der Akzente, Zeitschrift für Literatur, herausgegeben von Norbert Niemann und Georg M. Oswald, 13, 40 DM

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