Kultur

Kriminalromane | 25.10.2002 00:00 | Thomas Wörtche

Crime Watch No. 66

Es gibt Dinge, die man einfach nicht versteht. Mitten in den Boom der Kriminalliteratur, der nach sachkundiger Information im Dschungel der ...

Es gibt Dinge, die man einfach nicht versteht. Mitten in den Boom der Kriminalliteratur, der nach sachkundiger Information im Dschungel der Produktion verzweifelt verlangt, platziert der Reclam Verlag sein Krimi-Lexikon. Und was passiert? Es ist total unbrauchbar. Ein Debakel in teilweise schauderhafter Prosa. Nicht einmal die minimalen Standards für Nachschlagewerke sind eingehalten. Die Katastrophe ist so flächendeckend, dass der Platz hier nicht ausreicht, sie vollständig zu schildern. Deswegen ist alles Folgende als pars pro toto zu verstehen.

Das Krimi-Lexikon bietet keine Informationen über die Autoren. In den allermeisten Fällen gibt es keine Biographie, keine Bibliographie, keine Verweise auf Pseudonyme. Über die Genregrenzen hinaus bedeutende Schriftsteller des 20. Jahrhunderts haben anscheinend nur ein Buch geschrieben, sonst ist über sie nichts erwähnenswert: Ross Thomas oder Chester Himes etwa. Dieses eine Buch wird auf Schulaufsatzniveau nacherzählt. Es steht weder im Kontext des Œeuvres, noch in dem des Genres, noch in dem der Literaturgeschichte. Über einen der wichtigsten Vertreter des Genres, Jim Thompson, heißt es nur: "Ähnlich wie J.M.Cain ist JT ein Porträtist des hässlichen Amerika, zu dessen Alltag Brutalität, Korruption und Machtgier gehören." Das ist angesichts des Formats von Thompson erbärmlich.

Bedeutende Autoren fehlen: Joseph Wambaugh, James Crumley, Elmore Leonard, George V. Higgins, James Lee Burke, Thomas Adcock, Dorothy Uhnak, Julian Rathbone, Charles McCarry, Robert Littell, John Harvey, Arthur W. Upfield ... So ginge es noch mindestens eine engbedruckte Zeitungsseite weiter.

All das sind keine Geschmacksfragen, das Lexikon ignoriert frech die Kernbereiche des Genres. Dafür sind ungefähr 60 Prozent aller erwähnten Autoren unwichtig, obskur oder unpassend (Lawrence Norfolk etwa).

In einem Vorwort, dem selbst Spuren von Sachkunde fehlen, redet der Herausgeber von der anglo-amerikanischen Dominanz, die gebrochen sei, weil inzwischen andere Kontinente auf der kriminalliterarischen Landkarte auftauchen. Der zweite Teil des Satzes mag sogar richtig sein. Aber warum fehlen dann bei ihm die wichtigsten Lateinamerikaner: Paco Ignacio Taibo II, Rubem Fonseca, Patrícia Melo, Jorge Luis Borges, Adolfo Bioy Casares, Luis Sepulveda, Santiago Gamboa plus zwanzig andere? Wo ist der Südafrikaner James McClure? Wie sieht es mit Asien aus?

Aber man muss gar nicht so weit weg gehen. Spanien ohne Andreu Martín oder Juan Madrid. Frankreich, ein ganz düsteres Kapitel: Didier Daeninckx, Pierre Siniac, Jean Vautrin et al - alles Fehlanzeige. Wir können das an jedem einzelnen Land durchdeklinieren.

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Kommen wir zu den bizarren Einschätzungen des Herausgebers. Eric Ambler hat die Vorlage für den Film Topkapi geliefert und weitere Werke. Mehr erfahren wir nicht. Anderthalb Spalten müssen für ihn reichen. Denn wer ist schon Eric Ambler verglichen mit einer Angelika Buscha (ein Roman, zwei Spalten)? Auch Georges Simenon (vier Spalten) ist eher unwichtig, gemessen an Henning Mankell und Philipp Kerr (zehn resp. elf Spalten). Diese groteske Schieflage zieht sich durchs Buch, demzufolge auch ein rein deutsches Phänomen wie Akif Pirinçci bedeutender ist als eine Autorin von Weltrang wie Sara Paretsky.

Zudem hat der Herausgeber nachgerade ein Totenhändchen dafür, aus dem Œeuvre vieler Autoren ausgerechnet den untypischsten Text zu behandeln: Bei Jerome Charyn gibt es die Isaac-Sidel-Romane als Projekt nicht, geschweige denn seine vielfältigen anderen Romane, Comics, Reportagen und Sachbücher. Auch dieses Prinzip lässt sich durchgehend belegen. Das Lexikon ist obendrein nicht faktensicher. Dass der schwarze Walter Mosley aus dem Geiste des weißen Designer-Produkts "Shaft" schreibe, diese Behauptung ist nicht kühn, sondern schlicht falsch. Dazu kommen grobe handwerkliche Fehler: Der Brite Robin Cook, richtig einsortiert unter dem Buchstaben "C", schrieb unter dem Pseudonym Derek Raymond. Die selbe Person Derek Raymond schrieb aber nicht unter dem Pseudonym Robin Cook. Und keiner seiner Romane hat mit Scotland Yard zu tun.

Ich kann, wie gesagt, diesen Abgrund von Imkompetenz nur andeuten. Eines aber ist sicher: Dieses Pseudo-Lexikon muss schnell vom Markt verschwinden. Im Interesse des Verlags und im Interesse der Käufer.

Reclams Krimi-Lexikon. Hg. von Klaus-Peter Walter. Reclam Verlag, Stuttgart 2002; 485 S., 29,80 EUR

 
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