Kultur

Musikkolumne | 06.12.2002 00:00 | Paul Baskerville

Lauschangriff 10/02

Minnesota´s Anspruch auf Ruhm begründet sich darauf, dass Bob Dylan in Duluth groß geworden ist, am Südufer des Lake Superior. Dort ist auch das ...

Minnesota´s Anspruch auf Ruhm begründet sich darauf, dass Bob Dylan in Duluth groß geworden ist, am Südufer des Lake Superior. Dort ist auch das Rocktrio Low vor neun Jahren entstanden. Die Winter sind lang und hart in Minnesota. Die Menschen müssen sich warm anziehen, und die Heizung monatelang voll aufdrehen. Die Nu-metal Shorts und T-Shirts aus Kalifornien und Florida nützen den Menschen in Minnesota gar nichts. Vielleicht ist das der Grund, warum Low gewissermaßen das Gegenteil von Nu-metal ist. Das Klima prägt die Menschen, und vielleicht deshalb klingt Lows Musik manchmal so, als ob sie eingefroren sei, so langsam und verträumt spielen sie. Ihre Songs haben ein extrem langsames Tempo, sie werden ganz zaghaft aufgebaut und wenn die Stücke wirklich gelungen sind, dann ist man als Hörer wie hypnotisiert und kann dementsprechend nur noch hoffen, dass man die Repeat-Taste auf seinem CD-Spieler nicht gedrückt hat! Denn wer weiß, wann man wieder aufwachen wird, wenn überhaupt? Diese minimalistische Attitüde treibt die Idee von Qualität gegen Quantität bis zum Äußersten. Low spielen wenig, aber wenn, dann stimmt der Klang mit pingeliger Präzision.

Alan Sparhawk singt und spielt Gitarre. Mimi Parker singt und spielt Schlagzeug, Zak Sally spielt Bass. Alan und Sally sind verheiratet und haben ein zweijähriges Kind. Das hört sich sehr un-rock´n´roll an, und das sind sie auch. Die Texte haben oft einen religiösen Inhalt, zum Beispiel: "I am the lamb", "If you were born today", "Lord can you hear me?" und "Thats how you sing amazing grace". Dafür gibt es eine einfache Erklarung: Alan und Sally sind beide praktizierende Mormonen. Das führt hierzulande möglicherweise dazu, Low als schräge Menschen einzustufen. In Amerika jedoch hat die Mormonenkirche eine andere Akzeptanz als in Deutschland. Low sind normale, konservative Amerikaner, mit einem unkonservativen Musikgeschmack.

In musikalischer Hinsicht sind sie allerdings nicht so ungewöhnlich, wie man vielleicht vermuten würde. In Europa erscheint ihr neues, mittlerweile sechstes Album Trust auf dem Rough Trade Label, aber in Amerika bringt es das Kranky Label heraus, das schon lange für einen gewissen experimentellen, ambientgitarrensound bekannt ist. Auf dem selben Label können als geistige Zwillinge (in musikalischer, nicht religiöser Hinsicht!) von Low Gruppen wie Labradford, Windy and Carl, God Speed you Black Emperor! gelten. Low und ihre Spießgesellen waren von Anfang an nicht anti-Rock, sondern anti-Machorock. Sie stellten unter Beweis, dass man Rock´n´Roll-Ekstase auch ohne Testosteronüberdosis erreichen kann.

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Schweigen, Raum. Das sind Schlüsselbegriffe, um Low zu erklären. Wer sich nicht beeilt, kann sich Schweigen und Raum erlauben. Am Anfang ihrer Karriere waren sie tendenziell sehr ruhig. Seit dem 2001 Album Things we lost in the fire sind sie aggressiver und lauter geworden. Langsame Aggression kann bedrohlich wirken, ungefähr so wie der Mafiaboss, der sich nur ein ganz klein wenig in seinem Ledersessel dreht; aber auch wenn sich Low musikalisch am Rande der dunklen Gewalt befinden, bleiben ihre Stimmen stets zart und fromm, wie es sich für gute Mormonen gehört. Alan und Mimi´s Gesang ist letztendlich, vom Feeling her, Kirchengesang. Wenn je etwas auf Low´s Seele lasten sollte, so bekommen sie das Problem bestimmt mit ihrem inbrünstigen Gesang wieder in den Griff.

Alan Sparhawks Lieblingskünstler sind: Joy Divsion, Velvet Underground, Neil Young und (die unbesungenen Helden) Galaxie 500. Wenn Low mit solchen Bands verglichen werden, sind sie in guter Gesellschaft. Es wird immer Leute geben, die grelle Rockfarben besser und Low langweilig finden. Der Vorwurf, dass Low keine große Variationsbreite haben, ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Aber auf dem neuen Album Trust ist eine weitere, langsame (was denn sonst?) Steigerung bemerkbar. Noch haben sie den Zenit ihres Schaffens nicht erreicht - und den Weg dahin haben sie bestimmt wieder bewusst verlangsamt, damit sie ihrem eigenen Niedergang noch nicht entgegensehen sehen müssen!

 
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