Kultur

Kolumne | 25.04.2003 00:00 | Thomas Wörtche

Crime Watch No. 72

Es gibt in der Erzähltheorie den Begriff »Motivation von hinten«. Er stammt, der Vollständigkeit halber, von dem Germanisten Clemens Lugowski ...

Es gibt in der Erzähltheorie den Begriff »Motivation von hinten«. Er stammt, der Vollständigkeit halber, von dem Germanisten Clemens Lugowski (1904-1942) und soll hier nur als Schlagwort aufgerufen werden. Denn Fliehe weit und schnell, der neueste Roman der französischen Archäologin, die unter dem Namen Fred Vargas schreibt, liefert, pointiert gesagt, das Buch zum Begriff.

Am Ende des Romans bleibt eine ganz und gar banale Krimi-Standard-Handlung übrig: Wie komme ich an anderer Leute Geld? Kompliziert wird diese Standard-Handlung durch mehrere Täter, durch eine fantastisch anmutende Drohung und durch eine klassische Lesertäuschung am Anfang.

Von vorne erzählt: In Paris hat sich ein gescheiterter bretonischer Seemann als Ausrufer im altmodischen Sinn etabliert. Er verliest gegen Geld Mitteilungen auf einem Platz in Montparnasse. In diese Mitteilungen schleichen sich zunehmend archaisch klingende Warnungen ein, die eine neue Pest ankündigen. Jean-Baptiste Adamsberg von der »Strafverfolgungsbrigade der Polizeipräfektur von Paris, Referat Delikte am Menschen« und seine Kolleginnen und Kollegen müssen sich an die Arbeit machen, als die ersten Toten mit schwarz verfärbter Haut auftauchen und eine Pest-Panik um sich greift. Mehr Leichen fallen an, auch nach Marseille scheint der Tod zu wandern und nur Adamsbergs Intuition kann die Situation noch retten.

Das ist auf den ersten Blick ganz und gar perfekt konstruiert. Außerdem schreibt Vargas sehr intelligente, oft witzige Dialoge. Sie kann wunderbare Käuze und seltsame Vögel zeichnen, sie hat ein Gespür für Menschen, die aus den Klischees der Literatur und den Rastern der öffentlichen Wahrnehmung herausfallen, und sie kann zudem eine düstere, apokalyptische Atmosphäre durch präzise, karge Beschreibungen aufbauen. Durch diese lobenswerten Tugenden entsteht ein beachtlicher Lesesog, der das Bedürfnis nach thrill und suspense bis zur letzten Zeile perfekt bedient. Und durch die menschliche Ebene, die Vargas ganz traditionell mit der einlässlichen Schilderung der privaten Macken ihres Helden Adamsberg liebevoll pinselt, ist dem Roman ein hoher Sympathiewert sicher.

Das ist schon mal mehr, als fünfundachtzig Prozent der gängigen Stangen-Krimi-Produktion zu erreichen auch nur träumen dürfen. Fliehe weit und schnell ist, Genre hin oder her, ein beachtliches Stück Literatur.

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Und dennoch bleibt Skepsis. Denn die »Motivation von hinten« entwertet durch die Banalität des Denouements den ganzen Aufwand. Der bretonische Ausrufer wird, nachdem wir seine ganze für die Handlung völlig unerhebliche Biographie erfahren haben, immer unwichtiger; dass die Pest nur ein Vorwand ist, ist bald völlig klar; die sich so arkan gebende Entschlüsselung der Pest-Zitate ist ziemlich enttäuschend, denn Samuel Pepys ist nun wahrlich kein überraschender Autor in diesem Zusammenhang; und das mit Verlauf des Buches immer notwendiger werdende Nachschieben von Information ist ein alter, tausendmal praktizierter Taschenspielertrick mittlerer Romane. Das Numinose und Fantastische, das durch das Aufrufen des Menschheitsmythos´ Pest Außergewöhnliches verspricht, wird als harmlose Spinnerei einer durchgeknallten Familie entschärft. Übrig bleibt am Ende und in letzter Konsequenz doch nur ein überkonstruierter, wenn auch unterhaltsamer Krimi.

Hier liegt der Unterschied zu einem Schriftsteller, der oberflächlich betrachtet das Konstruktionsmuster von Vargas seit Jahrzehnten vorweggenommen hat: William Marshall. Seine Hongkong-Romane beginnen stets mit ähnlich irritierenden, mit dem Fantastischen spielenden Bildern, um dann jäh in groteske Komik zu kippen und am Ende Stück für Stück zu einer meist tragischen Geschichte zusammengeführt zu werden. Aber bei Marshall ist jedes Puzzle-Stück von Anfang an schon vorhanden, Vargas muss die entscheidenden Teile erst einbauen und überflüssige, nur der Ablenkung dienende Teile aus der Handlung verschwinden lassen, weil die »Motivation von hinten« sie als reines Dekor denunziert hat.

Auch hier hat sich wieder, wie so oft, die Light-Fassung gegenüber dem innovativen Original durchgesetzt. Wenn auch auf sehr hohem Niveau.

Fred Vargas: Fliehe weit und schnell. (Pars vite et reviens tard, 2001). Roman. Aus dem Französischen von Tobias Scheffel. Aufbau, Berlin 2003, 399 Seiten, 22 EUR

 
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