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Walter Höllerer
Walter Höllerers berühmtestes Gedicht handelt von der Begegnung mit dem Tod. Es steht in seinem lyrischen Debütband Der andere Gast (1952) und wurde in die prägenden Anthologien der fünfziger und sechziger Jahre aufgenommen, als exemplarischer Text auch in Benno von Wieses lange kanonische Interpretationssammlung Die deutsche Lyrik vom Mittelalter bis zur Gegenwart (1957). Auf einem nicht näher bestimmten Kriegsschauplatz treffen in Kolonnen marschierende Soldaten auf ein "störendes" Objekt. Es ist ein toter Soldat, der, in seinem Blute liegend, von seinen Kameraden oder - das bleibt offen - von gegnerischen Streitkräften beiseite getragen wird. In vier Strophen und in je vier reimlose, unregelmäßig jambische Verse gegliedert, vergegenwärtigt der Text in metaphorisch schmucklosem Lakonismus den Alltag des Tötens und Sterbens. Es ist die fast emotionslose Nüchternheit dieses Gedichts, der kalte, fast anatomische Blick auf den Körper des toten Soldaten, die auch heute noch verstören. Kein Dichter der Nachkriegszeit hatte bis dahin so unsentimentale Verse für das Grauen des Krieges gefunden. Nun kam da 1952 ein noch nicht mal Dreißigjähriger und beschrieb das unerhörte Ereignis ohne jedes Pathos und in drastischem Realismus: "dieser Rücken / War nur ein roter Lappen, weiter nichts." Man hatte den jungen Walter Höllerer bis dahin als einen Schüler des Natur-Idyllikers Georg Britting wahrgenommen. Aber in diesem bewegenden Gedicht Der lag besonders mühelos am Rand kündigte sich eine neue Lyriker-Generation an: eine lakonische, zeitnahe, modernitätshungrige. Die Erschütterung des Beobachters vor dem Schrecken wird hier ja kunstvoll verborgen. Es regiert der sezierende Blick. Da wird zunächst die häufig strapazierte Lebenslüge vom friedfertig schlafenden Toten abgewehrt. Denn die Gewaltsamkeit dieses Sterbens ist von furchtbarer Evidenz. Dann folgt die Spekulation über die Geste des Leichnams. Von einem "Witz" ist die Rede, der "schnell vergessen" worden ist. Der offene grammatische Bezug des Verbs "vergessen" lässt auch die Deutung zu, dass es der tote Soldat selbst ist, der dem Vergessen anheim fällt. So erfährt man im poetischen Nexus en passant vom Überlebensprinzip derjenigen, die dem Grauen entkommen sind. Für sie ist das Vergessen Bedingung des Weiterlebens. Dass der Tote den "hartgefrorenen Pferdemist" in der starren Hand hält, wird jeder sinnstiftenden Deutung entzogen. Eine Symbolik des Trostes wird entschlossen negiert: Der Pferdemist in der Hand ist kein Zeichen der Brüderlichkeit ("Arm") oder der religiösen Geborgenheit ("ein Kreuz, ein Gott") mehr, sondern wird nur noch in seiner trostlosen Faktizität gesehen. Dieses subtile Spiel mit der verweigerten metaphysischen Sinnhaftigkeit des Sterbens hat Walter Höllerer wohl gemeint, als er sich gegen eine Interpretation dieses Textes als "modernes Erlebnisgedicht" verwahrte und es statt dessen ein "höchst stilisiertes, metaphorisches Gedicht" nannte. In seiner epochalen Anthologie Transit (1956) hat Höllerer sein eigenes Gedicht mit kryptischen Randnotizen versehen. Er zitiert den Dichter Federico Garcia Lorca und resümiert: "Das Bedeutendste hat immer einen letzten metallischen Gehalt von Tod."
Walter Höllerer, geboren 1922 im oberpfälzischen Sulzbach-Rosenberg, starb am 20. Mai 2003 in Berlin. Der vorliegende Text ist dem Gedichtband Der andere Gast entnommen, der vor drei Jahren bei der "Lyrikedition 2000" neu aufgelegt worden ist.
| Der lag besonders mühelos am Rand |
Der lag besonders mühelos am Rand
Des Weges. Seine Wimpern hingen
Schwer und zufrieden in die Augenschatten.
Man hätte meinen können, dass er schliefe.
Aber sein Rücken war (wir trugen ihn,
Den Schweren, etwas abseits, denn er störte sehr
Kolonnen, die sich drängten) dieser Rücken
War nur ein roter Lappen, weiter nichts.
Und seine Hand (wir konnten dann den Witz
Nicht oft erzählen, beide haben wir
Ihn schnell vergessen) hatte, wie ein Schwert,
Den hartgefrorenen Pferdemist gefaßt,
Den Apfel, gelb und starr,
Als wär es Erde oder auch ein Arm
Oder ein Kreuz, ein Gott: ich weiß nicht was.
Wir trugen ihn da weg und in den Schnee.
Walter Höllerer
Ausgabe 22/2012
31.05.2012
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