Kultur

Kolumne | 29.08.2003 00:00 | Thomas Wörtche

Crime Watch No. 76

Selten stellte sich ein Kriminalroman so stramm in eine Tradition, in die er genremäßig nicht hineingehört. Die Rede ist von Jan Costin Wagners Buch ...

Selten stellte sich ein Kriminalroman so stramm in eine Tradition, in die er genremäßig nicht hineingehört. Die Rede ist von Jan Costin Wagners Buch Eismond. Es handelt sich dabei um einen Serialkiller-Roman, auf den die Diagnose des Goethe-Biographen Nicholas Boyle über einen seit dem 18. Jahrhundert durchgehenden Zug der deutschen Geistesgeschichte gespenstisch genau zutrifft: Ängstliche Realitätsvermeidung. Genauso trifft auf Wagners Roman Pierre Bourdieus Verdikt zu, dass die gesamte systematische Ästhetik und deren literarische Ableitungen beherrscht werden von einer "fundamentalen Ablehnung des Leichten".

Eismond erzählt von dem finnischen Polizisten Kimmo Joentaa, dessen geliebte Frau gerade an Krebs gestorben ist. Seine Trauer macht ihn empathisch verständnisvoll für den Mehrfachmörder Vesa Lehmus, der Menschen sehr sanft und sensibel erstickt, weil er "die Vergangenheit gegen die Gegenwart tauschen" will. Die Empathie des Polizisten rettet keinem Opfer das Leben und der Mörder legt sich am Ende seinem Seelenbruder auf die Türschwelle und erfriert in der finnischen Winterkälte.

Bis es nach 300 Seiten soweit ist, haben wir einen strukturell klassischen Serialkiller-Roman gelesen. Aber noch von dessen schundigster amerikanischer Standardversionen unterscheidet er sich dadurch, dass hier das Verständnis des Polizisten für den Mörder nicht bewusst als Ermittlungsmethode eingesetzt wird, um darüber dem Killer auf den modus operandi zu kommen und ihn aus dem Verkehr zu ziehen. Hier wird vielmehr mit hohem Ton eine innige Seelenverwandschaft zweier Menschen gefeiert, deren ästhetisch inszenierte Sensibilität als Ausweis ihrer besonders erhabenen und tragischen Menschlichkeit dienen soll. Schmerz und Trauer, die ganze Schwere des Daseins, die dem Polizisten und dem Mörder mit dem selben stilistischen Mittel - lyrisch untereinandergesetzte, kurze Sätze - zugeordnet werden, entrücken dieses wunderliche Paar in eine Welt exaltierter, edler Gefühle. Schmerz und Trauer nobilitieren die Figuren. Ironische oder komische Brechungen, die Instrumente des Leichten, finden in dieser Schwere nicht statt. Schmerz und Trauer behaupten damit einen Anspruch auf moralische Überlegenheit wider das Niedrige, Banale.

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Diese Feier einer verquasten Empathie macht Wagners Buch auch zu einer Replik auf Derek Raymonds kapitalen, wenn auch problematischen Roman I was Dora Suarez, wo ein Polizist besessen empathisch einen professionellen Killer jagt. Mit dem auch moralisch signifikanten Unterschied allerdings, dass bei Raymond der Polizist sich dem Opfer des Mörders anverwandelt. Opfer interessieren Wagner wenig, der Täter hingegen sehr; er wandelt zusammen mit dem Polizisten wie ein Amoralist mit moralischem Schluckauf durch die Handlung. Deswegen ist Eismond vermutlich der schlimmste Kitsch (für Spezialisten: fast im Sinn von Hermann Broch), den ich seit langem gelesen habe. Die Realitätsvermeidung, von der oben die Rede war, hat da ihren plausiblen Grund. Das Buch spielt in einem lebensweltlichen Vakuum. Denn auch die finnische Polizei arbeitet wie jede Polizei der westlichen Welt, ergo kann diese Geschichte überhaupt nicht stattfinden. Auf der Ebene des circumstantial realism bedient sich Wagner der grobschlächtigsten Fernseh-Serien-Dramaturgie, laut der Tatverdächtige von Kommissaren im Alleingang festgenommen werden, psychisch deutlich labile Menschen, die vom Sterbebett ihrer Frau kommen, sofort Dienst tun dürfen und so weiter und so traurig fort. Aber die Realitätsvermeidung erschöpft sich nicht darin, dass der Roman in dieser Hinsicht einfach in die trostlose Grimmi-Kette von Agatha Christie bis Derrick gehört, sie manifestiert sich recht eigentlich in der lebensweltlich blinden Unterstellung, dass Täter interessanter als Opfer und zarte, stille, höfliche und musikalisch begabte Täter wie Lehmus gar besonders bemerkenswert seien und nur von besonders sensiblen und ebenfalls durch Schmerz und Trauer geadelten Polizisten erkannt werden können. Das ist entweder grob zynisch, missverstandener Ästhetizismus oder einfach nur peinlich dumm. Und nebenbei bemerkt: Der Roman, der sich seitenlang in der Abschilderung seelischer Dispositionen ergeht, ist stocklangweilig. Alles in allem ein betrübliches Beispiel für einen Krimi, der ganz, ganz hohe deutsche Literatur nach ganz, ganz alten Maßstäben sein will.

Jan Costin Wagner: Eismond. Roman. Eichborn Berlin, Frankfurt am Main 2003, 306 S., 19,90 EUR

 
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