Kultur

Kolumne | 17.10.2003 00:00 | Paul Baskerville

Lauschangriff 21/03

John Bramwell hatte jahrelang in seiner Heimatstadt Manchester den Spitznamen "Johnny the Dangerous", Johnny, der Gefährliche. Es war eher ironisch ...

John Bramwell hatte jahrelang in seiner Heimatstadt Manchester den Spitznamen "Johnny the Dangerous", Johnny, der Gefährliche. Es war eher ironisch gemeint, von seiner Statur her ist er nämlich klein und schmächtig. Eine körperliche Bedrohung stellt er also kaum dar, aber die Sensibilität seiner Songtexte galt dennoch als potenziell gefährlich für Menschen mit labilem Seelenzustand. Seine "Karriere" begann Bramwell als Straßenmusiker; seit 1999 hat er eine Band, genauer gesagt ein Trio: I am Kloot (John Bramwell: Gitarre, Gesang, Peter Jobson: Bass, Andy Hargreaves: Drums). Die Gruppe bildete gewissermaßen das Schlusslicht der "New Acoustic Movement" 1999. Die meisten ihrer Bewegungsgenossen sind in der Zwischenzeit ziemlich erfolgreich, seien es die Doves, Elbow, Badly Drawn Boy, Kings of Convenience oder Turin Brakes. I am Kloot hinken immer noch hinterher. Mit dem neuen, dem zweiten Album (Titel: I am Kloot) könnte nun alles anders werden.

Wer das Album hört, den wird es wenig wundern, dass die beiden Gallagher-Brüder von Oasis sich dazu bekennen, Riesenfans von I am Kloot zu sein; Bramwell hat nämlich die selbe Begabung wie Oasis, auf einfachste Weise grandios zu sein. Natürlich kann man sich fragen: Brauchen wir wirklich 2003 noch eine Band mit einem Haufen sentimentaler Songs im 4/4 Takt? Soll das die Zukunft des Rock´n´Roll sein? Aber der Ton macht die Musik, und die Songs von I am Kloot sind so karg und wahrheitsgetreu, dass sie eine zeitlose Qualität haben.

Zugegeben, das Debütalbum Natural History war noch schlichter als das neue Werk: Es gab damals Gitarre, Bass und Drums. Beim aktuellen Album sind die Arrangements etwas aufwendiger, aber der Sound ist immer dezent, nie überladen. Die Akkordsequenzen und Basslinien klingen immer natürlich und entspannt. Das Debütalbum hörte sich etwas schlampig an, eben nach Straßenmusikern; das neue Album ist da schon ehrgeiziger. Die Unmittelbarkeit der Songs ist dennoch erhalten geblieben.

Die Lieder handeln von Schmerz, von Verlust, von gebrochenen Herzen. John Bramwell ist als großer Trinker bekannt. Ich war einmal sehr früh morgens mit ihm verabredet und er wollte um sieben Uhr dringend ein Bier. Alkohol und Musik sind seine Lösung, die Welt zu ertragen, ganz so wie er es im Lied Proof auf dem neuen Album beschreibt: "Hey could you stand me another drink? I´m better when I don´t think, seems to get me through." Er hat sich daran gewöhnt, der ewige Loser zu sein.

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Als die Band im Sommer beim Glastonbury Festival in England auf die Bühne ging, sagte er zu Beginn zum Publikum: "Hallo Glastonbury! ... I never fucking thought I´d say that!" Er hätte es nämlich niemals für möglich gehalten, dass seine Band zu so einem Prestigeereignis eingeladen werden würde. Seine Bescheidenheit ist charmant, und gerade dieser Charme macht einen wichtigen Bestandteil seiner Songs aus. Es stellt sich die Frage, wie er wohl mit dem Erfolg zurecht kommen wird. Werden seine Songs ihre Natürlichkeit verlieren? Gehört es doch dazu, dass Bramwell sich nicht zu selbstbewusst und souverän anhört. Es sind Songs für Menschen, die mit seelischer Entgleisung vertraut sind, die hungrig sind und Träume haben, aber ahnen, dass ihre Sehnsüchte nicht so leicht in Erfüllung gehen. Glück scheint für manche Menschen ein unerreichbarer Zustand zu sein. Bramwell will den Menschen ihre Hoffnung nicht nehmen: "Who am I to dare to pull the stars from your favourite sky?" ("Wie kann ich es wagen, Dir Deine Träume zu nehmen?") singt er im Lied Your favourite sky auf dem neuen Album. Er spricht letztendlich in erster Linie für sich. Seine Welt ist eben die einer ewigen Bauchlandung: Saufen, wieder auf die Beine kommen, wieder hinfallen.

Allerdings hat Bramwell nie seinen Humor verloren. Als bittere Ironie drückt er sich in seinen Songs aus, aber er ist auch ein großer Entertainer. I am Kloot-Konzerte sind stets unterhaltsam und lustig, ganz im Gegensatz zu der Traurigkeit der Lieder. Was will man mehr, als eine Band, zu der man weinen und lachen kann? Noch wichtiger ist vielleicht die Erkenntnis, dass das neue Album I am Kloot (Echo Records: Deutschlandvertrieb PIAS) die besten Songs enthält, die John Bramwell bisher geschrieben hat.

I am Kloot sind bald auf Tour in Deutschland: 31.10. München-Atomic Cafe, 3.11. Schorndorf-Manufaktur, 4.11. Köln-Gebäude 9, 5.11. Hamburg-Logo, 6.11. Berlin-Magnet.

 
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