Kultur

Kolumne | 19.12.2003 00:00 | Thomas Wörtche

CrimeWatch No. 80

Thomas de Quinceys berühmter Essay On Murder considered as one of the Fine Arts - Der Mord als eine schöne Kunst betrachtet - aus den Jahren ...

Thomas de Quinceys berühmter Essay On Murder considered as one of the Fine Arts - Der Mord als eine schöne Kunst betrachtet - aus den Jahren 1827/1854 hat ein paar betrübliche Echos geworfen: Das Prominenteste tönt sicher aus Thomas Harris´ Romanen um den angeblichen Feingeist und Massenmörder Hannibal Lector, von dessen unzähligen Klonen in Tausenden von minderen Serial-Killer-Romanen nicht zu reden. Betrüblich sind diese Echos deshalb, weil de Quinceys Satire auf (prä-)viktiorianische Denkmuster in vielen Serial-Killer-Schwarten zu einer unsäglich platten "Faszination des Bösen" mutiert ist, die eben nicht mehr wie bei de Quincey komisch gemeint ist. Heutige Serial-Killer-Romane sind, bis auf drei oder vier Ausnahmen, durch die Bank dumpfe und bierernste Veranstaltungen, die ob ihrer geistigen Wurzeln und oft wegen ihrer literarischen Darbietungsform direkt aus dem 19. Jahrhundert stammen könnten und - intellektuell gesehen - auch dort verblieben sind.

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Heinrich Steinfests aktueller Roman Ein sturer Hund ätzt und spottet genau über diese pseudo-realistisch geschminkten und aufgedonnerten fiktiven Serial-Killer mit der Seele eines Künstlers. Seine Schurkin arbeitet für einen ominösen britischen Geheimdienst und simuliert Ritualmorde, wenn es darum geht, das mediale Interesse von den wirklichen Gründen abzulenken, warum eine Person aus dem Weg geräumt werden muss. Bevor sie jedoch ihren Opfern die Köpfe abschneidet und diese makaber drapiert, was nun mal ihre Spezialität ist, fertigt sie von ihnen Porträtzeichnungen an, die auf großes künstlerisches Talent schließen lassen. Natürlich ist die Frau irre. Weswegen sie in einem evident irren Plot von einem erfolglosen und zu Katastrophen neigenden Privatdetektiv namens Cheng aus dem Verkehr gezogen wird. Mit Hilfe des erfolg- und farblosen Schriftstellers Moritz Mortensen und des im wesentlichen eigenschaftslosen Polizisten Dr. Thiel. Der titelgebende sture Hund ist Chengs Haustier, ein total indolenter Köter namens Lauscher, der sich selten von der Stelle rührt. Realismus-Verdacht lässt Steinfest erst gar nicht aufkommen, obwohl er gerade den meist nur behaupteten circumstantial realism von üblichen Romanen des Sub-Genres mit sehr peniblen, sehr realistischen Detailschilderungen wunderbar parodiert: Er erzählt uns im Gegensatz zu seinen belletrierenden Kollegen und Kolleginnen keine Döntjes aus dem angeblichen Polizeimilieu oder aus dem Nähkästchen der Gerichtsmedizin, sondern verblüfft uns zum Beispiel mit einer präzisen Schilderung des Stuttgarter Fernsehturms oder anderer Details, die mit der Handlung nicht das geringste zu tun haben. Steinfest wagt es, seinen Helden Cheng erst auf Seite 105 einzuführen, er mäandert in Abschweifungen, pöbelt über scheußliche Zustände in Städtebau und Feuilleton, ergeht sich in einlässlichen Schilderungen von allerlei handlungsirrelevanten Nebenfiguren und baut besagten Hund für eine Pointe auf, die nie kommt. Seine Erzählhaltung ist durchweg ironisch, nie karikierend und deswegen so teuflisch treffend spöttisch. Mit anderen Worten: Steinfest hat seinen Musil genau gelesen und verstanden. Und seinen Heimito von Doderer auch. Und trotzdem ist seine Prosa nicht epigonal, weil die Struktur seines Erzählens sehr modern ist. Destruktiv, aber um Himmels willen nicht dekonstruktiv. Die späte Einführung des Helden, das vorbedachte und absichtliche Verzögern des Showdowns, die Zeitdehnungen, das lange Verweilen bei unwesentlichen Details, das alles sind Techniken, wie sie auch der Italo-Western zur Destruktion seines Genres, des heroisch-idealisierenden Westerns, aufgeboten hat. Ähnlich rüde springt Steinfest mit dem Genre des Serial-Killer-Romans um. Er beleuchtet grell dessen Irrealismus, der sich als Realismus ausgibt. Ein sturer Hund schichtet so viel Realismen aufeinander, bis der Erzählgegenstand als das sichtbar wird, was er ist: Kreischender Irrealismus. Und so gelingt ihm ein Meta-Roman, der als Roman funktioniert, so wie die Italo-Western von Sergio Leone als Filme hervorragend funktionieren.

Steinfest aber ist in der literarischen Landschaft ein Einzel-Phänomen. Nicht auszudenken, wenn seine Virtuosität Trittbrettfahrer anziehen sollte, die meinen, einen solch virtuosen Meta-Roman könnte man auch mal so aus der Lameng aufs Papier schmettern.

Heinrich Steinfest: Ein sturer Hund. Roman. Piper, München 2003, 314 S., 8,90 EUR

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