Kultur

Kolumne | 04.06.2004 00:00 | Paul Baskerville

Lauschangriff 12/04

Alison und Jim Shaw waren Scheidungskinder und lebten voneinander getrennt. Die Mutter bekam das Sorgerecht für die Tochter; der Vater durfte den ...

Alison und Jim Shaw waren Scheidungskinder und lebten voneinander getrennt. Die Mutter bekam das Sorgerecht für die Tochter; der Vater durfte den Sohn behalten. Gerade wegen dieser Umstände hatten die beiden Kinder das Gefühl unzertrennlich zu sein. Keine Fetzen sind geflogen, wie es sonst oft unter Geschwistern der Fall ist. Sie waren keine Konkurrenten, sondern fühlten sich wie geistige Zwillinge. 1988 musizierten sie zum ersten Mal zusammen, und zwar in der Garage ihre Vaters in Portsmouth im Süden Englands. So entstanden die ersten Aufnahmen der Band Cranes, die auf der Cassette Fuse verewigt wurden. In wahrer Undergroundmanier ist das Album nie als Vinyl oder CD erschienen. Jim erzählte mir, dass die Cassette vor kurzem bei Ebay für 400 Dollar versteigert wurde. Daraufhin habe ich den Staub vom meinem Exemplar abgewischt und sie vorsichtig wieder in den Schrank gestellt. Das Cranes-Debütalbum als Versicherung gegen finanzielle schlechte Zeiten! 1988 hätte ich das nicht vermutet.

Allerdings hätte ich auch nicht unbedingt gedacht, dass Cranes 2004 das beste Album ihres Lebens Particles and Waves veröffentlichen würden. Es gibt zwei Möglichkeiten bei Rockbands. Entweder sie werden älter und langweilig, oder sie werden älter und besser. Die erste Kategorie ist leider stark vertreten und belegt die These, dass Popkultur Jugendkultur sei. Cranes allerdings widerlegen sie.

Die ersten Rezensionen beschrieben sie als "eine Mischung aus Einstürzenden Neubauten und den Cocteau Twins". Das traf in der Tat zu. Cranes klangen auf dem ersten regulären Studioalbum 1989 Self Non Self wie Himmel und Hölle zugleich. Düstere verzerrte Gitarren standen im Gegensatz zu Alison´s extrem femininer, mädchenhafter Stimme. Ihre hübsche, zarte, zierliche Erscheinung trieb eine ganze Generation von jungen, fragilen Indierockmännern in den Wahnsinn. Jim und Alison wollten ihren Sound unbedingt erweitern und engagierten zwei Gitarristen aus der Portsmouth Szene. Mit Wings of Joy 1991 war Cranes etabliert, und zum ersten Mal kein Duo mehr, sondern eine richtige Band. Jim und Alison waren nach wie vor für das Songwriting verantwortlich; ihr Sound wurde allmählich weniger rau, aber der düstere Unterton hielt sich.

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Robert Smith von The Cure wurde auf die Band aufmerksam und lud sie 1992 zu einer Welttournee als Vorgruppe ein. The Cure befand sich damals auf dem Gipfel ihrer Popularität und spielten nur noch in riesigen Hallen. Fans von The Cure waren Freunde der düsteren, romantischen Popmusik mit Tiefgang, und konnten deshalb Cranes nur lieben. ´93 erschien das Album Forever, ´94 Loved. Beide Platten zeigten eine feine Balance zwischen Indierock-Experimentierfreude und saftigen Popmelodien. Cranes war derweil zur "großen" Indieband an der Grenze des Mainstreams aufgestiegen. Der erste Stolperstein in ihrer Karriere war das Konzeptalbum 1996 La Tragédie d´Oreste et Eléctre. Es basierte auf Les Mouches von Jean-Paul Sartre. Dieses ambitionierte Werk besaß Ähnlichkeit mit den progressive rock-Platten der siebziger Jahre. Schon damals hatte die britische Musikpresse die Ankunft des Punkrocks zum Anlass genommen, um eine Säuberung der Musikszene von allen radikalen progressive rock Elementen vorzunehmen. Mit ihrem Sartre-Werk lagen Cranes gar nicht im Trend, und es wurde ihnen vorgeworfen, einen peinlichen Kunstanspruch zu pflegen.

´97 konnten sie ihre Glaubwürdigkeit mit Population 4 wieder herstellen. Es war eine für ihre Verhältnisse sehr direkte, bodenständige Popplatte. Vier Jahre lang pausierten Cranes danach unfreiwilligerweise, weil ihr Management sie betrogen hatte, und sie dabei ihr ganzes Geld verloren. Jim und Alison bewiesen Zähigkeit, indem sie 2001 ihr eigenes Label Dadaphonic gründeten, die Bandbesetzung wechselten, und das Album Future Songs aufnahmen. Nun ist Particles & Waves erschienen. Beide Alben gehören zur selben neuen Ära der Band und sind deutlich elektronischer und weniger gitarrenlastig als ihre frühere Arbeit. Der Sound ist unkommerzieller geworden, aber dafür dezenter, reifer. Das Album ist eigentlich nur für Erwachsene geeignet, die, ganz so wie die Band, eine Entwicklung durchgemacht haben, und aus dem Leid des Lebens gestärkt hervorgegangen sind.

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