Kultur

Kolumne | 11.06.2004 00:00 | Paul Baskerville

Lauschangriff 13/04

Im günstigsten Fall sollte Musik nicht weniger als wahrhaftig und ehrlich sein und außerdem noch Lebenshilfe bieten. Oft ist das zu viel verlangt, ...

Im günstigsten Fall sollte Musik nicht weniger als wahrhaftig und ehrlich sein und außerdem noch Lebenshilfe bieten. Oft ist das zu viel verlangt, aber es gab Bands, die diesen Anspruch für mich erfüllten, wenn auch nur für einige Jahre: Ich denke an The Who, als ihr Schlagzeuger Keith Moon noch lebte, auch an The Jam und The Clash in ihren Blütezeiten. Denn die Intensität des Rock´n´Roll lässt nach, die Karussellfahrt verlangsamt sich; das ist der Normalfall. Leatherface aus Sunderland im Nordosten Englands, die Post-Punkband um den Sänger und Songschreiber Frankie Stubbs ist nicht der Normalfall. 15 Jahre nach der Veröffentlichung des Debütalbums Cherry Knowle ist Stubbs genau so vital und rigoros wie eh und je. Vergangene Woche traf ich ihn nach einem Konzert im Bremer Schlachthof und fragte nach dem Geheimnis. Wie kann man nach so vielen Jahren noch so leidenschaftlich sein? Stubbs gab "günstige" Umstände an.

Leatherface ist zwar seit vielen Jahren eine "Indierock"-Größe, die Alben Mush (1991) und Minx (1993) gelten als Klassiker, aber die Band ist dennoch immer Underground und ohne Vertrag mit einer großen Plattenfirma geblieben. Deshalb, so Stubbs, konnte sich ihre Musik so unverfälscht erhalten. Der zweite "günstige Umstand" besteht darin, dass es die Band über einen Zeitraum von sechs Jahren gar nicht gab. Stubbs hatte Leatherface wegen der Alkoholprobleme seiner Musiker aufgelöst. Er selbst trinke zwar auch zwei Liter Wein täglich, aber erst nach der Show. Die Anderen hätten schon vorher getrunken, was sich auf die Konzerte auswirkte und Stubb´s Eitelkeit kränkte. Es mag sich zwar um Punk handeln, aber er strebt Perfektion an. In der sechsjährigen Pause nun hat Stubbs neue Energie getankt.

ANZEIGE

Ihr "zweites" Leben verbringt Leatherface beim kalifornischen Label BYO Records unter Vertrag. Das Label ist für Hardcore- und Emo-Punk bekannt; Leatherface sitzen da regelrecht zwischen den Stühlen. Aber sie klingen so eigen, dass es sowieso kein wirklich passendes Label für sie gäbe. Wenn man mich danach fragt, wie Leatherface klingen, sage ich immer: Wie eine Mischung aus Motorhead, The Police und Tom Waits. Meistens löst dieser Satz ein Schmunzeln aus, weil man vermutet, dass ich es nicht ernst meine. Vielleicht ist meine Beschreibung nicht ausreichend, aber sie kommt der Sache zumindest näher. Die Police-Ähnlichkeit beschränkt sich auf das Gitarrenspiel von Frankie Stubbs, das an das Zupfen des Police-Gitarristen Andy Summers erinnert. (Leatherface spielen den Police-Hit Message in a bottle oft live.) Der Motorhead-Vergleich ist zwar notwendig, aber auch beleidigend für Stubbs. Sein Gesang ist zwar so rau und heiser wie der von Motorheads Lemmy, auch ist die Musik der beiden Gruppen ähnlich heftig und dynamisch, aber der große Unterschied besteht in der pathetischen Sensibilität von Stubbs´ Stimme. Wo Lemmy eher für sein dickes Fell bekannt ist, strahlt Stubbs eine feingeistige Melancholie aus, die in der Tat an Tom Waits erinnert. "If the length of this song is my life, I wanna live it. I want to lie in the sun one more time and not hide" (Wenn die Länge dieses Songs meinem Leben entspricht, will ich es leben. Ich will noch einmal in der Sonne liegen und mich nicht verstecken), singt Frankie Stubbs im Song Small Yellow Chair vom aktuellen Album Dog Disco. Er hat sich gezwungenermaßen mit der Vorstellung auseinander setzen müssen, das Leben als geliehene Zeit zu betrachten; der ehemalige Bassist der Band, Andy Crighton, beging 1997 Selbstmord. Stubbs hat darüber bereits das Lied Andy auf dem Comeback-Album Leatherface together with Hot Water Music (1998) geschrieben.

Letztendlich ist Leatherface doch eine Hardcore-Punkband. Aber selten hat es eine Hardcore-Kapelle mit solch hübschen Melodien gegeben, in Verbindung mit persönlichen und poetischen Texten. "Er kann wirklich Gitarre spielen, und es handelt sich um echte Songs!" meinte ein Freund zu mir nach dem Bremer Konzert, "wenn er wollte, könnte er ein seriöser Künstler werden." Ich denke, dass Frankie Stubbs schon immer seriös war. Was mein Bekannter meinte, war wohl, dass Stubbs den Status eines massenkompatiblen Songwriters genießen könnte, wenn er nur auf die Punk-Komponente verzichten würde. Das geht aber nicht, weil dann würde Frankie Stubbs sich nämlich selbst verraten.

'; $jahr = '2004

 
Senden Bookmarken Drucken
Artikelaktionen


Meistkommentiert
7 Tage
Monat
Bisher
David Foster Wallace Das hier ist Wasser Kiepenheuer & Witsch 2012

64 Seiten. Kartoniert.

4,99
 
David Foster Wallace wurde 2005 darum gebeten, vor Absolventen des Kenyon College eine Abschlussrede zu halten. Diese berühmt gewordene Rede gilt in den USA mittlerweile als Klassiker und Pflichtlektüre für alle Abschlussklassen – eine kleine Anleitung für das Leben, die man jedem mit auf den Weg geben möchte >> mehr
Arte-Kooperation

portlet_ArabienArte.png

portlet-gaertnerbuch.png

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Die grüne Guerilla

Ausgabe 22/2012
31.05.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_Gaertner.jpg

Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

Tubuk

portlet_Tubuk.png

Freitag-Buchshop.png

Blog-Tipps

Das Schema
Michael Rutschky, Kathrin Passig u. a.

nachtkritik.de
Unentbehrlich für Theaterliebhaber

Umblätterer.de
Feuilletonbeobachtung. Intelligent und ironisch

Matthias Matusseks Video-Blog
Das deutsche Videoblog von Weltformat.

herthabsc.blogspot.com
Marxelinhos Blog über Hertha und Arsenal

flasher.com
Künstler über Künstler. Auf Englisch

The New Republic
Das US-Magazin

readme.cc
Die virtuelle Bibliothek

Kulturministerium.ch
Wahlrecht für die Schweiz

Parallelfilm
Notizbuch Christoph Hochhäusler

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG