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Uljana Wolf: Kinderlied

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Uljana Wolf

kinderlied

mein vater
der kleine trompeter
gab sein blut
für unsre kehlen

singend führn wir
ihn im schilde
spielend schaufeln
wir sein grab

mein wächter
der kleine trompeter
mit dem blech
an seinen lippen

bläst uns
wenn die herzen
aus der deckung treten
seinen marsch

Dieses verstörende kinderlied führt zunächst zurück zu den Urszenen deutscher Geschichte. Im März 1925 wurde bei einer Wahlveranstaltung der Kommunistischen Partei Deutschlands ein Hornist des Roten Frontkämpferbundes von der Polizei erschossen. Dieses Ereignis bildete das mythische Ingrediens der antifaschistischen Heldenlegende vom "kleinen Trompeter". Es entstanden Lieder und Filme vom "kleinen Trompeter"; nach Gründung der DDR gehörten "die kleinen Trompeterbücher" zum Standardinventar des sozialistischen Kinderzimmers. In ihren lyrischen Suchbewegungen nach den Brennpunkten deutscher und polnischer Geschichte greift die 1979 geborene Uljana Wolf dieses Motiv wieder auf.

In ihrem preisgekröntem Debütbuch kochanie ich habe brot gekauft (2005) steht das kinderlied in einem weit gespannten Motivkreis von Vater-Tochter-Geschichten. Zunächst fragt hier das lyrische Ich der Gedichte nach den lebensgeschichtlichen Prägungen durch "die Väter", und anschließend nach den Fähigkeiten der Töchter, sich gegen das allgewaltige Wort der Väter zu behaupten. Die Vater-Tochter-Konstellation kehrt wieder in den drei weiteren Abteilungen dieses streng komponierten Gedichtbuches. In einem Zyklus wird zum Beispiel die grausame Geschichte des römischen Feldherrn Titus Andronicus und seiner Tochter Lavinia aufgerufen, und die ästhetisch-theatralischen Spiegelungen dieses Stoffs in den Stücken Shakespeares und Heiner Müllers. In einem Kommentar zu diesem Shakespeare-Gedicht hat Uljana Wolf das Lavinia-Schicksal als Opfergeschichte gedeutet: die Vergewaltigung der "töchterkörper" interpretiert sie als ein Strukturmerkmal patriarchaler Gesellschaften.

Ganz anders nun das kinderlied vom "kleinen trompeter", in dem die Gestalt des Vaters zunächst nicht als Instanz einer allmächtigen Gewalt auftritt, sondern als Beschützerfigur und als Objekt einer unbestimmten Sehnsucht. Es ist ein raffiniertes Vexierspiel um Begehren, Beschütztwerden und Gewaltdrohung, das in diesen vier Vierzeilern entfaltet wird. Das Lied des kleinen Trompeters ist Verheißung und zugleich Stereotyp. Die Ambivalenz der Emotionen, die sich an die Vatergestalt heften, drückt sich aus in der Ambivalenz der Bilder. Da ist der kindliche Gesang, der den "kleinen Trompeter" bezeichnenderweise "im schilde führt" - es geht also, wenn man die Redewendung "etwas im Schilde führen" wörtlich nimmt, auch um ein Ränkespiel des lyrischen "Wir", das der väterlichen Imago gilt. Und rätselhaft paradoxal sind auch die zwei folgenden Verse der zweiten Strophe: Das Schaufeln des Grabs wird als "spielerischer" Akt dargestellt - auch hier gibt es also ein Nebeneinander von Unbeschwertheit, Aggression und Todesdrohung. Wenn am Ende auch noch "ein Marsch geblasen" wird, dann verwischt endgültig das Bild einer kindlichen Bewunderung des Vaters. Denn es meint ja die Markierung einer autoritären Geste, wenn jemandem "der Marsch geblasen" wird. Dieses Widerspiel der Ambivalenzen und semantischen Vieldeutigkeiten macht den nicht geringen Reiz der Gedichte Uljana Wolfs aus.

Uljana Wolf, geboren 1979 in Berlin, studierte Germanistik, Anglistik und Kulturwissenschaft in Berlin und Krakau. Das Gedicht ist ihrem Debütbuch kochanie ich habe brot gekauft entnommen, der 2005 im Kookbooks Verlag erschien.


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