Kultur

Linksbündig | 28.03.2008 00:00 | Martin Krauß

Sportlich

Die Olympischen Spiele waren immer umkämpft

Olympische Spiele dürfen nicht an eine Diktatur vergeben werden! Gewiss. Warum aber darf dann das Internationale Olympische Komitee diese Spiele vergeben? Eine Vereinigung, die Fidel Castro nicht ganz falsch einmal als "Mafia aus Grafen, Prinzen, Millionären und Weißen", beschrieb, die sich, wie sich das für ein derart vordemokratisches Gremium gehört, aus sich selbst heraus reproduziert, die mit Lizenzgebühren und Fernsehrechten die Macht eines multinationalen Konzerns angehäuft hat und sich mit olympischem Feuer, Flagge, Eid und anderem ideologischem Brimborium absichert.

In der aktuellen Diskussion über die Spiele in Peking wird sowohl bei den Befürwortern als auch den Gegnern eines Fernbleibens von den Olympischen Sommerspielen in Peking so getan, als seien diese Spiele etwas beinah Heiliges: Entweder heißt es, sie würden entweiht, wenn dort Menschenrechtsverletzungen stattfänden. Oder sie seien derart bedeutend, dass sie nicht mit Politik in Verbindung gebracht werden dürften.

Beides ist Quatsch. Olympische Spiele sind immer ein Politikum; doch wo man diesen abgedroschenen Satz hört, klingt er meist so, als verstünde man unter Politikum bloß, dass die Spiele zum Propagandainstrument des Gastgeberlandes würden. 1936 in Berlin ist das am häufigsten gewählte Beispiel.

Aber selbstverständlich sind Olympische Spiele auch dann ein Politikum, wenn sie in München 1972, in Athen 2004 oder in London 2012 stattfinden. Sie sind nämlich eine Veranstaltung, deren politisch-symbolische Bedeutung umkämpft ist, sie sind ein Kampffeld. Und da geht es immer brutal zu: Vor den Olympischen Spielen 1984 in Los Angeles wurden tausende junger Schwarzer präventiv inhaftiert - damit von ihnen keine Gefahr für den olympischen Frieden ausgeht. 1988, als die Spiele in Seoul stattfanden, gingen ihnen brutale Knüppeleinsätze gegen demonstrierende Studenten voraus; und für die Umgestaltung der Stadt wurden über 700.000 Menschen umgesiedelt. 1992 in Barcelona wurden Roma aus der Stadt ausgewiesen, gegen Bettler und Prostituierte wurde mit Polizeigewalt vorgegangen. 1996 in Atlanta war es das Organisationskomitee, das ein neues Stadtgefängnis baute. Aus Sydney 2000 wird berichtet, dass tausende Menschen ihre Wohnungen verloren. Ähnliches geschah 2004 in Athen, wo die Polizei auch massiv gegen Obdachlose, Kleinkriminelle und Prostituierte vorging. Und bei den Bauarbeiten für die Wettkampfstätten kamen 13 Arbeiter um. Das ist die jüngste Olympiageschichte.

Nun also kommt Peking. "Aber wenn die Regierung auf Mönche schießen lässt", heißt es in der aktuellen Diskussion, "dann ist ein Olympiaboykott unausweichlich". Auch hier sollte man an die olympische Geschichte erinnern: Über 400 Studenten ließ die mexikanische Regierung im Vorfeld der Spiele 1968 niedermetzeln - für den olympischen Frieden.

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All dies könnte dazu führen, dass man sich mit guten Argumenten zum Boykott der Spiele entschließt, auch der in Peking. Aber nichts davon legt den Schluss nahe, man möge das IOC auffordern, auf die chinesische Regierung einzuwirken. Ebenso sollte nichts dazu verleiten, eine westliche Regierung oder den Deutschen Olympischen Sportbund aufzufordern, den Boykott zu organisieren.

Vor 40 Jahren ging eine Boykottdiskussion von Athleten aus: von schwarzen US-Sportlern, die gegen Rassismus demonstrierten - und auch gegen das IOC! Als sich die Mehrheit nicht auf einen Boykott einigte, demonstrierten einige der Sportler bei den Spielen. Am berühmtesten wurde die Siegerehrung des 200-Meter-Laufs mit Tommie Smith und John Carlos, die die Black-Panther-Faust in den Himmel reckten.

Olympische Spiele sollten nicht an Diktaturen vergeben werden? Sicher nicht. Aber wichtiger ist: Die Spiele sollten den Sportlern gehören. Da sind sie besser aufgehoben als bei der chinesischen Regierung oder dem IOC.

 
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