Kultur

Musik | 11.04.2008 00:00 | Paul Baskerville

Lauschangriff 10/08

Für die Leute, die mit dem Rock der neunziger Jahre aufgewachsen sind, bilden The Gutter Twins ein Post-Grunge Traumpaar. Nirvana und Pearl Jam ...

Für die Leute, die mit dem Rock der neunziger Jahre aufgewachsen sind, bilden The Gutter Twins ein Post-Grunge Traumpaar. Nirvana und Pearl Jam hießen zweifellos die großen Namen dieser Ära, und zu denen, die erst nah dran waren, die Welt zu erobern, gehörten Greg Dullis Band Afghan Whigs aus Hamilton, Ohio, und Mark Lanegans Screaming Trees aus Ellensburg, Washington. Zwei Rockbands mit unterschiedlichen Schwerpunkten: Dulli liebte den Soul, Lanegan war durch psychedelischen Rock geprägt. Damals hätte man sich eine Zusammenarbeit zwischen ihnen kaum vorstellen können, obwohl sie beide beim Grunge-Label Sub Pop veröffentlichten. Eine künstlerische Verbundenheit machte sich erst später bemerkbar, als Dulli seine zweite Band The Twilight Singers gründete, während Lanegan sich für eine Solokarriere entschieden hatte. Jeder hatte eine Leidenschaft für Folk und Blues entdeckt, und Lanegan bereits einige Male bei The Twilight Singers mitgewirkt.

So kam es nicht aus heiterem Himmel, dass beide nun ein ganzes Projekt zusammen organisiert haben. Sie nennen sich The Gutter Twins, die Gossenzwillinge: Selbstironie oder Koketterie? Ob sie nachträglich auf die Zeit ihrer Drogensucht stolz sind, kann ich nicht beurteilen, aber es ist auf keinem Fall ein Geheimnis, dass beide massive Drogenprobleme hatten: Dulli mit Kokain, Lanegan mit Heroin. Dulli hatte seiner Lieblingsdroge bereits ein Album gewidmet, Powder burns von 2006. Die Texte bei The Gutter Twins handeln auch zum Teil von Drogen. Und von Dullis anderer Sucht: Sex. Als ich die Afghan Whigs einmal live sah, versuchte Dulli während des Konzertes Frauen im Publikum aufzureißen - nicht nach der Show, sondern während der Show. Sein Verhalten war bezeichnend, seine Songs handelten oft von angeblichen Selbstvorwürfen, dass er lernen muss, Frauen besser zu behandeln.

Auch Lanegan spielt gern die Rolle des Cowboys, der sich zwischen Gut und Böse hin- und hergerissen fühlt. In diesem Sinne heißt das Album Saturnalia. Nach dem römischen Fest, bei dem die Sklaven Meister wurden, die Rollen für einen Abend getauscht. Dulli beschreibt The Gutter Twins als "die satanischen Everly Brothers". Sie machen halbe-halbe beim Leadgesang und ergänzen sich auf beeindruckende Weise. Die Songs sind intensiv, grüblerisch, nach vorne drängend. Obwohl ich viel eher ein Dulli- als Lanegan-Fan bin, stört es mich nicht im Geringsten, wenn Lanegan im Vordergrund steht. All Misery Flowers ist die eindrucksvollste Leistung von Lanegan auf der Platte, aber das Lied hätte genauso gut von seinem Kollegen gesungen werden können - ein Beweis dafür, dass beide Zwillinge im Geiste sind.

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Dabei sollen sie von der Persönlichkeit her unterschiedlich sein. Ich bin nur Dulli begegnet, der extrovertiert und umgänglich ist, Lanegan soll schüchterner sein. Dennoch sind sie künstlerisch auf einer Linie. Beide hatten schwierige Kindheiten, beide haben die Drogensucht überstanden, und beide suchen gemeinsam die Erlösung. Religiöse Begriffe und Metaphern sind überall verstreut. Teilweise wird diese Suche sehr direkt und konkret artikuliert wie beim Eröffnungsstück The Stations: "They say he lives within us, they say for me he died, and now I hear his footsteps almost every night." Nach Jesus fragt auch das gospelartige Who will lead us? und vor allem das Stück God´s Children.

Die Musik verleugnet ihre Vergangenheit nicht; da gibt es genug Grunge-Gitarre, um die Indiefans der neunziger Jahre glücklich zu machen. Und sie lehnt die Gegenwart nicht ab, wenn sich die Gitarren mit Elementen aus Country, Blues und Gospel mischen, und man liebliche Streicher hört, die zu Grunge-Zeiten undenkbar gewesen wären. Die Songs sind düster, aber schön, und auch wenn die Stimmen der beiden manchmal an Trauergesang grenzen, versprechen die Gutter Twins durchaus euphorische Momente.

The Gutter Twins auf Deutschlandtournee: 18.04. Hamburg (Logo), 19.04. Berlin (Postbahnhof).

 
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