Kultur

Geisterstimmen | 16.05.2008 00:00 | Mario Scalla

In andere Welten

Der neue Roman von Thomas Pynchon ist ein Meisterwerk

Der neue Roman von Thomas Pynchon hebt sich von seinen Vorgängern deutlich ab. Obgleich es sich um einen historischen Roman handelt, der die Zeit von der Chicagoer Weltausstellung 1893 bis kurz nach dem Ersten Weltkriegs umspannt, sind die Bezüge zur Gegenwart kenntlicher, expliziter als in Mason & Dixon; die pynchoneske Verrätselung und Verschlüsselung sind auch hier präsent, wie in Gravity´s Rainbow oder V, aber durchbrochen von klaren Assoziationen und sinnfälligen historischen Analogien.

Pynchons Roman führt in die Zeit der so genannten robber barons, als in den Vereinigten Staaten immenser Reichtum angehäuft wurde, mit allen Mitteln, mit hartem Business, Betrug, Korruption. Wenn in seinem neuen Roman Gegen den Tag die Bagdad-Bahn geplant wird, um imperialistisch effektiver regieren und ausbeuten zu können, oder von Ramsch-Anleihen gesprochen wird, fällt es schwer, nicht sofort an den gegenwärtigen Kapitalismus, an die Subprime-Krise zu denken, deren Auslöser ebenfalls verramschte und fragwürdige Anleihen waren.

Auf den ersten Blick fiele eine Aktualisierung also leicht, ebenso wie eine auf politischen Prämissen ruhende Interpretation des Romans. Auf der einen Seite befinden sich Anarchisten und die Gewerkschaftsbewegung, ihnen gegenüber figuriert der Erzkapitalist Scarsdale Vibe, der mehr einem Bondschurken gleicht als einem Rockefeller oder J.P. Morgan. Die mexikanische Revolution, Arbeiterunruhen in Colorado, dazu Pinkerton und andere Agenturen, die im Dienste des Kapitals vor gar nichts zurückschrecken, selbst anarchistische Attentate fingieren, um desto brutaler agieren zu können - das hier entworfene Szenario lässt an Deutlichkeit nichts vermissen.

Aber es ist kein politisches Stück Literatur, jedenfalls nicht mehr als andere Texte Pynchons, und natürlich gewinnt auch Gegen den Tag seine gesellschaftliche Dimension nicht primär durch Inhalt oder Plot. Dieser Roman ist ein Meisterwerk - wenn dieses Etikett je einen Sinn gehabt hat, dann hier. Häufig wird Gravity´s Rainbow als das maßgebliche Buch dieses Autors angegeben, aber Against the Day, wie es im Original heißt, tritt ihm gleichwertig zur Seite. Vielleicht musste das gewichtige, allegorienreiche Mason & Dixon geschrieben werden, um jetzt das Genre des historischen Romans fortführen und in dieser bestechenden Weise, in der selbst die verschlungenste Syntax wie selbstverständlich und mit leichter Hand hingeworfen wirkt, eine signifikante Epoche des amerikanischen Kapitalismus erzählen zu können. Es ist grandios, wie Pynchon in wenigen Sätzen, in einem Absatz große Panoramen entwirft, Darstellungen der Natur wie historische Aufrisse; fulminant sind Satzbau, stilistisches Repertoire, Formen- und Themenreichtum, die Kraft der Fantasie und der Kombinatorik.

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Aber Elogen ermüden, auf Dauer selbst den, der sie hält. Wenn es nur Handwerk wäre, würde es nicht in dieser Weise funktionieren. An einer Stelle wird beschrieben, wie in den Großstädten die elektrische Beleuchtung das alte, schummerige Gas zu verdrängen beginnt. Der teilnehmende Beobachter bemerkt, dass die Dunkelheit eine Struktur besaß, die aus recht alter Zeit stammte, kaum mehr als ratifiziert von der erbarmungslosen Weiße, welche die gegliederten Schatten der alten Beleuchtung mit ihren vielfältigen Möglichkeiten zum Irrtum abgelöst hatte.

In der Beschreibung der einstmals dunklen Stadt, deren Gegenwart noch nicht aus der kollektiven Vorstellung entschwunden ist, steckt viel sinnliche Anschauung. Die Bewohner der nur notdürftig erleuchteten Straßen kennen die Strukturen der Dunkelheit, die diffizilen Übergänge zwischen weiß, grau und schwarz, die Abschattungen innerhalb der einzelnen, wenigen Farben. Der Schwarz-Weiß-Film hat diese Erinnerungen aufbewahrt. Die ganz andere, verwandelte, elektrisch erleuchtete Stadt wird aus der Perspektive dieser Erfahrung imaginiert, denn sonst würde die Weiße nicht erbarmungslos erscheinen; nur aus dem Dunklen gesehen ist das Helle grell. Der letzte Satz schließlich leitet von der Wahrnehmung zur Reflexion über. Die Möglichkeit zum Irrtum wird künftig fehlen, der historische Wandel impliziert auch einen Verlust, was möglich war, ist jetzt versperrt, und es ist Aufgabe der Gesellschaften, diesen widersprüchlichen Entwicklungsprozess zu reflektieren.

Von besonderer Bedeutung ist bei Beschreibungen wie diesen das Genre des historischen Romans. Pynchon gilt gemeinhin als postmoderner Autor. Postmodern aber ist die Austreibung historischen Bewusstseins, Oberfläche herrscht statt Tiefe, Gegenwart und Simulakrum an Stelle von konkreter historischer Erfahrung. Aus der Schreib- und Denkbewegung in Gegen den Tag jedoch erwächst etwas Neues, das nicht mehr mit dem Begriff der Dekonstruktion oder anderen postmodernen Theoriebausteinen erfasst werden kann. Aus diesen Sätzen dringt ein Bewusstsein des Wandels, das die Blockade der Vorstellungskraft, nichts anderes als eben diese Gegenwart im Kopf hin und her wälzen zu können, aufhebt. "History is what hurts", meinte einmal der Literaturwissenschaftler Fredric Jameson, und das könnte jetzt abgewandelt und auf diesen Roman angewandt umformuliert werden: In der Gegenwart haben Schmerz, Leid, Ungerechtigkeit ein solches Ausmaß erreicht, dass Geschichte im Sinne konkreter, tradierbarer Erfahrungen wieder erreichbar scheint - inklusive der Vorstellung alternativer Geschichtsverläufe.

Anamorphoskope oder Paramorphoskope sind in Gegen den Tag eine Variante, aus dieser in eine andere Welt zu blicken. Sie sind technische Vorrichtungen, eine jede nützlich, weil sie Welten offenbart, die neben derjenigen liegen, die wir bis jetzt für die einzige uns gegebene Welt gehalten haben. Geisterstimmen ertönen, Fenster in andere Welten können geöffnet werden wie in den Science-Fiction-Romanen von Philip K. Dick, der mehrfach herbeizitiert wird. Und über allen Figuren schwebt das wasserstoffgetriebene Luftschiff Inconvenience, dessen Besatzung, im Besitz der doppelten Staatsbürgerschaft der Aeronauten im Reich des Alltäglichen wie dem des Geisterhaften, auf die Städte hinunter blickt, hinunter auf ein cartesianisches Gitter der Berechnung und der Macht, das die Straßen von oben besehen bilden. Aber Blicke von oben sind tückisch. Nicht nur die Macht schaut herab, eben auch ein Aeronaut, der dort oben in Luftströmungen geraten kann, die den Weg in andere Welten weisen.

Für die nachfolgenden Generationen amerikanischer Autoren ist Thomas Pynchon ein Problem. Mit Philip Roth oder John Updike kann man fertig werden, mit diesem Autor nur sehr schwer. David Foster Wallace war schließlich so genervt, wenn er auf Pynchon, auf dessen Einflüsse auf sein eigenes Schreiben angesprochen wurde, dass er nur noch vom "P-Typen" sprach. Es sieht ganz so aus, als sei das Problem größer geworden.

 
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