Kultur

Kino | 06.06.2008 00:00 | Tim Slagman

Lenin kam nur bis Lüdenscheid

Langsam kann man es nicht mehr hören: 1968 + 40 = 2008. Einer der ersten, die ihren persönlichen Beitrag zu diesem Jubiläum leisteten, war der ...

Langsam kann man es nicht mehr hören: 1968 + 40 = 2008. Einer der ersten, die ihren persönlichen Beitrag zu diesem Jubiläum leisteten, war der Journalist, Sachbuchautor und Romancier Richard David Precht, dem in der vergangenen Woche das Unglaubliche gelang. Mit seinem populärwissenschaftlichen Buch Wer bin ich - und wenn ja, wie viele? stieß der studierte Philosoph Hape Kerkelings Jakobsweg-Erinnerungen vom Thron der Spiegel-Bestsellerliste. Schon 2007 hatte Precht Lenin kam nur bis Lüdenscheid: Meine kleine deutsche Revolution veröffentlicht, das André Schäfer nun gerade noch rechtzeitig zum 68er-Hype verfilmt hat.

Der Titel verrät es: Precht hat keine Apologie geschrieben und auch keine weitere Abrechnung mit der antiautoritären Revolte - 1968 war er vier Jahre alt. Eine sehr intime, unterhaltsame Autobiografie ist entstanden über das Aufwachsen in einem linken, westdeutschen Elternhaus. Vermisst man Coca-Cola und Tomatenketchup, wenn man beides noch nie probiert hat? Ist der kommunistische Liedermacher Franz-Josef Degenhardt für die kulturelle Sozialisation so ergiebig - oder gar noch ergiebiger - als amerikanische Popmusik? Wie einsam ist man, wenn man im Europacup-Endspiel Dynamo Kiew die Daumen drückt und nicht Borussia Mönchengladbach? "Ich habe nie darüber nachgedacht, wie diese Erziehung die Kinder prägt", sagt Prechts Vater einmal im Film.

Schäfer hat einen höchst subjektiven Essay geschnitten, der dem Buch eine problematische Argumentationsebene hinzufügt. Konfrontativ lässt er das Private und Politische aufeinander prallen, oft auf der Suche nach dem provokativen Effekt. Gleich zu Beginn zeigen Aufnahmen einer Super-8-Kamera einen blonden, im Garten Ball spielenden Jungen, der sich erst gegen Ende des Films als Prechts Sohn Oskar entpuppt. Auf seine fröhlichen Kickereien folgen Bilder von Atomexplosionen. Nachdem an anderer Stelle Demonstranten mit Wasserwerfern zusammengescheucht wurden, lässt die Montage Heintje im Anzug aus einem Wagen steigen - sein Mama untermalte mit einem eigentümlichen Holzhammer-Sarkasmus schon das Chaos zuvor.

Wobei Schäfer und Precht eine große Sensibilität für das Holzschnittartige zu haben scheinen. Einmal schreibt der erwachsene Precht, der stets als Darsteller im Film präsent ist und sich vor der Kamera mit Familienmitgliedern erinnert, mit KPD-Funktionären und seinem Mathelehrer, an eine Schultafel. "Vietnam - Kommunismus = gut" steht da, und "USA - Imperialismus/Faschismus = schlecht", und dann noch "Napalm + Dioxin = TOD!". Ob die eigene rhetorische Strategie der Filmemacher ein ähnlich kritischer Kommentar des elterlichen Schwarz-Weiß-Denkens sein soll, wie es diese wunderbare Szene ist, löst der Film nicht eindeutig auf.

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Schäfers Arbeit ist das Ringen um griffige Bilder anzusehen, der Kampf gegen die Umklammerung des Wortes, aber auch für einen ästhetischen Mehrwert - der unbedingte Wille, eine Antwort geben zu können auf die Frage, warum das Gedruckte Kino werden musste. Da sind zum einen die Interviews, sehr persönliche Gespräche innerhalb der Familie, die um zwei vietnamesische Kinder anwuchs, als Prechts Eltern sich aus humanitären Gründen zur Adoption entschieden. Zum anderen die Idee, Szenen zu gestalten und nachzustellen, den kleinen Oskar in scheinbar spontanen Heim-Videos als Alter Ego von Prechts unschuldiger Jugend einzuführen - wobei es essenziell für das Gelingen dieser Volte ist, sie ungezwungen und spielerisch aufzudecken. Der Film schwächelt immer da, wo die bisweilen etwas anstrengend im Kinderfernsehen-Duktus vor sich hin schmeichelnde Erzählerstimme um dokumentarische Bilder ergänzt wird. Private Anekdoten mit der dominanten Geschichtsschreibung, etwa der Berichterstattung aus Vietnam oder von einem Grünen-Parteitag, anzureichern, hat eher geringen Neuigkeitswert - auch wenn es auch heute noch komisch und entlarvend ist, das schiefe Gegröle von Brandt, Momper und Kohl zu hören, die einen Tag nach dem Mauerfall am Ort des Geschehens die Nationalhymne anstimmten.

Am spannendsten ist der Film aber da, wo er die Invasion des Politischen in die kleinsten Verästelungen von Prechts Alltagsleben aufzeigt. In der Schule sollte ein Taschenrechner angeschafft werden, der "TI 30". Wobei "TI" für "Texas Instruments" stand. Und so kam es, dass der kleine Richard David bei jeder Mathearbeit als einziger auf dem Papier rechnen musste.

 
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