Die mediale Berichterstattung über die Krise ist voller noch-nie's. Dieser Kriseneinbruch toppe alles, was seit 1929 passiert sei. Noch nie seien seit Bestehen der Bundesrepublik Deutschland die Exporte derart eingebrochen. Noch nie seit Bestehen des Ifo-Index sei dieser derart eingebrochen. Die linke Debatte nimmt das alles zwar zur Kenntnis, behilft sich aber mit traditionellen Lösungsmechanismen. Die Jungle World etwa findet es lustig und macht sich Gedanken über den „Geschäftsklimaindex unter Heroindealern“ und die „die politische Ökonomie Entenhausens“. Die Linkspartei diskutiert darüber, wie sich im Konjunkturpaket soziale Gerechtigkeit implementieren ließe und die Junge Welt fragt entlarvend, ob wohl „Nachfrage- oder Profitsteigerung“ der richtige Weg seien, das System zu retten. Ganz so, als seien das nicht zwei Seiten einer Medaille.
Die FAZ ist da schon einige Zeit einen Schritt weiter:
„Unsere Milliarden, die diversen Pakete, Schirme und Spritzen hätten die Krise längst beeindrucken müssen. Aber Pustekuchen. „Fast täglich“, schreibt Nobelpreisträger Paul Krugman über die dilettierenden Politiker, „kramen sie eine neue Fahne hervor, die sie den Mast emporziehen, um zu testen, ob jemand salutiert.“ Nichts passiert. Politiker haben diese Krise nicht angezettelt und keinen Plan, sie zu stoppen. Alle anderen schauen zu, geduldig und nett, wie wir postmodernen Menschen heute sind. Es ist viel zu ruhig.“ (FAZ)
Dabei wird sich, auch das hat FAZ-Autor Nils Minkmar erkannt, die Krise nicht nur in einem engen ökonomischen Sinn auf das Leben der Menschen auswirken:
„Abgesehen von Streiks, Demonstrationen, Unruhen und Plünderungen können wir rassistische Ausschreitungen gegen Migranten und Minderheiten, politische Instabilität, höhere Kriminalität und generell eine um sich greifende Gewaltbereitschaft und Radikalisierung erwarten.“ (FAZ)
Trotz dieser Szenarien ist es in der deutschen Bevölkerung erstaunlich ruhig. Da die Krise noch nicht durch zunehmende Arbeitslosigkeit auch im eigenen Bekanntenkreis für die Einzelnen spürbar ist, haben alle noch die Hoffnung es würde sich für sie nicht viel ändern. Die Politik macht derweil gutmütig weiter wie ehedem:
„Die deutsche Gesellschaft hat auf die Krise erst mal recht liebevoll reagiert: Jemand ist süchtig geworden, hat alles Geld verbraucht und verlangt nun nach mehr. Also räumt man die Schränke aus, um ihm über die nächsten Tage zu helfen. So haben wir, obwohl der Haushalt fast ausgeglichen war, Schulden gemacht und Bürgschaften abgegeben, wie in den „Kindern vom Bahnhof Zoo“ die Freunde den Junkies Rotwein und Hustensaft gemixt haben – um die Schmerzen zu lindern.“ (FAZ)
Das ist tatsächlich nicht ganz von der Hand zu weisen: als den Junkies das Geld ausging, haben die Zentralbanken weltweit als erstes die Zinsen gesenkt. Als das suchtgleiche Bestreben, aus einem Euro zwei zu machen, nicht mehr so recht funktionieren wollte und die Euros sich gar vollständig in Luft aufzulösen drohten, haben die Regierungen weltweit Rotwein und Hustensaft gereicht: faule Kredite wurden aufgekauft, Bürgschaften gegeben und Unternehmen staatlicherseits übernommen.
Machen wir uns nichts vor: die Milliarden, mit denen die Staaten da gerade um sich schmeißen, werden die Staatshaushalte dauerhaft und extrem belasten. Sie werden die Handlungsspielräume in den nächsten Jahren noch weiter einschränken, als sie das ohnehin schon sind. Und sie werden nicht viel an der aussichtslosen Situation ändern. Die Wirtschaft wurde, seit der Staat angefangen hat, sich aus der keynesianischen Befeuerung des Wachstums Stück für Stück zurückgezogen hat, lediglich durch eine Art Finanzmarkt-Keynesianismus am Leben erhalten. So wie der Keynesianismus die Ressourcen der Zukunft anzapfte, indem er die Staaten verschuldete und auf zukünftig zu erzielende Steuereinnahmen setzte, hat der Wett- und Spekulationsboom an den Finanzmärkten auf zukünftig zu erwirtschaftende Gewinne von Unternehmen gesetzt, die doch nur durch diese spekulative Gewinnerwartung noch eine einigermaßen glückliche Miene machen konnten. Jetzt wieder umzuschalten und das Original, nämlich den guten alten Keynes, wieder auszugraben, verschiebt das Problem nur auf eine neue Ebene.
Das Spiel ist nun aus, die Party zu Ende. Wirtschaftliche Prosperität lässt sich eben nicht dauerhaft simulieren. Statt auf altbackene Konzepte zu setzen, sollten wir uns also lieber Gedanken darüber machen, wie wir langfristig damit umgehen wollen, das ein gesellschaftliches System, das auf der Vermehrung von Kapital beruht, dazu nicht mehr in der Lage sein wird.
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Und Dussmann verkauft mehr Karl Marx den je. wie wäre es denn mit einer neuen friedlichen Revolution? Die Zeit zum Umdenken hat an vielen Orten begonnen. Nun sind ich, du, wir an der Reihe auch die wieder einzugliedern die im Abseits stehen und die Blender zu entmachten. Ich glaube wir sind auf dem richtigen Weg und sollten anfangen den Obdachlosen mindestens ein Lächeln zu schenken und aufhören weg zu sehen.
ALCATRAZ
Frierend sitzt er
im U-Bahnschacht.
Sein Lächeln hat er verloren,
seine leisen Töne,
die innerlich beben,
erreichen die Vorbeiziehenden nicht mehr.
Haben diese ein Ziel?
Wo laufen sie hin,
wo kommen sie her?
Er hält nicht mehr Schritt,
sitzt unterhalb der Erde.
Sein Lächeln
aus längst vergangener Zeit,
es bleibt verloren...
Ernest – Einer der Obdachlosen dieser Zeit.
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„Das Spiel ist nun aus, die Party zu Ende.“ ?? Es werden wieder NEUE (FDP an die Macht) kommen, wieder so tolle Luftschlösser malen (je mehr Kapital, um so besser) und alles machen mit. Es ist doch so einfach. Veränderungen sind sehr sehr schmerzhaft und keiner kennt die Auswirkungen. Helfen da ein paar verkauften Exemplare vom „Kapital“ wirklich weiter? Unsere Gesellschaft braucht neue Konzepte, aber welche?
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Ich wage ja zu bezweifeln, dass es der FDP, hätte sie nicht nur in ein paar Landesregierungen was zu sgen, auch nicht sonderlich viel einfallen würde. Die tollen Steuersenkungen, mit denen sie gegen das Konjunkturpaket ankämpft, sind ebenso wie das Paket selber mehr Wahlkampf denn ernsthafte Medizin.
Aber Du hast Recht: ein paar verkaufte Exemplare vom "Kapital" helfen hier kaum weiter. "Die Theorie wird in einem Volke immer nur so weit verwirklicht, als sie die Verwirklichung seiner Bedürfnisse ist." schrieb Marx mal, allerdings nicht im Kapital, sondern in der Einleitung zur Hegelschen Rechtsphilosophie. Und er fügte hinzu: "Es genügt nicht, daß der Gedanke zur Verwirklichung drängt, die Wirklichkeit muß sich selbst zum Gedanken drängen. "
Nun drängt der Gedanke zur Wirklichkeit. Marx macht im Kapital klar (zumindest versucht er das), dass eine Ökonomie, die Warenaustausch über Geld organisiert, immer zur Ausbildung von Kapital neigen wird. Wer Geldwirtschaft sagt, sagt Kapitalismus. Und mehr noch: Tausch ohne Geld, das macht nicht wirklich viel Sinn. Wer Tausch sagt, so können wir bei Marx in der berüchtigten "Wertformanalyse" nachlesen, der sagt Geld. Mithin: wer den Kapitalismus abschaffen will, muss Geld, Ware und Arbeit als Selbstzweck aus der Gesellschaft verdrängen.
Aber was bliebe? Das wissen wir nicht so richtig. Wir müssten Formen des sozialen Miteinander finden, die bislang noch nicht entwickelt sind. Wie können wir die Produktion und die Verteilung von Gütern organisieren, ohne dass sie zu Waren werden? In anderen Regionen gibt es dieses Problem schon länger - vielleicht sollten wir mal nach Detroid schauen: http://www.streifzuege.org/texte_str/str_06-36_exner-vellay_detroit-1.html / http://www.streifzuege.org/texte_str/str_06-37_exner-vellay_detroit-2.html
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schrieb am
18.02.2009 um 10:47
"Unsere Gesellschaft braucht neue Konzepte, aber welche?"Ja. Aber: "Neue Wege sind schwer zu beschreiten. Sie entstehen erst beim gehen." Zitat von Heinz Rudolf Kunze (zitiert aus der Erinnerung).Was ich damit zum Ausdruck bringen will ist folgendes: wir sollten erkennen was notwendig ist und dies - unter Berücksichtigung der Interessen der Anderen (schliesslich hört die eigene Freiheit da auf wo die der anderen anfängt) - verwirklichen. Im Kapitalismus ist (das Vorhandensein von) Kapital Voraussetzung. Da aber die Wenigsten über Kapital verfügen, ist die Emanzipation vom Kapital notwendig. Wenn es schon keine Idee gibt wie das zu erreichen ist, werden wir wohl (vorerst) weiter mit der Notwendigkeit von Kapital zurechtkommen müssen. Und alle mit ausreichend Kapital ausstatten. Die Privatwirtschaft erwartet eine monetäre Rendite - die Gesellschaft dagegen sollte eine humanistische Rendite anstreben.
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"Das Spiel ist nun aus, die Party zu Ende". Ich frage mich, ob es in dieser Republik junge Menschen gibt, die noch einen anderen Sound kennen. Vor einiger Zeit hieß es: "Die fetten Jahre sind vorbei": Aufgewachsen in der Dauerkrise, lässt sich heute kaum noch einer von Krisenmeldungen erschrecken, geschweigedenn mobilisieren. Ist es nicht wie die Wiederkehr des ewig Gleichen, egal ob Dotcom-, Immobilienmarkt-, Finanzmarkt-Crash? Wer kein Geld hat, kann auch keines verlieren. Und wer viel zu viel hat, dem tut eine (vorübergehende) Vermögensreduzierung nicht wirklich weh. Werden wir nicht schon seit Jahren auf diese Krisenphänomene eingestimmt? Krisenstimmung herrscht doch nicht erst seit dem Herbst 2008. Wer glaubt wirklich die Mär, dass die Banker und Politiker vom Herannahen der Finanzkrise überrascht waren? Ich fühlte mich schon aufgrund der SPIEGEL-Berichterstattung gut auf die aktuelle Krise vorbereitet. Von Überraschung keine Spur.
Beim Aufräumen, einer Tätigkeit der ich nicht gerade mit Leidenschaft nachgehe, fiel mir ein Flyer der Frauen Union in die Hand: "Mehr Chancen auf dem Arbeitsmarkt", Im übrigen ein Markt, der sich auch schon seit langem in der Krise befindet. Die Bundesdelegierten der Frauen Union fordern in ihm "... inbesondere die Bündelung aller Kräfte, um die Wirtschafts- und Finanzkrise in Deutschland zu beseitigen und so Wachstum und die Schaffung neuer Arbeitsplätze zu ermöglichen." Bemerkenswert dieser Satz in einem Beschluss vom 12./13, November 2005. Und da reden alle von einer schnelllebigen Zeit! Kann es sein, dass Frauen das bessere Gedächtnis haben?
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Ein wirklich treffender Kommentar von "Juli". Das Problem ist: Es wird uns nicht helfen, wenn Dussmann jetzt wieder mehr Marx verkauft (siehe Beitrag von WOanders). Es hilft höchstens den Buchhändlern (ein wenig). Warum greifen wir eigentlich reflexartig rasch nach den guten alten Rezepten, wenn es problematisch wird? Marx, Keynes - schön und gut, so lange es darum geht, zu analysieren, was das Problem ist. Das Problem liegt jedoch längst klar formuliert auf der Hand, nicht nur Juli oder die FAZ, selbst die Kanzlerin und die Banker haben es längst begriffen. Nur wagt sich momentan niemand an neue Lösungen. Hier liegt der Hase im Pfeffer. Die alten Rezepte waren schon vor fünfzig Jahren nicht mehr brauchbar für die meisten unserer Probleme von völlig neuen "Qualitäten". Aber nun starren wir alle, die geläufigen Zitate wie Zauberformeln brabbelnd und bloggend, wie hypnotisierte Kaninchen auf die unbekannte, nie gesehene Riesenschlange, die da aus dem Unterholz der Gegenwart auf uns zu kriecht...
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was fehlt euch denn noch, bevor wir das marode System kippen? We are many, they are few!
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31.05.2012
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