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Kultur : Die Vorteile des Nutzlosen

Latein lernen ist nicht sehr beliebt. Aber statt junge Menschen zu Mini-Konsumenten zu dressieren, weckt es in ihnen Neugier und Intellektualität

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Wer will schon Latein lernen? Diese tote Sprache, eine Sprache, die höchsten zu gebrauchen ist, um beim Deklinieren der Pronomen wie ein Schwein zu grunzen (hic, haec, honc; hunc, hanc, hoc). Nun, wie wäre es mit diesem einfachen, utilitaristischem Grund: weil Latein eine tote Sprache ist, weil es nicht gelehrt wird , um gesprochen, sondern um gelesen zu werden, weil es ausschließlich über seine grammatikalischen Regeln und nicht über seinen umgangssprachlichen Gebrauch gelehrt wird, weil man über das Lernen dieser Sprache ein Verständnis der Verwendung und der Struktur von Sprache erlangt, welches dem, dass man über das Lernen einer modernen Sprache erhält, weit voraus ist. Einem Kind, das über grundlegende Lateinkenntnisse verfügt, wird das Erlernen jeder anderen Sprache – nicht nur Spanisch, Italienisch und Portugiesisch, sondern auch Russisch oder Arabisch – leichter fallen. Schüler können mit Hilfe des Lateinischen die innere Logik jeder Sprache erfassen.

Widerspenstiger Stoff

Was noch? Kinder, die Latein lernen, gehen schnell zu der Lektüre der großen Klassiker der lateinischen Literatur über. Nach zwei Jahren sind Catull und Martial dran, nach drei Jahren Virgil, Plinius, Ovid und Cicero. Wenig später folgen Horaz, Lukrez und Tacitus. Alles harter, widerspenstiger, schwieriger Stoff – der aber Zugang zu einer erstaunlichen Welt verschafft, zu einer untergegangenen Welt, die sich paradoxerweise in ihrer Literatur lebendig und aufregend offenbart.

Die großen lateinischen Autoren sind die Spitze der westlichen Schreibtradition, der auch Chaucer, Shakespeare, Milton, Keats, Eliot und Heaney angehören. Allein schon für das Lesen der englischen und irischen Literatur sind Kenntnisse der lateinischen Literatur von unschätzbarem Vorteil.

Wunderbar nutzlos

Neben dem absurden Vorwurf, es sei elitär, wird am häufigsten gegen Latein ins Feld geführt, es habe keinen Nutzen. Warum nicht lieber Mandarin lernen?, fragen die Leute. Oder Russisch oder Französisch? Für mich liegt die Freude an Latein eben in seiner „Nutzlosigkeit“. Latein trägt nicht dazu bei, fabrikgefertigte Mini-Konsumenten zu erschaffen, die ins 21. Jahrhundert passen. Es trägt dazu bei, aus Kindern neugierige, intellektuell beherzte junge Menschen zu machen, die über großen inneren Reichtum verfügen. Menschen, die mit den Werkzeugen ausgestattet sind, die Welt so zu sehen, wie sie wirklich ist, weil sie mit einer anderen Bekanntschaft gemacht haben, die der unseren so ähnlich und gleichzeitig so ganz anders ist.

Übersetzung: Zilla Hofman
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