Kultur

Literatur | 20.05.2009 05:00 | Max Glauner

Sonne im Weihnachtsmärchen

Katharina Tanner zeichnet in ihrem bemerkenswerten Romandebüt "Da geht sie" durch ironische Distanz ein unsentimentales Portrait ihrer Baby-Boomer-Generation

Da geht sie. In diesem kurzen Titel liegt, in die Theatersprache übersetzt, kein Auf- sondern ein Abtritt. Und tatsächlich hat man am Ende des Romandebüts der schweizerischen Schauspielerin, Dokumentar- und Theaterautorin Katharina Tanner den Eindruck, dass diesem Erstlingswurf erstmal nichts Weiteres folgen müsste. So paradox das klingt, es darf als Kompliment gelesen werden.

Die ganze Erzählung ist nahe am Leben der Autorin entwickelt. Ihre Protagonistin Lisette Winkelmann trägt deutlich autobiografische Züge. Jahrgang 1962, wächst Katharina Tanner in Schaffhausen auf, macht dort nach abgebrochener Schule eine Buchhändlerlehre. Die achtziger und den Beginn der neunziger Jahre verbringt sie in Westberlin, absolviert eine Schauspielausbildung, wird früh alleinerziehende Mutter, tingelt durch die Provinz. Ernüchtert gibt sie schließlich die Schauspielerei auf und lebt heute als Autorin und Buchhändlerin in Basel.

„Du wirst es schon sehen“

Aus der Rückschau einer neun Jahre später angesiedelten Rahmenhandlung begleiten wir die Protagonistin Lisette – auch sie ist Schauspielerin – einen Tag lang durch die schweizerische Grenzstadt Kreuzlingen. Dieser Augustdonnerstag soll ihr Leben ändern: Endlich ist ein festes Engagement in Aussicht. Das könnte ihr nun ein Vorsprechen am Stadttheater Konstanz bringen, wo sie gerade mit Stückvertrag die „Sonne“ im Weihnachtsmärchen spielt. Wir sehen sie und ihre siebenjährige Tochter Linn auf dem Weg zur Schule, erleben ihre Enttäuschung über den Kindsvater Daniel, der nach einem nächtlichen Streit am Telefon lieber in Hamburg bleibt, als sie an diesem Tag zu unterstützen. Langsam bauen sich Spannung und Nervosität der Protagonistin auf. Doch das Versprechen auf Veränderung löst sich nicht ein.

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In der Rahmenhandlung, von der aus dieser Sommertag erzählt wird, sinniert die Heldin des Romans, nunmehr Leiterin einer „Zirkusschule“ und mit Kindern und Mann im Berner bürgerlichen Leben angekommen: „Niemand darf wissen, dass die Zirkusschule nur ein Experiment ist, das ich jederzeit abbrechen darf.“ Man ahnt, dass sich in Lisettes experimenteller Lebenshaltung auch die Autorin entwirft. Tanner kann sich wie ihre Heldin morgen schon an einer neuen Rolle, in einem ganz anderen Feld versuchen und weiter an ihren Lebens-Hypertexten stricken. Diese verlaufen eben nicht linear, sondern bestehen aus Vernetzungen, wechselnden Rollen und Beziehungen. Mit Tanner weitergedacht, wären wanderndes Volk und Schauspieler die paradigmatischen Existenzen im Internetzeitalter. Ihrem Alter Ego Lisette geht der Satz, „Du wirst es schon sehen“, und die Frage, woher dieser stamme, nicht mehr aus dem Kopf: „Ob er überhaupt aus einem Theaterstück war? Oder eben doch aus dem Leben, dem echten? Und wenn, aus dem eigenen oder aus einem anderen, einem nur gehörten?“ Eine Antwort bleibt aus.

Die Vorzeichen einer Wende im Leben von Lisette stellen sich mit dem charismatischen Schauspiel-Coach Bodo von Thaler ein, auf dessen Anzeige sie am Vormittag zufällig gestoßen war. Während ihre Tochter im Café wartet, werden wir Zeugen einer aberwitzigen Session, in der mit den psychischen Abhängigkeiten und Machtverhältnissen, wie sie im Theaterbetrieb gang und gäbe sind, gnadenlos abgerechnet werden – ein erzählerisches Kabinettstück par excellence. Wo die Protagonistin nur partiell in der Lage ist, ihre Situation zu durchschauen, und sich die Autorin eines Kommentars enthält, stellt sich dem Leser der eigene Sub-Text her: In der Begegnung mit dem persönlichkeitsgestörten Provinzregisseur holt sich Lisette ab, wonach sie später an anderer Stelle suchen wird: Authentizität und Anerkennung, Selbstwertgefühl. Was sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiß, das Theater wird ihr diesen Wunsch nie erfüllen, auch wenn sie mit Festvertrag die gefeierte Hauptrolle auf einer Hauptstadtbühne spielen könnte. Sie durchschaut nicht, dass das Lob des Meisters und ihr als Befreiung empfundenes In-Springer-Stiefel-Stampfen-bei-gleichzeitigem-Text-Aufsagen im Regressiv-Infantilen stecken bleibt.

Wahrscheinlich ist es gerade dieses Kindisch-Trotzige, was die Generation der Jahrgänge 1955 bis 1965 heute im gesellschaftlichen Leben so unsichtbar macht. Mit Katharina Tanner bekommt sie Kontur. Die Autorin bringt das Kunststück fertig, durch ironische Distanz, eine sorgfältig durchgearbeitete Sprache und den gekonnten Aufbau der Erzählung ein unsentimentales Portrait ihrer Baby-Boomer-Generation zu zeichnen. Da geht sie – ein Zitat aus Hebbels Drama Maria Magdalena (I. Akt, 3. Szene), eine Äußerung Klaras vor dem Tod ihrer Mutter – schickt zudem mit der Figur des Bodo Thaler auch die Überväter und -mütter von der Rampe.

 
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