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Die Fusion von Amazon und Google steht noch nicht bevor. Aber beide Internetriesen wachsen weiter: Jetzt steigt Amazon mit "Encore" ins Verlagsgeschäft ein

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Über vier Jahre sind vergangen, seit Robin Sloan and Matt Thompson ihren Film Epic vorstellten. Damals waren beide am Poynter Institute tätig, einer Journalistenhochschule, die unter anderem die angeblich beste Lokalzeitung der USA, die St. Petersburg Times, herausgibt. Epic erzählte im Namen eines fiktiven "Museum of Media History" die Geschichte des Internets bis ins Jahr 2015 als Geschichte der zunehmenden Personalisierung und Konzentration, deren Pointe der Zusammenschluss von Amazon und Google zu Googlezon darstellte. Sloan gab bereits damals zu, dass er diese Fusion für wenig wahrscheinlich halte, und tatsächlich ist sie bislang nicht geschehen.

Was in dem Film nicht im Vordergrund stand, allerdings richtig beobachtet war, ist die zunehmende Zentralisierung der individuellen Benutzeroberfläche. Tatsächlich schickt sich Googles Browser Chrome gerade an, das lokale Betriebssystem zu ersetzen. Ziel ist die Auslagerung jeglicher Dateien, die im besten Fall nicht mehr auf der eigenen Festplatte, sondern auf Google-Servern gespeichert werden; der Browser soll das Desktop als Benutzeroberfläche ablösen. Zudem stellte Google sein neues Feature "Web Elements" vor, mit dem sich eine Website auch ohne allzu profunde html-Kenntnisse aufhübschen lässt – weil als Quelle eben wieder nicht der eigene, sondern Googles Server dienen.

Und Amazon? Auch in Seattle ist man nicht untätig. Im vergangenen Sommer erwarb der Online-Supermarkt die Social Community Shelfari, die sich entsprechend der virtuellen Bücherregale ihrer User organisiert. Und soeben hat das Unternehmen das Hörbuchportal audible.de, das im Jahr 2004 als Joint Venture von Audible Inc., Holtzbrinck Ventures, Random House und Lübbe gegründet wurde, vollständig übernommen, Verlage werden dort fortan nicht mehr mitmischen. Wozu sollte man die auch noch benötigen: Amazons neueste Erfindung ist "Amazon Encore" (zu Deutsch: "Amazon Zugabe"), mit dem der Händler sich zum Verlag mausern könnte. Verkaufszahlen und Nutzerurteile ersetzen die Lektoren: Bücher, die im Eigenverlag publiziert wurden und auf amazon.com durch kommerziellen Erfolg und Lob der Leser auf sich aufmerksam machen, haben fortan die Chance, in der "Encore"-Reihe von Amazon noch einmal aufgelegt zu werden. Das erste Risiko tragen folglich die Autoren, und es dürften nicht wenige sein, die fortan zum Content beitragen, in der Hoffnung, entdeckt zu werden. Es ist das übliche Casting-Geplapper, mit dem Amazon sie lockt: "Even great books can be overlooked. And authors with great potential often struggle to connect with the larger audience they deserve to reach." Woran ja durchaus etwas Wahres ist.

Wann das Programm auch in Deutschland startet und wie die großen Verlage darauf reagieren, bleibt abzuwarten. Sollte "Amazon Encore" bald mit Erfolgen glänzen können – was für ein Unternehmen mit dieser eindrucksvollen Infrastruktur kein Problem darstellen sollte –, dürfte sich der Druck, zuallererst erfolgversprechende Zielgruppen-Ware anzubieten, der ohnehin schon auf den meisten Lektoren lastet, jedenfalls kaum verringern.

Das erste Buch mit dem "Amazon"-Label, das im Herbst erscheinen wird, ist übrigens der Mittelalter-Herzschmerz-Schmöker Legacy der 16-jährigen Cayla Kluver aus Wisconsin, das wohl glatteste Gegenteil von Nischenkultur und WWW-Publizität. Das kann doch kein Zufall sein: Je medialer unser Alltag, desto größer ist offensichtlich die Sehnsucht nach den prämedialen Zeiten. Googles Eintreten für den digitalen Zentralismus ist also längst nicht so abwegig, wie es auf den ersten Blick erscheinen mag.


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