Kultur

Literatur | 19.06.2009 10:00 | Michael Braun

Weltlich, allzu weltlich

Wenn Schriftstellerinnen ins Kloster gehen, finden sie innere Einkehr, treffen aber nur selten auf Heiligen Geist. 14 Versuche über das Verhältnis von "Poesie und Stille"

Die Quellen für die poetische Inspiration kommen heute nicht mehr aus dem Numinosen, den Bereichen des göttlichen Wunders, sondern aus den Sphären der profanen Alltags- und Fachsprachen. Dass ein Schriftsteller der Gegenwart seine Arbeit als Gotteslob versteht, wie etwa der literaturnobelpreisverdächtige Australier Les Murray, ist der absolute Ausnahmefall.

So gilt auch für zeitgenössische Schriftstellerinnen nicht mehr, was einst Mechthild von Magdeburg, der ersten deutschen Mystikerin, vor 750 Jahren widerfuhr. Sie wurde – so steht es in den zugänglichen Dokumenten – "vom Gruß des Heiligen Geistes mit so überwältigender Macht getroffen", dass sie durch göttliche Eingebung dazu kam, im Kloster ihre ekstatischen Visionen und Gedanken niederzuschreiben. Wenn nun heute im Rahmen eines Experiments 14 der bedeutendsten deutschen Schriftstellerinnen für ein paar Wochen in ein Kloster gehen, um dort die Begegnung zwischen dem Sakralen und Säkularen zu erproben, dann sind solche göttlichen Transfers ins Poetische absolute Mangelware.

Stattdessen vermelden nicht wenige Autorinnen in ihren Berichten mediale Entzugserscheinungen. In den vierzehn niedersächsischen Frauenklöstern, in denen diese Aufenthalte stattfanden, fehlte die Möglichkeit, sich dem so selbstverständlich gewordenen Zugriff aufs Internet hinzugeben. Der Suchtcharakter dieser Kommunikationsform wird erst deutlich durch ihr Fehlen. So ist sehr auffällig an der jetzt realisierten Anthologie über das Projekt "Poesie und Stille", dass sich die darin dokumentierten Texte über die Kloster-Aufenthalte in zwei Kategorien einteilen lassen. Da sind zum einen die Autorinnen, die sich in ihrem urbanen Arbeitsrhythmus deutlich gestört fühlen und sich erst mühsam gegen die Stille und die Lebensweise im kösterlichen Refugium behaupten müssen. Sie reflektieren in ihren Texten weniger die klösterliche Lebenswelt als vielmehr ihre eigenen Irritationen und Arbeitsschwierigkeiten. Oder auch ihre unüberbrückbare Distanz und Fremdheit gegenüber den kontemplativen Riten in den reformierten Klöstern, in denen die Begegnung zwischen Poesie und Religion stattfindet.

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Poesie ist meine Religion

Brigitte Oleschinski beispielsweise wird durch die Einkehr ins evangelische Kloster an den "Familiensinn" ihrer katholischen Kindheit erinnert, die Skepsis gegenüber den Heilsprogrammen des Christentums wird noch verstärkt. Wie Nora Bossong, Julia Schoch oder auch die japanisch-deutsche Autorin Yoko Tawada resümiert sie ihre Überzeugung: "poetry is my religion" – grenzt sich also markant ab mit der Formel "Poesie statt Religion". Wie sich diese starke Distanz gegenüber dem Glauben selbst in einem Kloster produktiv umsetzten lässt, demonstriert Yoko Tawada mit ihrer Betrachtung über "eine Heidin in einem Heidekloster". Sie bringt aus ihrem Heidekloster zunächst mal eine schöne Ernüchterung mit: "Was mich im Kloster Walsrode erwartete, war keine Mystik, sondern die Aufklärung." Tawada registriert die Bemühungen der Klosterfrauen, sich nicht nur mit den harten Faktizitäten der säkularen Welt, sondern auch mit Inspirationen aus anderen Religionen, etwa der japanisch-buddhistischen Praxis des Bogenschießens, auseinanderzusetzen.

Auf der anderen Seite stehen die Texte der Autorinnen, die sich in ihren Betrachtungen vollständig auf den Kloster-Kosmos einlassen und auch literarisch vom Welt- und Gottes-Verhältnis der geistlichen Frauen profitieren möchten. Sibylle Lewitscharoff benennt in diesem Zusammenhang die Tugenden, die zu den konstitutiven Elementen der klösterlichen Existenz gehören: "Liebe zum Detail, Demut, Sorgfalt … handwerkliches Können und kühne Imagination". Sie illustriert diese Fähigkeiten am Beispiel der Stickereikunst, die Fähigkeit also, als magisch verstandene Flussperlen auf Stoffe oder Kleidungsstücke zu applizieren.

Tätige Schwestern

In einer ebenso präzisen wie faszinierenden Annäherung an die Gartenkunst und Blumenmetaphorik des Klosterstifts Fischbeck analysiert Marion Poschmann die Analogien zwischen der Ordnung eines Kräutergartens und der Vorstellung vom weiblichen Subjekt. Dorothea Grünzweig schließlich, die selbst in einem protestantischen Pfarrhaus aufgewachsen ist und die pietistische Gefühlskultur der Empfindsamkeit literarisch fortsetzt, lässt sich vollständig tragen von den "singend betenden tätigen schwestern".

Die vierzehn Versuche über das Verhältnis von "Poesie und Stille", die hier im Auftrag der Klosterkammer Hannover zusammengetragen worden sind, führen in höchst unterschiedliche Richtungen. Die Spannungen zwischen Poesie und Religion, so zeigt sich, dauern an. Aber nicht als furchtbare Zerreißprobe oder fortdauernde Feindseligkeit. Sondern als ein Verhältnis der wechselseitigen Erhellung.
 

 
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