Kultur

Lauschangriff | 26.06.2009 13:34 | Paul Baskerville

Das Wetter bleibt wechselhaft

Auch nach 30 Jahren immer noch cool und immer noch radikal. Sonic Youth haben mit "The Eternal" wieder einmal ein Album voller Zitate und Bezüge geschaffen.

Sind Sonic Youth die Rolling Stones des Alternative Rock? Gerade ist das 15. Album der Band erschienen, und wenn ich nicht wüsste, wie ernst sich Sonic Youth immer gegeben haben, würde ich Selbstironie vermuten beim Titel: The Eternal. Nach dem Motto: Uns gibt es doch schon ewig, uns wird es auch ewig geben. Aber nein, es ist eine kunstvolle, intensive New Yorker Platte.

Das Durchschnittsalter der Band beträgt 52 Jahre. Es gibt keine Hinweise darauf, dass The Eternal ihr letztes Werk sein könnte, also ist der Albumtitel auch keine Anspielung darauf, dass wir uns vielleicht alle im Jenseits wieder begegnen werden. Dennoch werde ich das Gefühl nicht los, dass die Platte wie eine Zusammenfassung der eigenen Karriere klingt. Die Achtziger waren für Sonic Youth die Avantgarde-Noise-Jahre, die Neunziger die Rockjahre, das neue Jahrhundert bislang die reifen, langsameren Jahre – und nun ist alles auf diesem Album vertreten.

Die Single Sacred Trickster ist zwei Minuten lang, was wie ein Nachhall klingt aus der MTV-Ära. Den Leadgesang in diesem Jugendkulturstück übernimmt, ausgerechnet, die älteste Person in der Band, Kim Gordon, 56: „What’s it like to be a Girl in a Band, I don’t understand, that’s so quaint to hear, I feel so faint, my Dear“. Man muss sagen, dass Gordon nicht alt klingt, sondern frisch und giftig.

Das Stück "Anti-Orgasm" ist eine provokante Punkparole aus vergangenen Zeiten, der Gesang von Kim Gordon und Thurston Moore treibt das Lied mit großem Nachdruck voran. Dann gibt es Songs wie Antenna, die trotz ihrer sechsminütigen Länge immer knapp und präzise wirken. Die abgedrehte, maßlose Seite von Sonic Youth kommt am Schluss des Albums zum Ausdruck bei "Massage the History". Zehn Minuten lang sind Sonic Youth wie wechselhaftes Wetter, also geradezu klassisch: Sanfte akustische Passagen, verzerrte Gitarren, ruhige und laute Temperamentsausbrüche­ – wie eine Erinnerung an die glorreiche Zeit von Daydream Nation Ende der achtziger Jahre, als die Band am hipsten, schönsten und innovativsten war. Sonic Youth sind ein Stück der Popgeschichte, die sie selbst immer geschätzt haben. Der Song "Thunderclap for Bobby Pyn" würdigt Los-Angeles-Punk Bobby Pyn alias Darby Crash von der Band The Germs. Der Song "Leaky Lifeboat" ist dem New Yorker Beat-Poeten Gregory Corso gewidmet, der das Leben mit einem wasserdurchlässigen Boot verglich.

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Die Zitate und Bezüge gehen weiter. Das Albumcover ziert ein Gemälde des experimentellen Gitarristen John Fahey, Widmungen gelten verstorbenen Künstlern. Von Januar bis Mai dieses Jahr lief eine Sonic-Youth-Kunstausstellung in Düsseldorf unter dem Titel Sensational Fix, auf der Lieblingskünstler der Band präsentiert wurden. Die Ausstellung erzählte nach der Beschreibung der Band „eine alternative Geschichte der zeitgenössischen Kultur, von jugendlicher Rastlosigkeit, von Ruhmessucht und Identitätsfindung, Geschlechterrollen, Sexualität und Religion.“

Im Grunde genommen also all das, was die Band seit 30 Jahren in Musik umsetzt. Ja, sie sind älter geworden, haben sich nie getrennt, machen immer noch Platten. Wie die Rolling Stones. Thurston Moore und Kim Gordon sind seit 1984 verheiratet und haben ein gemeinsames Kind. Wie viele Ehepaare kriegen mit Mitte 50 eine schöne New Yorker Rockplatte zustande? Noch radikal? Nein. Noch cool? Ja.

 
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