Warum also "Islamophobie"? Man nennt ja auch den Antisemitismus gemeinhin nicht Judophobie und den gegen Schwarze gerichteten Rassismus nicht Negrophobie, obwohl es Menschen gibt, die sich vor Schwarzen fürchten und ihnen in dunklen New Yorker Straßen aus dem Weg gehen, weil sie in ihrer Phantasie schon ein Messer in deren Hand aufblitzen sehen. Der Begriff „Islamophobie“ ist ebenso irreführend wie „Homophobie“: Er deckt einen Teilaspekt der Islamfeindlichkeit respektive der Homosexuellenfeindlichkeit ab. Diese lassen sich aber nicht auf eine Phobie reduzieren.
Wenn eine Dame, die von sich selbst verkündet, dass „mittlerweile hinlänglich bekannt sei“, dass sie Henryk M. Broder „wegen seines scharfen, analytischen Verstandes und seines Humors schätze“, die Sätze wie die folgenden schreibt, die im Übrigen einer beliebten Argumentationsfigur von Antisemiten aufs Haar gleichen, dann ist das nicht „islamophob“, sondern schlicht aggressiv rassistisch: „Ich habe überhaupt nichts gegen Türken, ich kenne ein paar sehr nette Türken, die ich schätze, aber die praktizieren diese perverse Religion nicht. Ich habe gern bei Türken Gemüse und Obst eingekauft, weil es frischer ist als in deutschen Supermärkten, aber nur wenn die Mädels ohne Kopftuch rumlaufen. Jihadis pflege ich nicht zu unterstützen.“ Oder dies: „Nein zu Burkas und Sharia. Nein zu einer Religion, deren ‚Offenbarungen’ von einem pädophilen Massenmörder stammen.“
Das Wort „Islamophobie“ suggeriert, dass der wirkliche Aggressor, nämlich der „islamophobe“ Rassist, subjektiv im Recht sei, weil er sich, begründet oder unbegründet, fürchtet. Er handelt in (vermeintlicher) Notwehr. In Wahrheit hat die Feindseligkeit nur selten mit realen Ängsten zu tun. Rassisten, sofern sie nicht selbst einer rassistisch diskriminierten Gruppe angehören, benötigen keine realen oder eingebildeten Gefahren für ihre Einstellungen. Wer Moslems verabscheut und bekämpft, kann sehr gut auch, ganz ohne Phobie, Juden hassen und überhaupt alle „Fremden“.
Rassisten kennen keine Allianzen
Als Claus Peymann die chauvinistischen österreichischen Gemüter erregte, machten einige flugs aus dem verachteten Deutschen einen Juden. Das ist zwar ein historischer Treppenwitz, aber es „passt“, wie man in manchen Teilen Österreichs sagt: die Juden mag man nicht, die Deutschen mag man nicht, also sind die Deutschen Juden. Nichts ist kurzsichtiger als die Hoffnung mancher Juden oder mancher Moslems, sie könnten in den europäischen oder amerikanischen Rassisten Bündnispartner gegen den jeweiligen vermeintlichen Gegner finden. Der Rassismus, einmal herausgekitzelt, richtet sich gegen diese wie jene. Ob man sie fürchtet oder nicht.
Der Antiislamismus nimmt unterschiedliche Formen an. Die feministische Variante verbindet den notwendigen Kampf gegen die Diskriminierung von Frauen durch islamische Fundamentalisten mit einer Vernachlässigung der Diskriminierung in anderen Kulturen, zumal wenn man historisch ein wenig zurückdenkt und den islamischen Ländern, mit Verspätung, jene Entwicklung zubilligt, die im Westen erst in den vergangenen hundert Jahren stattgefunden hat. Dass Kleidungsvorschriften oder arrangierte Ehen in der christlichen Welt bis vor kurzem gang und gäbe waren und in maskierter Form immer noch sind, verschwindet ebenso aus dem öffentlichen Bewusstsein wie die Tatsache, dass es auch in der islamischen Welt einen hohen Anteil an selbstbewussten, modernen, sich idiotischen Vorschriften entziehende Frauen gibt. Viele Mitteleuropäer imaginieren Türkinnen reflexartig im Kopftuch, wie sie in ihren wenig beweglichen Köpfen Afghanen als Terroristen abgespeichert haben (als wären unter den von den Taliban Terrorisierten nicht auch Afghanen).
Der Antisemitismus hat schon seit dem 19. Jahrhundert seinen religionskämpferischen Aspekt hinter sich gelassen. In Auschwitz wurde nicht danach gefragt, ob die Opfer zu einem Gott beteten, als sie ins Gas gingen. Beim Antiislamismus wird der rassistische Kern meist verhüllt durch eine scheinrationale Religionskritik. Und auch hier wiederum wird über die Verbrechen und Unmenschlichkeiten anderer Religionen geschwiegen. Wie wäre es, wenn man sich auf einen Antiislamismus verständigte, der einher geht mit Antijudaismus und Christophobie – die man hierzulande charakteristischerweise als Begriff nicht kennt: sie heißt mit ideologischer Absicht „Christenverfolgung“. Immerhin hatten die Völker in den Jahrhunderten der Christianisierung nicht weniger Ursache, sich vor den bewaffneten Missionaren zu fürchten, als es die westliche Welt angesichts angeblicher islamischer Bedrohungen hat.
Schwacher Trost
Dieses Anti-Konglomerat wäre ein kämpferischer Atheismus, den seine Gegner sogleich mit negativer Wertung als Blasphemie bezeichnen. Wie wäre es, wenn man, statt anstelle der „Islamophobie“ nur die Toleranz zwischen den Religionen zu fordern, den tatsächlich fürchterlichen Elementen in allen Religionen nachspürte und bekämpfte, was eine Gegnerschaft verdient. Wenn „tolerante“ Christen, Juden und Muslime den „Stammvater Abraham“ als Begründung dafür bemühen, dass man sich nicht gegenseitig umbringen solle, dann ist das für Ungläubige, welcher Religion ihre Vorfahren auch angehängt haben mögen, ein schwacher Trost.
Vielleicht ist das wirkliche Übel die Berufung auf Stammväter und Götter, wie immer sie heißen mögen.
„Bräuchten wir heute nicht Kreuzfahrer wie Gottfried von Bouillon, der im 11. Jh. Jerusalem eroberte? Männer ohne diesen schrecklichen Wahn selbstmörderischer Rituale, dennoch bereit, ihr Leben für den wahren Gott und seine heilige Kirche einzusetzen. Diese neuen Kreuzfahrer des 21. Jh. könnten mit modernen Waffen kämpfen, müssten aber die gleiche religiöse und moralische Gesinnung wie die damaligen Kreuzfahrer haben, deren bloße Gegenwart den treulosen Mauren, Anhänger Mohammeds, Angst und Schrecken einjagte.“ Diese martialischen Worte kann man auf der Website einer „Österreichischen Gesellschaft zum Schutz von Tradition, Familie und Privateigentum“ lesen, deren Ziel es ist, die „Grundlage der christlichen Zivilisation zu schützen“. Wer solche Leute fürchtet, bedarf keiner krankhaften Phobie. Haben nicht vielmehr die „treulosen Mauren“ allen Grund zur Angst vor diesen Christen?
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"Christophbie" klingt für mich wie Angst vor, oder Ablehnung von Jesus Christus. Der korrekte Begriff für Christenfeindlichkeit ist Antichristianismus.
Antijudaismus, Antiislamismus und Antichristianismus treten doch aber nur dann in Kombination auf, wenn es um radikalen Atheismus oder Neuheidentum geht. Es gibt einen Witz, wo jemand in den Himmel kommt und am Eingang gefragt wird, ob er denn nun Jude oder Christ sei. "Atheist" sagt der Mann. "Ja", sagt Petrus, "aber jüdischer oder christlicher Atheist?" Es ist also klar, dass Judentum oder Christentum nicht nur eine Religion sind, sondern auch eine Kultur. Ebenso ist es mit dem Islam. Ob man Islamfeindschaft nun Islamophobie oder Antiislamismus nennt, ist meiner Meinung nach Geschmackssache. Korrekt wäre auch antimuslimischer Rassismus analog zum antijüdischen Rassismus, dem Antisemitismus. Mit dem Begriff "Islamophobie" ist es wie mit dem Begriff "Antisemitismus". Jeder weiß, dass sie sprachlich nicht korrekt sind, und jeder weiß auch, was dennoch gemeint ist, aber das Reden darüber dient der Ablenkung und ist probate Diskussionstrategie sowohl von Antisemiten als auch von Islamophoben. Ich würde mir also weniger über die Korrektheit der Begriffe einen Kopf machen, sondern über die Gemeinsamkeiten der Ideologien, die sie beschreiben. Weder bei der Judenfeindschaft noch bei der Islamfeindschaft geht es um reine Religionskritik. Wenn, geht es eher um die Bekämpfung bestimmter religiöser Eigenarten, wie das Schächten. Am Beispiel des Schächtens kann man übrigens sehen, dass der religiöse Antijudaismus im Rassenantisemitismus nicht abgelöst, sondern weiter geführt wurde. Auch heutiger Antisemitismus ist durchaus religiös motiviert, siehe Piusbrüder oder Hamas. So wie man beim Antisemitismus einen missionarischen radikalchristlichen und einen eliminatorischen rassistischen Flügel hat, bei denen die Übergänge fließend sind, so gibt es genau diese Flügel auch bei den Antiislamisten. |
Ausgabe 22/2012
31.05.2012
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