Kultur

Literatur | 21.07.2009 16:30 | Robert McCrum, The Guardian

Wo ist die Avantgarde abgeblieben?

Früher waren die Buchläden voll mit experimenteller Literatur. Und heute? fragt Kritiker Robert McCrum.

Vergangene Woche kam meine Kollegin, die Observer-Kunst-Korrespondentin Vanessa Thorpe, in den Genuss einer Stunde lokaler Berühmtheit . Sie nahm an der Säulen-Installation One and Other des Künstlers Anthony Gormley auf dem Londoner Trafalgar Square teil. Vanessas Stunde war am 14. Juli gekommen, dem Tag des Sturmes auf die Bastille – also verkleidete sie sich natürlich als Marie Antoinette. Außerdem nahm sie einen Stapel Plakate mit, die das Emblem des Observer trugen und auf denen verschiedene Slogans und Zitate zu lesen waren, mit denen sie das Volk provozieren und Debatten anstoßen wollte. Alle hatten eine gute Zeit.

Die Sache hat mich zum Nachdenken gebracht. Über Kunst, Performance-Kunst und schließlich auch über die Avantgarde. Bloß gibt es im Moment nicht wirklich eine Avantgarde – besonders nicht in der Literatur.

Vor einem halben Jahrhundert, als Warten auf Godot der Achtungserfolg des Paris der 50er Jahre war, war Beckett sicherlich Avantgarde. Ebenso sein Schüler Harold Pinter. In Großbritannien gab es neben diesen Neuerern die übersetzten Werke Alain Robbe-Grillets und Fernando Arrabals. Und aus den USA kamen William Burroughs und die Erben der Beat-Generation. In Buchläden musste man nie lange suchen, um auf Avantgardistisches zu stoßen. Einige Verlage, wie zum Beispiel Calder & Boyars lebten sogar davon (obwohl über ihre Methoden besser nicht allzu viel gesagt wird). Ungefähr von 1950 bis 1980 war die Avantgarde gesund und munter.

Und heute? Gibt es nichts wirklich Erwähnenswertes. Das Surrealste, das aus der Bücherwelt zu vernehmen ist, ist die Nachricht, dass Random House im September (in Deutschland: Oktober) im Dan Browns Da-Vinci-Code-Nachfolger Das verlorene Symbol mit der größten weltweiten Auflage der Verlagsgeschichte (6,5 Millionen Kopien) herausbringen wird.

Im Bereich der Literatur scheint der globale Markt den Geiste der Innovation abgetötet und dem literarischen Experiment das Blut ausgesaugt zu haben. Wo sind die heutigen Avantgarde-Autoren, die ihre Integrität als Künstler bewahrt und den Mainstream gemieden haben, aber weiterhin neue Werke produzieren? Die Liste muss wohl ziemlich kurz sein und mit Ausnahme einiger Dichter sind die, die draufstehen, beinahe vollkommen unsichtbar.

Nominierungen bitte!

Übersetzung: Zilla Hofman
 
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Artikelaktionen
Kommentare
Thomas Rothschild schrieb am 21.07.2009 um 17:54
Aber gerne:
Jürg Laederach: Depeschen nach Mailand (Suhrkamp)
Herbert J. Wimmer: Kühlzack & Flexer. Aggregat (Sonderzahl)
Reinhard Jirgl: Die Stille (Hanser)
und als Zugabe, nicht neu, aber jetzt erst auf deutsch erschienen:
Georges Perec: Über die Kunst seinen Chef anzusprechen und ihn um eine Gehaltserhöhung zu bitten (Klett-Cotta)
Felix Lüttge schrieb am 22.07.2009 um 21:08
Wer seinen Blick einmal abwendet von den großen Verlagen, wird das ein oder andere Buch leicht bis weit ab vom Mainstream finden:
Steffen Popp: Ohrenberg oder der Weg dorthin (kookbooks)
Alban Lefranc: Angriffe (Blumenbar)
Hannes Bajohr: Koordinaten (Verlagshaus J.Frank)
Christian Schloyer: spiel ur meere (kookbooks)
Ulrike Almut Sandig: Streumen (Connewitzer)
Nicht immer ganz neu, aber nie so alt, um nicht mehr jung zu sein.
Anette Lack schrieb am 22.07.2009 um 21:22
Gehts wirklich nur um Avantgarde? Mir ist eine vielleicht gewöhnlich, aber ungewöhnlich gut erzählte Geschichte ebenso lieb; ungewöhnlich berührend, ungewöhnlich intensiv...

Hier zwei Beispiele, keine (leichte) Sommerlektüre, aber mit einer wunderbaren Sprache, beide behandeln das Thema Tod und tiefe Trauer ohne Larmoyanz und Pathos. Unvergesslich.

Laure Adler: Bis heute abend, Deutsche Verlagsanstalt (DVA)
Alison Smith: Name Of The Animals (Simon & Schuster UK)
in Deutschland unter "Ich rufe Deinen Namen" (völlig unverdient) bei Goldmann erschienen.
Streifzug schrieb am 22.07.2009 um 21:34
Der Goldsucher von Jean-Marie Gustave Le Clézio
Der weiße Tiger von Aravind Adiga
Eine Zeit ohne Tod von José Saramago
verwurzelt fliegen von Maria Cambra Skadé (extra für Anna)
Anette Lack schrieb am 24.07.2009 um 09:24
Lieber Streifzug;

"verwurzelt fliegen" habe ich schon mal nachgeschlagen ("extra für Anna"), auch weil mir der Titel so gefiel: Ist das nicht DER Traum, federleicht zu sein und gleichzeitig bodenständig?

Dann aber gab mir das real existierende Buch Rätsel auf: War`s satirisch gemeint? Denn dem Schamanentum fühle ich mich nicht besonders nahe...

Die anderen Bände suche ich noch... Herzlich, Anna
Streifzug schrieb am 24.07.2009 um 09:37
Hallo Anna,

die Website von ihr gibt mehr Aufschluss.
www.cambra-skade.de/

Schamanentum ist doch recht interessant aber natürlich wie immer auch Geschmacksache.
Anette Lack schrieb am 24.07.2009 um 09:43
Guten Morgen, Streifzug;

natürlich, interessant in jedem Fall - eine Freundin von mir hat ihre Magisterarbeit (Ethnologie) zu diesem Thema verfasst, daher bin ich ziemlich "drin". Mein Befürchtung war, dass Du mich, auch wg. unserer "Gespräche" zu früheren Leben, in die Ecke rücken könntest, "trägt Federn um den Hals und nur walle-walle-Röcke " etc.

Das Schamanentum, ernstgenommen, wird bei uns noch wenig erwähnt und hat dabei unwzeifelhaft Erfolge, besonders in der Medizin. Dazu gibt es eine schöne Geschichte von Doris Lessing, aber ich muss jetzt leider weg, später oder morgen mehr...

Herzlich, Anna
Holger Hutt schrieb am 22.07.2009 um 22:09
Habe gerade Frings` Schernikau-Biographie gelesen, und kann daher nicht umhin, diesen in seinem historischen Kontext einmaligen Avantgardisten der besonderen Art zu zitieren (hoffentlich wird er durch die häufige Erwähnung in diesen Hallen auf seine alten Tage nicht noch zum "Mainstream" in schlechten Sinne, stadtentwicklungstechnisch wäre in Hellersdorf ja noch/wieder Platz ...)

"der bisherige einwand war, es gibt zwar viele platten, aber keine guten. es gibt zwar viele bücher, aber keine guten. oder es gibt gute bücher nicht genug oder nur unter schwierigkeiten mit der polizei oder zu teuer oder verstümmelt. - aber nein! es gibt die guten bücher, es gibt sie in hülle und fülle, es gibt sie ein halbes jahr, dann werden sie verramscht, aber es gibt sie, inmitten eines bücherangebots, das riesig zu nennen von rührendem unvermögen zeugte. gigantisch! es gibt die guten bücher, weil es die schlechten gibt. das ist der späte kapitalismus." (Ronald Schernikau, Die Tage in L., 1989)
Holger Hutt schrieb am 22.07.2009 um 23:04
"
- wenn man ein stück von beckett wirklich intensiv ansieht, dann kann man eigentlich nur noch den schluss ziehen, daß man am nächsten tag in die kommunistische partei eintreten muß.
- aber es hat keine großen früchte getragen?
- vielleicht liegt das daran, daß, wenn einer dann zum parteibüro kommt und sagt, ich habe beckett gelesen, dann nehmen die ihn nicht.
HEINER MÜLLER"
(zitiert nach Schernikau, siehe oben oder unten)
Matthis Hagedorn schrieb am 22.07.2009 um 23:24
Ein Einwurf:

»Dichterloh« von A.J. Weigoni - Im digitalen Zeitalter geht der Schrift der Sinn und damit die Sinnlichkeit immer mehr verloren; so scheint es. Diese 'Gedichte' haben eine analytische Genauigkeit, die man sonst eher in Essays findet; hier werden Formen des Denkens und der Poesie zusammengeführt. A.J. Weigoni bewegt sich in der Intermedialität von Musik und Dichtung, er sucht mit atmosphärischem Verständnis die Poesie im ältesten 'Literaturclip', den die Menschheit kennt: dem Gedicht!

„Wortlos - und andere Gedichte“ von Theo Breuer
Theo Breuer komplettiert seine Vorstellung von der lyrischen Moderne. Er entwirft, basierend auf der Literaturgeschichte, eine Art von Lyrik, die über diese literarischen Vorlagen hinausreicht. Die große Gabe von Theo Breuer ist es, das, was man liest, wie soeben geschehen aussehen zu lassen. Immer wieder gibt es diese Momente in seiner Lyrik, Szenen, die sich im Gedächtnis festsetzen, die nicht verlierbar sind – eine Art Triumph der Literatur. Um Max Bill zu paraphrasieren, seine Gedichte sind „Gegenstände für den geistigen Gebrauch“. Theo Breuer ist geradeheraus, höflich und bescheiden, macht nicht viele Worte und hat einen feinen Sinn für Humor. Es scheint, als habe er einen Handfeger genommen und ein paar jargonverdächtige Wörter herausgekehrt. Hinfort mit der kitschigen Sehnsucht nach Dichternähe, und noch einmal von vorn anfangen. »Wortlos - und andere Gedichte« ist ein geglücktes Zusammenspiel des Lyrikers Theo Breuer, des Verlegers Peter Ettl und der feinen Linoldrucke von Karl-Friedrich Hacker, das den Leser zuweilen Sprachlos macht.

»meißelbrut und andere gedichte«, von Holger Benkel
Es gibt den Gedanken von Walter Benjamin, daß zu jeder Kultur, wie der Schatten der Aufklärung, ihr eigenes barbarisches Potential gehört. Wenn man mit Holger Benkel weiterdenkt, muß das nicht nur abwertend gemeint sein. Die Menschen in Westeuropa sehnen insgeheim bisweilen eine „barbarische“ Erschütterung herbei, um damit Versteinerungen der eigenen Kultur oder Lebensart aufzubrechen. Bei der Dialektik von Kultur, Zivilisation und Barbarei kommen einem 60 Jahre nach Kriegsende in der Tat noch andere Zusammenhänge von Denkern und Henkern in den Sinn. In seinen Gedichten, organisiert in freien, typographisch aufgefächerten Versen, bewegt sich ein nomadisierendes Ich durch graue, zerfallende Industrielandschaften und zeichnete das Bild einer Gegend im Fäulnisstadium. Diese impressionistischen Streifzüge eines renitenten Flaneurs bewahren auch in »meißelbrut und andere gedichte« ihre schöne Rauheit.
Matthis Hagedorn schrieb am 22.07.2009 um 23:25
Ein Einwurf:

»Dichterloh« von A.J. Weigoni - Im digitalen Zeitalter geht der Schrift der Sinn und damit die Sinnlichkeit immer mehr verloren; so scheint es. Diese 'Gedichte' haben eine analytische Genauigkeit, die man sonst eher in Essays findet; hier werden Formen des Denkens und der Poesie zusammengeführt. A.J. Weigoni bewegt sich in der Intermedialität von Musik und Dichtung, er sucht mit atmosphärischem Verständnis die Poesie im ältesten 'Literaturclip', den die Menschheit kennt: dem Gedicht!

„Wortlos - und andere Gedichte“ von Theo Breuer
Theo Breuer komplettiert seine Vorstellung von der lyrischen Moderne. Er entwirft, basierend auf der Literaturgeschichte, eine Art von Lyrik, die über diese literarischen Vorlagen hinausreicht. Die große Gabe von Theo Breuer ist es, das, was man liest, wie soeben geschehen aussehen zu lassen. Immer wieder gibt es diese Momente in seiner Lyrik, Szenen, die sich im Gedächtnis festsetzen, die nicht verlierbar sind – eine Art Triumph der Literatur. Um Max Bill zu paraphrasieren, seine Gedichte sind „Gegenstände für den geistigen Gebrauch“. Theo Breuer ist geradeheraus, höflich und bescheiden, macht nicht viele Worte und hat einen feinen Sinn für Humor. Es scheint, als habe er einen Handfeger genommen und ein paar jargonverdächtige Wörter herausgekehrt. Hinfort mit der kitschigen Sehnsucht nach Dichternähe, und noch einmal von vorn anfangen. »Wortlos - und andere Gedichte« ist ein geglücktes Zusammenspiel des Lyrikers Theo Breuer, des Verlegers Peter Ettl und der feinen Linoldrucke von Karl-Friedrich Hacker, das den Leser zuweilen Sprachlos macht.

»meißelbrut und andere gedichte«, von Holger Benkel
Es gibt den Gedanken von Walter Benjamin, daß zu jeder Kultur, wie der Schatten der Aufklärung, ihr eigenes barbarisches Potential gehört. Wenn man mit Holger Benkel weiterdenkt, muß das nicht nur abwertend gemeint sein. Die Menschen in Westeuropa sehnen insgeheim bisweilen eine „barbarische“ Erschütterung herbei, um damit Versteinerungen der eigenen Kultur oder Lebensart aufzubrechen. Bei der Dialektik von Kultur, Zivilisation und Barbarei kommen einem 60 Jahre nach Kriegsende in der Tat noch andere Zusammenhänge von Denkern und Henkern in den Sinn. In seinen Gedichten, organisiert in freien, typographisch aufgefächerten Versen, bewegt sich ein nomadisierendes Ich durch graue, zerfallende Industrielandschaften und zeichnete das Bild einer Gegend im Fäulnisstadium. Diese impressionistischen Streifzüge eines renitenten Flaneurs bewahren auch in »meißelbrut und andere gedichte« ihre schöne Rauheit.


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