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Kultur : Gemeinsamer geht's nicht

Zwischen Fabelweltrekord und Sportfeststimmung: Was den eigentlichen Reiz der Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Berlin ausmacht, den Vermarktung und Medien übersehen

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Am Ende steht der Weltrekord von 9,58 Sekunden, die der Sprinter Usain Bolt am Sonntagabend bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Berlin über 100 Meter benötigte. Eine Zeit, die noch vor einem Jahr, vor Bolts 9,69 Sekunden im Olympischen Finale von Peking, unendlich fern lag.

Der Weltrekord ist nicht nur fabelhaft, er war in gewisser Weise notwendig, um die Seriosität von Bolts Auftritt in Berlin unterstreichen (und damit ist nicht ein eventuelles Doping gemeint, ohne das Spitzensport seit jeher kaum vorstellbar wäre). Bolt hat das Sprintgeschäft nicht nur mit seinen Zeiten (und seiner Leichtigkeit, seinem Stil) aufgemischt, sondern auch mit der Show, die seinen Starts vorausgeht. Wo Sprinter früher vor dem Start hospitalistisch auf ihrer jeweiligen Bahn zwischen Startblock und Startlinie auf und ab gingen und eine Unnahbarkeit verbreiteten, die den Begriff Konzentrationsphase für den Zuschauer anschaulich machten, hampeln sie heute herum, ziehen Grimassen, machen Figuckchen, als ginge es darum, sich etwas Lustiges für das Hochzeitsvideo von Onkel Heinz einfallen zu lassen. Vor dem Start des mit Spannung erwarteten Finales waren Bolt und sein Landsmann Asafa Powell so entspannt, dass sie für die Kameras eine Boxeinlage inszenierten (was man, gerade bei dem kindlichen Bolt, naturgemäß auch als Übersprungshandlung zur Kompensation von Anspannung begreifen kann).

In einem gewissen Sinne ist solches Gebaren unsittlich. Es unterläuft die, vor allem bei 100-Meter-Finale der Herren fast ins Mythische gesteigerten Vorstellungen von einem nur am Wettkampf interessierten Wettkampf. Die Leichtathletik ist, und das hat die WM in Berlin in den ersten Tagen gezeigt, aber der Sport, der sich am ehesten solchen Kategorien entzieht. Nicht verstanden haben das die Medien, die das 100-Meter-Finale zum Duell stilisieren wollten. Die Konkurrenz von Bolt und dem letztlich zweitplatzierten US-Amerikaner Tyson Gay besteht aber nur darin, dass Gay der Läufer ist, der das Feld der von Bolt düpierten Läufer anführt. Ein echtes Duell mit einem offenen Ausgang stand in Berlin nicht zur Debatte. Bolts Dominanz scheint noch nicht einmal von Kleinigkeiten wie einem gelingenden Start oder, wie in Peking, gebundenen Schnürsenkeln abzuhängen.

Getrieben von ihren Geschichten um Stars und Prominenz erleben wir in Berlin eine Stadionregie, die, wie es sich höflicherweise gehörte, das Starterfeld nicht zu gleichen Teilen vorstellt: Vielmehr konzentrieren sich die Kameras, die Bilder auf die Stadiontafel und den Fernsehbildschirm übertragen auf die jeweiligen großen Namen eines Laufs, verharren vor diesen Sportlern in der Hoffnung auf Gesten und Witze, wie Bolt sie macht, und schlagen den Rest von vornherein mit der Nichtbeachtung, die ein Weltrekord von 9,58 Sekunden schließlich bedeutet.

Damit aber verfehlen die Medien die Wahrnehmung eines Sportes, der in größerem, zumindest besser sichtbaren Maße eher von Gemeinschaftlichkeit als Gegnerschaft geprägt ist. Die Leichtathletik ist der Sport, der exorbitante Höchstleistungen wie die von Bolt hervorbringt und an seinen Rändern zugleich immer wirkt die Stadtjugendspiele von Kornwestheim vor 120 Zuschauern. Die solidarische Verbundenheit der Mehrkämpfer ist notorisch: Wer an zwei Tagen sieben beziehungsweise zehn Mal miteinander Kräfte misst in völlig verschiedenen Disziplinen, kann die Distanz zur Gruppe nur schwer aufrecht erhalten, aus der medial aufgeblasene „Duelle“ entstehen. Der Wert, gemeinsam sich durch zwei Tage gequält zu haben, macht aus der Verteilung von Gold, Silber und Bronze beinahe Kosmetik.

Dass dieser Gemeinschaftsgeist auch in anderen Disziplinen regiert, hat keiner eindrucksvoller gezeigt als der Chinese Wang Hao, der am Samstag Zweiter beim 20-Kilometer-Gehen der Männer wurde. Wang kam jubelnd ins Ziel (wiewohl er streng genommen der erste Geschlagene war) und schwirrte danach euphorisiert lächelnd durch den Zielraum auf der Suche Sportlern, mit denen er sich freuen konnte. Nicht so sehr über die Medaille als vielmehr darüber, es geschafft zu haben. Ein Gefühl, das jeder Amateursportler kennt, weil es sich nach Freizeitläufen bei Bier und Bratwurst einstellt. Wenn die aus medialer Vermarktbarkeit kriselnde Leichtathletik etwas zu erzählen hat, dann sind es, neben Bolts Fabelweltrekorden, diese Geschichten. Auch wenn man das keinem Fernsehredakteur oder Sportvermarkter erklären kann.

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