Kultur

Theater | 07.09.2009 11:13 | Thomas Rothschild

Ich hasse links

In Wien fällt der neue Burgtheaterdirektor Matthias Hartmann durch knackige Statements auf. Er ist nicht der einzige Theaterchef, der sich dem Zeitgeist unterwirft

Der österreichischen Tageszeitung Die Presse gestand Matthias Hartmann kürzlich in einem Interview: „Ich hasse links. Mein Vater war ein Erzlinker. Was diese 68iger-Gesinnungslinken in der Welt angestellt haben – unvorstellbar! Es gibt nur eines, was für mich noch schlimmer ist als links, das ist rechts.“ Prompt hat die Kronen-Zeitung das auflagenstarke Pendant zu Bild, Hartmann für diese Aussage gerühmt und in die Reihen derer aufgenommen, denen man für derlei Ansichten das Leben schwer mache.

Ein guter Start für einen neuen Burgtheaterdirektor. Hartmann wird allerdings bald bemerken, dass sich derlei Anbiederung an die Zeitstimmung und das miefige Ressentiment nicht auszahlt. Auch der Beifall der Kronen-Zeitung ist vergänglich. Das haben schon Andere erfahren müssen. Und dass mit Opportunismus kein Theater zu machen ist, hat ihm eben erst Hans-Joachim Frey in Bremen demonstriert.

Bis vor zwei Jahren machte Klaus Pierwoß als Intendant des Bremer Vierspartenhauses ein ambitioniertes, strukturiertes, der gesellschaftlichen Wirklichkeit von heute verpflichtetes Programm, wie das halt 68er-Gesinnungslinke so tun, wenn sie nicht gerade Unvorstellbares anstellen. In den Jahren, in denen angeblich die öffentlichen Kassen leer waren (als es darum ging, Banken und Großunternehmen unter die Arme zu greifen, zeigte sich, dass sie ganz so leer doch nicht waren), galt Pierwoß bundesweit geradezu als Vorbild der Sparsamkeit. Schließlich aber war ein Punkt erreicht, wo weitere Einsparungen nicht mehr zu vertreten waren, wo sie einen verantwortbaren Theaterbetrieb lahm gelegt hätten – und Pierwoß sagte das den Politikern und der Öffentlichkeit.

Da kam Hans-Joachim Frey und bot sich als williger Vollstrecker der von oben erwünschten Maßnahmen an. Pierwoß ging in den Ruhestand und Frey an die Realisierung seiner großmäuligen Ankündigungen. Auf die Frage, worin sich seine Handschrift von der Klaus Pierwoß’ unterscheide, sagte Frey in Vorwegnahme von Hartmanns Hass gegen links: „Ich möchte kein politisch-radikales, provokantes, zerstörerisches Theater, sondern ein Theater, das die Menschen abholt, in seine Magie zieht.“ Und: „Für alle Produktionen gilt: Wir wollen sexy sein.“ Brav gebrüllt, Löwe. In Dresden war er nach seinen eigenen Worten zuvor zehn Jahre lang künstlerischer Direktor und gewissermaßen die Nummer zwei – „da ist es doch normal, dass man irgendwann mal die Nummer eins sein will, noch dazu in einem Vier-Sparten-Haus wie dem Bremer Theater“. Die Nummer eins hat ausgedient. Irgendetwas muss da wohl falsch gewesen sein in der Selbsteinschätzung.

ANZEIGE

Jetzt ist er am Ende angelangt. Frey setzte auf das Wundermittel Musical und trieb das Theater innerhalb von nur zwei Spielzeiten in eine Schuldenbilanz von 4 Millionen Euro. „Wir haben Großartiges vor, um das Theater Bremen als Ort der bürgerlichen Begegnung, der innovativen Avantgarde und als Ort für bewegende und herausragende Theatervorstellungen auszubauen“, tönte er vor zwei Jahren, und die Entscheidungsträger in der Politik schenkten ihm Glauben. Wer wird sie jetzt zur Verantwortung ziehen? Vier Millionen aus dem Steuersäckel sind schließlich kein Klacks.

 
Senden Bookmarken Drucken
Artikelaktionen
Kommentare
SteinMain schrieb am 07.09.2009 um 18:32
Ein Spross der "68ger Gesinnungslinken" als "Burgtheaterdirektor"? Also als auf Lebenszeit versorgter kulturell-kreativer Mitesser am Hintern des Bonzentums, das sich unter anderem durch seine Kulturbeflissenheit von der Masse der dumpfen Proleten abgrenzt, die aber andererseits für den Pomp zum Bezahlen herangezogen werden ? Und der rechnet jetzt mit seinem "Linken Vater" ab ?

Mein Gott, wie mir das am Ärmel vorbeigeht.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 07.09.2009 um 21:09
Ein Vatermörder. Neurotische Typen. Langweilig.
Giuseppe Navetta schrieb am 08.09.2009 um 21:59
Schön kommentiert und trifft letztendlich den Punkt der Sache! Statt coole Sprüche für den Medien-Mainstream empfehle ich dem Herrn Burgtheaterdirektor folgende Lektüre von Norberto Bobbio, um das Vorderstübchen ein bisschen auf Vordermann zu bringen: "Rechts und Links: Gründe einer politischen Unterscheidung" - 1994.

Und wie "meisterfalk" schon betont: Solcherart Äußerungen sind nicht provokant oder gar radikal, sondern lediglich intellektuell spießig und miefig.
Wolfram Heinrich schrieb am 07.09.2009 um 22:12
"Was diese 68iger-Gesinnungslinken in der Welt angestellt haben – unvorstellbar!"

Ge - nau! Absolut unvorstellbar. Ich kann mir jetzt überhaupt nicht vorstellen, was die alles angestellt hätten. Bisher war man eher mit dem Vorwurf zur Hand, die hätten viel zu wenig angestellt.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 08.09.2009 um 01:25
Gut gegeben!
quenzel schrieb am 08.09.2009 um 01:22
ob lechts, ob rinks, wie Ernst Jandl schon sagte,geschenkt die Begriffe von anno dunnemal, Hartmann und Frey als Buhmänner oder Publikumsdiener, Rothschild zeigt uns immer tapfer, wo der Feind sitzt und wie er heißt,- alles preiswürdig und meinetwegen recht links. Zeitgeistresistent. Aber "ein ambitioniertes, strukturiertes, der gesellschaftlichen Wirklichkeit von heute verpflichtetes" Theater klingt viel zu schön, um wahr zu sein, wird es nie geben.
Nichts als eine gut gemeinte hohle Phrase.
Quenzel.
pkaras schrieb am 08.09.2009 um 08:38
Hat es aber gegeben. Castorf, Perceval, Zadek etc haben mit ambitionierten Inszenierungen, die die gesellschaftliche Wirklichkeit widerspiegelt haben, um Widersprüche aufzudecken, Triumphe gefeiert.
Was aber früher schon fast als Verpflichtung des Theaters betrachtet wurde, wird heute eher als altmodisch gesehen oder lästig. Zumal die Theater auch mittlerweile finanziell am Krückstock gehen(das Burgtheater weniger, aber das Gros der sog. Stadttheater) und umsomehr auf die Quote schielen. Theatermacher greifen dann zu Mitteln der leichteren Kost und dann sieht man am Bremer Beispiel, dass das völlig daneben geht. Wäre man evtl. besser beraten, wenn man bei den Pflichtaufgeaben des Theaters, auf Widersprüche in dieser Gesellschaft hinweisend, geblieben wäre? Meiner Meinung nach auf jeden Fall. Weil das Theater ein politischer Ort ist. Wenn man diesen entpolitisiert, warum will man dann Theater machen? Wo soll die ganze Phantasie hin? Dann lieber ein knorriger Alt-68er, der einen unbequemen, aber notwendigen Dialog mit dem Publikum sucht, als diese tödliche, phantasielose Biedermeierei eines Frey oder Hartmann.
Matthias Dell schrieb am 09.09.2009 um 15:54
womöglich wollte hartmann auch sagen: "Ich hasse meinen Vater. Es gibt nur eines, was für mich noch schlimmer ist als mein Vater, das ist meine Mutter."


Meistkommentiert
7 Tage
Monat
Bisher
David Foster Wallace Das hier ist Wasser Kiepenheuer & Witsch 2012

64 Seiten. Kartoniert.

4,99
 
David Foster Wallace wurde 2005 darum gebeten, vor Absolventen des Kenyon College eine Abschlussrede zu halten. Diese berühmt gewordene Rede gilt in den USA mittlerweile als Klassiker und Pflichtlektüre für alle Abschlussklassen – eine kleine Anleitung für das Leben, die man jedem mit auf den Weg geben möchte >> mehr
Arte-Kooperation

portlet_ArabienArte.png

portlet-gaertnerbuch.png

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Die grüne Guerilla

Ausgabe 22/2012
31.05.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_Gaertner.jpg

Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

Tubuk

portlet_Tubuk.png

Freitag-Buchshop.png

Blog-Tipps

Das Schema
Michael Rutschky, Kathrin Passig u. a.

nachtkritik.de
Unentbehrlich für Theaterliebhaber

Umblätterer.de
Feuilletonbeobachtung. Intelligent und ironisch

Matthias Matusseks Video-Blog
Das deutsche Videoblog von Weltformat.

herthabsc.blogspot.com
Marxelinhos Blog über Hertha und Arsenal

flasher.com
Künstler über Künstler. Auf Englisch

The New Republic
Das US-Magazin

readme.cc
Die virtuelle Bibliothek

Kulturministerium.ch
Wahlrecht für die Schweiz

Parallelfilm
Notizbuch Christoph Hochhäusler

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG