Empfehlung der Woche

Gefälschte Geschichte

Gefälschte Geschichte

Jason Stanley

Softcover

208 Seiten

22 €

Zur Empfehlung
Ruhrtriennale 2026

Ruhrtriennale 2026

Ruhrtriennale - Festival der Künste

An zahlreichen Spielstätten in Bochum, Dortmund, Duisburg, Essen und Gladbeck.

Vom 20. August bis 20. September 2026.

Zur Empfehlung
Insekten - Helden im Verborgenen

Insekten - Helden im Verborgenen

Camino Filmverleih

Dokumentarfilm

Deutschland 2026

Regie: Nepomuk Pfaff

Erzählt von: Katharina Thalbach

88 Minuten

Ab 16. Juli 2026 im Kino!

Zur Empfehlung

Kultur : Unheilbar eitel

Kai Diekmann setzt in seinem Blog die Latte hoch in Sachen Selbstdarstellung. Wir fragen: Was kann man gegen den totalen Sieg der Selbstironie noch tun?

Zum Kommentar-Bereich

Dieser Artikel ist für Sie kostenlos. Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag abonnieren und dabei mithelfen, eine vielfältige Medienlandschaft zu erhalten. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Share Icon
Jetzt kostenlos testen

Seit einiger Zeit vermittelt der Chefredakteur der Bild-Zeitung den Eindruck, dass er als cooler Hund gesehen werden möchte. So zog Kai Diekmann für einen Arte-Film mit Henryk M. Broder durch das nächtliche Berlin und wirkte stolz wie Bolle, als er sich im tiefsten Wedding als Freund und Gönner von Clemens von Wedel ausweisen konnte, einem schrägen Künstlertypen, der „wirklich so am Existenzminimum“ lebt. Aber das war quasi noch ein Anfängerfehler und hatte ungefähr das Niveau eines Hans-Olaf Henkel, der im Berlin-Mitte-Restaurant Lindenleif einmal eine halbe Stunde lang Biergläser spülte.

Professioneller war da schon Diekmanns Coup, Genossenschafter bei der tageszeitung (taz) zu werden, gegen die er in der bleiernen Zeit noch prozessiert hatte, weil ihm in einer Satire ein Problem mit seiner Männlichkeit ­unterstellt wurde (so genannter Penis-Vergleich). Umso cooler wirkt nun, dass er bei der taz nicht nur einfach stiller ­Gesellschafter ist, sondern sich mit ­diebischer Freude in die Basisarbeit einbringt. Über die Aktivitäten kann man sich detailliert in seinem Blog ­kaidiekmann.de informieren, der seit gut einer Woche online ist.

Als Leser dieses Blogs wird man Zeuge eines mentalitätsgeschichtlichen Wandels, der in seiner Tragweite gar nicht unterschätzt werden kann. ­kaidiekmann.de überträgt die Sprache des Pop-Boulevard in den Legitima­tionsdikurs der Eliten. Sehr konkret gesprochen, bedeutet das: Man darf Kai Diekmann in seinem Blog nicht nur ungestraft einen „Großkotz“ nennen, vielmehr fordert er geradezu auf, ihm in Form von kräftigen Beleidigungen den Respekt zu zollen. Verkrampft und hölzern war gestern.

Der Rest ist Formsache

Entsprechend enthält eine Selbsterklärung des Bloggers mit dem Titel „Drei Fragen an mich selbst“ einen stilsicheren Mix aus Selbsterniedrigung und Selbsterhöhung. Dabei legt „Kai“ eine entwaffnende Ehrlichkeit an den Tag, wie sie in Vor-Blogger-Zeiten dem aufgeklärt-selbstironischen Geist der Zeitschrift MAD würdig war, den schon damals nur Ignoranten für spätpubertär halten konnten: „Ich bin einfach ­unheilbar eitel. Deshalb halte ich es ja auch für eine gute Idee, Interviews mit mir selbst zu führen… Es geht eher um öffentliche Aberkennung. taz, Süddeutsche, Spiegel usw. bemühen sich redlich, werden mir aber einfach nicht gerecht – ich bin viel, viel schlimmer!“

Der Rest ist Formsache, etwa wenn er an den offenbar restverklemmten ­Kollegen von der Welt am Sonntag, Alan Posener, ein scharfes Pic von seinen beiden Vorzimmermiezen adressiert. Totale Selbstironie, totale Offenheit, totaler Triumph – und ein Sieg und eine Niederlage für seine alten Feinde zugleich. Es ist ein wenig so, als wäre der Spaßkommunarde und Situationist Dieter Kunzelmann auf seine ­alten Tage zum Berater von Kai Diekmann avanciert, nachdem dieser sich ja noch in seinem philosophischen Grundlagenwerk Der große Selbstbetrug skeptisch über Ziele und Methoden der Studentenrevolte geäußert hatte.

Aber keine Sorge, sofern man ihn noch für notwendig erachtet, müsste der Kampf gegen Springer heute mit völlig anderen Mitteln geführt werden. Mit all dem, was unter Achtundsechzigern wie Kunzelmann zu Unrecht als deutsche Sekundärtugenden verschrien war: mit großer Humorlosigkeit, konsequenter Rechthaberei und einer ordentlichen Frisur also. Vor ­allem letzteres dürfte Diekmann einen Schlag versetzen, von dem er sich so schnell nicht erholt.

sticky banner image

Neue App – neue Spiele

Testen Sie den Freitag digital zum Aktionspreis