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Kultur : Popliteratur, nackt

Der neue Roman von Nick Hornby hat ein Problem: Er muss von den neuen digitalen Welten erzählen und soll doch traditionell bleiben. Kann das gut gehen?

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Es geht bei einem Hornby nicht anders. Ein Buch von ihm liest sich, als schaute man den Film. Verfilmt würde Juliet, Naked">Juliet, Naked vielleicht von Stephan Frears (High Fidelty) oder den Weitz-Brüdern (About a boy) oder von David Evans (Fever Pitch). John Cusack gäbe die tragisch-komische Figur Duncan, Colin Firth den einstigen Rockstar, Mitte 50 mit ordentlicher Kurzhaarfrisur und randloser Brille. Die weibliche Hauptrolle wäre eine unauffällig Hübsche Ende Dreißig, so jemand wie Helen Hunt zum Beispiel. Gesucht würde ein aufgeweckter Junge, der mit kindlich-neurotischer Weltsicht verzaubert.

Und das ist der Plot: Annie und Duncan leben in einem heruntergekommenen Seebad an der englischen Ostküste. Sie ist Kuratorin des örtlichen kleinen Museums, ihr Freund ein Lehrer am College. Die beiden leben akademisch unaufgeregt neben- und miteinander, wäre da nicht Duncans infantile Leidenschaft, sein seit Jahren betriebener Fankult um eine Art Salinger der Musikszene. Höhepunkt (zumindest von Duncans Sommer) ist eine Reise der beiden zu den Kultstätten des Rockstars inklusive dem Besuch der letzten verbürgten Spur der Legende: das schäbige Klo eines schäbigen Clubs in Minneapolis. Ja warum nicht? Nun - Duncan ist ein typischer Hornby-Charakter. Duncan, Mitte 40 hat verpasst, erwachsen zu werden. Und Annie hätte gerne ein Kind gehabt.

Fankult, wie gehabt

Hornby schafft es, uns Lesern einmal mehr das Gefühl zu vermitteln, das seine Geschichte auch unser unvollkommenes, erstolpertes Leben meinen. So reicht nach Jahren der Partnerschaft manchmal ein Fünkchen, um einander fundamental fremd zu fühlen. Auslöser für die Krise ist (zumindest für Duncan) eine Sensation. Aus dem Nichts erscheint so etwas wie die ungeschliffene Version des letzten legendären Albums seiner Musikikone. Es heißt Juliet, Naked.

Duncans Rezeption ist hymnisch, apodiktisch, seine Verteidigung absolut humorlos. Damit ist für Annie endgültig die Grenze der Zumutbarkeit bei Duncans Fankult erreicht. Und Annies (auch noch sachkundiges) Unverständnis bringt für Duncan ebenfalls das Fass zum Überlaufen. Er reanimiert seine Männlichkeit bei einer Arbeitskollegin. Annie startet einen Flirt mit...

Juliet, Naked ist Popliteratur, was auch sonst bei Hornby? Und ein Poproman, der authentisch im Heute spielen will, muss zwangsläufig von elektronischen Medien handeln, unvermeidlich also auch das Medien-Vokabular (mit seinen unumgänglichen Anglizismen). So ist Duncan Mitglied einer Community, er betreibt eine Fan-Website, die Members schreiben Posts. Handys werden auf-, Songs runtergeladen, natürlich auf den I-Pod, für den es kein anderes Wort gibt. Und natürlich darf die E-Mail nicht fehlen. Selbst Wikipedia kommt vor.

Poetische Kompromisse

Das ist literarisch betrachtet immer noch ungewohnt, die Bilder und Worte des digitalen Zeitalters sind nicht besonders sinnlich, zudem praktisch schon annektiert durch jugendliche Werbespot-Ästhetik. Das weiß auch der 52-jährige Nick Hornby, er verwendet sie, enttarnt sie und – erfindet poetische Kompromisse. So ist sein Held Duncan kein Schallplattenfreak: „Kurze Zeit später schickten ihm die Leute vom Messageboard erstmals Songs, die sie an E-Mails angehängt hatten, und das war nicht minder geheimnisvoll, denn es bedeutete, dass aufgezeichnete Musik nicht, wie er es vorher gedacht hatte, etwas Gegenständliches war – eine CD, ein Stück Vinyl, ein Magnetband. Man konnte sie auf ihren Wesenskern reduzieren, und dieser Kern war etwas nicht Greifbares. Das machte die Musik noch besser, schöner, geheimnisvoller, fand er jedenfalls…"

Die Popliteratur scheint in der Zeitgeist-Falle: Sie portraitiert uns, wir erkennen uns wieder. Will sie nicht anachronistisch sein, muss sie sich auch im digitalen Jetzt abspielen. Irritierend wäre doch ein Duncan, der Annie aus einer verrückt haptischen Zeitung am Frühstückstisch vorliest. Und Dietmar Dath findet denn auch: „Popliteratur ist Literatur, die unter kulturindustriellen Bedingungen hergestellt und wahrgenommen wird; das Wort bedeutet also besser nicht 'Bücher, in denen Platten vorkommen' ”.



Nick Hornby, , Kiepenheuer & Witsch, Köln, 2009. 304 Seiten, 19,95 Euro

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