Kultur

Medienlandschaft | 30.11.2009 16:45 | Henryk Goldberg

Ein Störfall

Sergej Lochthofen, einst von der Redaktion gewählter Chefredakteur bei der "Thüringer Allgemeinen", ist abgesetzt worden: Ankunft im Alltag des gewöhnlichen Kapitalismus

Eigentlich hätte er die Rede zu meinem Abschied halten sollen. Es gehört zu den protokollarischen Pflichten eines Chefredakteurs, einem scheidenden Mitarbeiter besten Dank & Wünsche zu sagen. Und womöglich hätte sich an diesem Tag der alte Satz bewährt, es seien die Stunden des Abschieds selten auch die der Wahrheit.

Sergej Lochthofen, der jetzt abgelöste Chefredakteur der Thüringer Allgemeine und ich, sein Theatermensch, waren einander nicht sonderlich zugeneigt, wir sind wohl emotional kaum kompatibel. Ich habe das lang bedauert und irgendwann nicht mehr versucht, es zu ändern. So pflegten wir einen Umgang, als dessen Geschäftsgrundlage eine Art von widerwillig-distanziertem Respekt gelten kann: Sergej Lochthofen regierte wie ein aufgeklärter Monarch und es war mitunter anstrengend, an seinem Hof den Bürgersmann zu machen. Aber irgendwann erhielt ich eine außertarifliche Gehaltserhöhung. Und noch später erfuhr ich, es sei auf seine Veranlassung hin geschehen, er hatte es mir nie gesagt. Er konnte so etwas nicht sagen, aber er hat es getan. Und wohl nie verstanden, wie wichtig einem der bekundete Respekt des intellektuell geschätzten Chefredakteurs sein kann. Ich hätte ihn gern gemocht, wenn er mir nur die Chance gegeben hätte.

Der Mann wird kein anderer, weil er nicht mehr mein Vorgesetzter ist, aber aus eben diesem Grunde kann ich das jetzt sagen: Er war objektiv der Beste. Er war es auch und vor allem aus einem Grunde, der mitunter ein Konfliktpotenzial bildete: Er versuchte die Balance von Qualität und Popularität. Eine Balance, die Journalisten nicht immer mögen, die aber für eine Regionalzeitung eine Überlebensstrategie ist. Und da gab es niemanden in Thüringen und nicht sehr viele in Deutschland, die besser waren. Lochthofen stand für die These, es sei das Ganze mehr als die Summe seiner Teile: Er band durchschnittliches in auffällige Strukturen. Es war für einen Journalisten mit einigem Ehrgeiz nie peinlich, für die Thüringer Allgemeine zu arbeiten. Unklar scheint, ob das so bleibt.

Denn der Chefredakteur musste gehen, weil er mit all seiner Sperrigkeit den letzten Damm bildete, der die Redaktion vor den Plänen des Verlages, der WAZ-Gruppe, schützte. Ein Chefredakteur mit dieser Konfliktbereitschaft wird in einer solchen Situation strategischer Entscheidungen zum Störfall. Nun haben sie den Weg frei gemacht, wohin, wird man sehen.

ANZEIGE

Die hochgradige Erregung in der Redaktion über den Rauswurf Lochthofens kennt wohl, neben der zum Teil sehr persönlichen Emotionalität, noch einen anderen Grund: Es ist das Ende der Illusionen. Es gab, vor allem bei älteren Kollegen, eine Art von romantischer Bindung an ihre Zeitung, die aus der Geschichte der Mitarbeiter mit ihrer Zeitung wuchs – der ersten unten den SED-Bezirkszeitungen, die sich im Januar 1990 unabhängig erklärte. Es gab eine romantische Vorstellung über die Kraft der Redaktion im Allgemeinen und die Sergej Lochthofens im Besonderen.

Und deshalb wurde die Klarheit, mit der hier die tatsächlichen Kräfteverhältnisse offenbar wurden, als eine Brutalität empfunden. Die Ankunft im Alltag des gewöhnlichen Kapitalismus war schmerzhaft, für uns alle. Ich war noch nicht bei der Thüringer Allgemeinen, als der Chefredakteur in geheimer Abstimmung gewählt wurde. Aber ich hätte ihn an jedem Tag dieser 17 Jahre gewählt.


 

 
Senden Bookmarken Drucken
Artikelaktionen
Kommentare
SiebzehnterJuni schrieb am 01.12.2009 um 07:57
Ich bin fassungslos!! Ich habe Sergej fast nur im Presseclub erlebt und war immer begeistert und tief beeindruckt von seiner Art, den Osten zu vertreten - insbesondere der letzte Presseclub - 20 Jahre Einheit - war wunderbar!!

Aber: wie wäre es, Sergej Lochthofen, mit dem Wiederaufleben der "Wochenpost" !!!

friedrich schreyer


Meistkommentiert
7 Tage
Monat
Bisher
Liebeshandlung - Eugenides

Berlinale

Freitag_Salon

PortletSalon_120216.png

Christoph von Marschall Was ist mit den Amis los? Herder Verlag 2012

260 Seiten. Gebunden.

18,99
 
Warum sie an Barack Obama hassen, was wir lieben. 2012 steht in den USA im Zeichen des Präsidentschaftswahlkampfs und auch Europa schaut gespannt zu. Christoph von Marschall erklärt die unterschiedlichen politischen Kulturen dies- und jenseits des Atlantiks und entlarvt typische Vorurteile auf beiden Seiten >> mehr
Occupy

portlet_occupy.png

Augstein und Blome

IGEL

portlet_IGEL.png

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Anti-Terror-Zelle Kraftklub

Ausgabe 06/12
09.02.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_05_06.jpg

Tubuk

portlet_Tubuk.png

Freitag-Buchshop.png

Blog-Tipps

Das Schema
Michael Rutschky, Kathrin Passig u. a.

nachtkritik.de
Unentbehrlich für Theaterliebhaber

Umblätterer.de
Feuilletonbeobachtung. Intelligent und ironisch

Matthias Matusseks Video-Blog
Das deutsche Videoblog von Weltformat.

herthabsc.blogspot.com
Marxelinhos Blog über Hertha und Arsenal

flasher.com
Künstler über Künstler. Auf Englisch

The New Republic
Das US-Magazin

readme.cc
Die virtuelle Bibliothek

Kulturministerium.ch
Wahlrecht für die Schweiz

Parallelfilm
Notizbuch Christoph Hochhäusler

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG