Kultur

Wörtches Crime Watch N° 153 | 25.11.2009 11:55 | Thomas Wörtche

Ich habe keine Ahnung

"Wer Weiß Was" heißt der Ausflug von Silvia Bovenschen in die Kriminalliteratur. Der, anders als er vorgibt, das Genre eben nicht im Vorbeigehen dekonstruiert

Selbst die klügsten Köpfe legen manchmal eine erstaunliche literarische Arglosigkeit an den Tag. Und merkwürdigerweise tritt diese Arglosigkeit immer öfter in Zusammenhang mit der Kriminalliteratur auf. Wie weiland Georg Klein mit seinem Roman Barbar Rosa ernsthaft meinte, er habe „den Kriminalroman“ eigenhändig dekonstruiert, was aber de facto das Genre schon seit Jahrzehnten selbst viel besser getan hatte, so glaubt jetzt die kluge Essayistin und Literaturwissenschaftlerin Silvia Bovenschen, sie könne mal schnell selbst einen (Meta-)Kriminalroman schreiben. Das Resultat ist eher bizarr.

Silvia Bovenschens Mordgeschichte heißt Wer Weiß Was und ist ein an Schlichtheit kaum zu toppender Uni-Krimi. Ein Professor der Linguistik liegt tot mit einem Messer im Rücken auf dem In­stitutsklo, und eine Menge Leute sind verdächtig, ihn umgebracht zu haben. Diese Leute sind meist Beamte, sonst wie betucht oder auf dem Weg beamtet oder gut betucht zu werden. Das ist an sich nicht schlimm, wenn nicht die Problemchen und Wehwehchen, die sie haben, derart knisternd papiern und uninteressant wären. Eine Hauptfigur, Schriftstellerin und Gattin eines anderen Professors, räsoniert pausenlos über den Kriminalroman, den sie zu schreiben vorhat und der dem Kriminalroman, über den wir gerade sprechen, gleicht wie ein Ei dem anderen: „Ich könnte einen Kriminalroman schreiben, in dem eine Schriftstellerin vorkommt, die einen Kriminalroman schreibt“, meint sie neckisch. Über so eine naive Meta-Konstruktion hatte sich Eric Ambler schon in den 1930er Jahren lustig gemacht.

Das Räsonnement über die Essenz, das Wesen oder den Geist von Kriminalromanen en general, das die nette Dame anstellt und deren Stimme sowohl für die Erzählerin und als auch für die Autorin stehen darf, ist für den Status gegenwärtiger Kriminalliteratur allerdings von ähnlicher Relevanz, wie es im Fall von Lyrik das Räsonnement über die Poetik von Paul Heyse als aktuelle Position wäre.

Im Klartext: Was uns Silvia Bovenschen hier als Krimi, als Meta-Krimi oder als heiteres Spiel mit dem Genre anbietet, ist all das nicht. Das Figuren-Ensemble, das das schicke, intellektuelle West-Berlin bevölkert, also der kultivierte Lektor, die tyrannische Clan-Mutter, der schwule Erbe, dessen Coming out riskant erscheint, die diebische Nobelhospiz-Chefin, die netten Kripo-Leute, sie sind Figuren bestenfalls für ein Boulevardstück.

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Alltäglicher Wahnsinn

Motiv, Tathergang und Aufklärung, soviel darf man verraten, sind mehr als an den Haaren herbeigezogen. Mit Kriminalliteratur hat das höchsten als schrille Karikatur zu tun. Aber so simpel gestrickt waren selbst einfachste Krimis vor 70 Jahren kaum, als dass eine solche Karikatur einen Angriffspunkt hätte. Auch die als V-Effekt eingeflochtenen Stimmen der K(ünst­lichen) I(ntelligenzen), die ein Randarbeitsgebiet des dahingeschiedenen Linguisten waren, tragen eher zur Ratlosigkeit bei, die einen während der Lektüre befällt.

Bovenschen kann ja schreiben, kann klug und boshaft Reflexionen formulieren. Zum Beispiel über die frivole Rolle, die Witz und Komik haben können, über den „Empfindungsterror“, mit denen uns tyrannische Gut-Menschen unsere Gefühle gegenüber allem und jedem vorzuschreiben drohen, und andere feine Kommentare zum alltäglichen Wahnsinn. Nur das mit dem Kriminalroman, dessen Dénouement auf eine arg amateurhaft peinliche Lösung hinausläuft, das hätte nicht sein müssen.

Leider ist man irgendwann auch nicht mehr unbedingt bereit, an Arglosigkeit zu glauben. Denn die Botschaft eines solchen Umgangs mit dem Genre lautet: Ich, die Autorin, habe nicht die geringste Ahnung von Kriminalliteratur. Aber einen Krimi schreiben kann ich auch. Und gerade weil ich ein solches Defizit habe, ist mein Krimi ganz besonders toll.

Diese paradoxe Denkfigur ist nicht nur ein Leckerbissen für die Forschung, die sich mit Fragen von Wertung und Kanon befasst, sondern ist für einen letztendlich verächtlichen Umgang mit „Genre“ prototypisch, der die Entwicklung der Kriminalliteratur in den letzten 100 Jahren nicht zur Kenntnis nehmen will. Sie soll so belanglos bleiben, wie sie in Wirklichkeit nie war.

Dem Rezensenten wäre wohler, wenn uns Silvia Bovenschen das mit diesem Buch nicht sagen wollte.

 

 
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