Das Thema „Filesharing“ wird uns auch in diesem Jahr zuverlässig begleiten. Schon der Auftakt ist – gewissermaßen – vielversprechend: U2-Frontmann Bono hat sich in der New York Times zu Wort gemeldet. „10 ideas that might make the next 10 years more interesting, healthy or civil“, kündigt er an und wer glaubt, jetzt ginge es um Weltfrieden und die Klimakatastrophe liegt natürlich richtig. Aber da gibt es noch ein paar andere Ideen. Nicht nur Popkultur-relevant ist diese: Internetprovider sollten doch bitteschön die Inhalte auf ihren Servern besser kontrollieren, denn der ganze illegale Austauschstoff würde die kreative Industrie gefährden.
Durchaus logisch, wenn auch – sagen wir mal – unkonventionell, ist sein Schluss: Wenn es möglich sei, in den USA Kinderpornografie zu identifizieren oder unerwünschte Meinungen in China, dann sollte es doch wohl auch möglich sein, illegale Musik und Filme aus dem Internet herauszufiltern. Und nein, natürlich ginge es dabei nicht um etablierte, sondern vor allem um junge Künstler, die noch nicht von T-Shirt-Verkäufen leben könnten oder von Ticketpreisen ab 93 Euro. (Okay, das letzte er so nicht geschrieben, aber wer kann da schon widerstehen?) China ist also durchaus böse, aber man soll ja trotzdem von den Besten lernen. Was allerdings an einer Zensur-Infrastruktur „more civil“ sein soll, erschließt sich einem wahrscheinlich nur, wenn man zu viele Politikerhände schütteln musste oder zu große Sonnenbrillen trägt.
Natürlich ist es nicht nur aus Sicht eines saturierten Rockstars, der im Laufe der letzten Jahre in der Tat bedeutende Umsatzeinbußen hinnehmen musste, nicht erfreulich, wenn die eigene Arbeit einfach so im Netz herumliegt. Auch, wenn man vielleicht einrechnen darf, dass der eine oder andere einfach kein sonderliches Interesse mehr an neuen U2-Alben haben mag. Dass Filesharing aber nicht die Schuld daran hat, dass die Musikindustrie in den letzten zehn Jahren praktisch alles getan hat, um ihre eigenen Kunden möglichst nachhaltig zu verschrecken, sollte sich sogar zu Bono herumgesprochen haben. Wie ist denn der Stand der Dinge?
Die Rolle der GEMA
Immer noch geben sich vor allem die „Majors“ – U2 ist selbstverständlich bei einem solchen unter Vertrag – alle Mühe, potenziellen Kunden so nachhaltig wie möglich die Freude an ihrem Produkt und den einfachen Zugang zu ihm zu versauen. Deshalb sieht man derzeit in Deutschland immer weniger Videoclips auf YouTube, deshalb agieren selbst gute Streaming-Dienste wie blip.fm oder last.fm praktisch immer mit einem Bein in der Illegalität oder mit lästigen Nutzungseinschränkungen. Der nach einhelliger Meinung derzeit beste Dienst, Spotify, bietet sogar so etwas wie ein neues Erlösmodell – ran kommt man aber hierzulande bisher nur mit technischen Tricks, also eben nicht ganz legal. Bezahlen darf man logischerweise dafür auch nicht, selbst wenn man wollte.
Zuständig für die Rechte der Künstler ist in Deutschland zumindest normalerweise die GEMA. Von der hört man allerdings immer nur Schlechtes. Ungerechte Verteilung der Einnahmen zu Ungunsten der „Kleinen“, Bürokratie-Irrgarten, Geheimverträge und absurd anmutende Gebührendebatten mit diversen Internetportalen, undurchsichtige und willkürlich anmutende Vorschriften, die es Bands sogar schwermachen, ihre eigene Musik auf ihrer eigenen Homepage zum Vorhören anzubieten. (Wer auf den einschlägigen Musikkonferenzen einen GEMA-Vertreter auf dem Podium sitzen hat, kann sich auf hitzige Alle-gegen-einen-Wortgefechte freuen.)
Darum könnten sich Majors vielleicht mal kümmern, sie sind die Schwergewichte in der GEMA. Stattdessen übt sich der Bundesverband der Musikindustrie als Brutalolobby für – sic! – Internetzensur. Dass die (nicht nur wegen aber mit tatkräftiger Hilfe der Musikindustrie) trotz aller grundgesetzlichen Bedenken und vehementen Proteste früher oder später kommen, bezweifeln nur noch Extremoptimisten. Ob bis dahin aber irgendjemand überhaupt noch Popmusik kaufen möchte, wird sich zeigen. U2 zumindest wären schonmal verzichtbar.
Dieser Artikel ist in Kooperation mit motor.de entstanden
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@ Jörg Augsburg
Sie mögen U2, genauer Bono, nicht. Ihr Recht. Was mir fehlt ist die Ausgewogenheit. Man kann natürlich im Filesharing die große Freiheit sehen (und große Chancen). Aber es ist mehr. Tauschbörsen bedienen auch eine "Ich will Alles!" Mentalität. Die Frage nach geistigem Eigentum und dem Recht des Künstlers darauf kann man nicht einfach mit Verweis auf die böse GEMA oder Leuten wie Bono abtun. micha |
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Um mal prinzipiell zu werden: ich finde es eigentlich schön, dass zweitklassige Musikanten wie Bono die Verkaufs- und Hitlisten anführen und wirklich gute Rockstars eher im Schatten blühen.
So ist gewährleistet, dass die eigenen Lieblingssongs nicht der Generation Golf irgendwann als Hintergrundmusik beim F..n dienen. Nichts tut mehr weh, wie wenn ein Jungschnösel bei Amazon Folgendes über eine gute Scheibe schreibt: "Der VW-Cabrio-Reklame sei Dank, dass ich auf diese Scheibe aufmerksam wurde. Schon etwas älter, aber wunderschön und, zumindest für mich, wie geschaffen für die Stimmung einer Fahrt durch den sternenklaren Himmel, irgendwo, wo es schön und warm ist." |
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schrieb am
07.01.2010 um 08:02
lebowski, klingt ein wenig so, als wäre das Hauptkriterium, eine Musik zu mögen, für Dich der Distinktionsgewinn.
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@meisterfalk
Das Hauptkriterium ist es nicht. Ein(!) Kriterium ist es aber auf jeden Fall. Rock war ja auch immer Rebellion und Rebellion hat etwas mit Abgrenzung zu tun. Und Abgrenzung ist eben Distinktion. Ein Punker hört nicht Spandau Ballet. |
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schrieb am
07.01.2010 um 09:16
Schon klar, aber die 'wahre' Musikliebe fängt doch erst jenseits der subkulturellen Attitüde an, oder?
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Eigentlich nicht. Man muss nicht jeden Scheiß lieben, nur weil man Musik liebt. Man darf bevorzugen und verwerfen^^Wenn das in reflektierter Weise - unter Umständen gar auf Basis musikalischen Sachverstandes - erfolgt, entsteht schließlich so etwas Suspektes wie guter Geschmack oder gar Stil
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Zitat lebowski: "Rock war ja auch immer Rebellion und Rebellion hat etwas mit Abgrenzung zu tun. Und Abgrenzung ist eben Distinktion.
Ein Punker hört nicht Spandau Ballet." Distinktion ist nicht einfach nur „Abgrenzung“, sondern eine Ausgrenzung „von oben herab“. Distinktion bedeutet die von oberen gesellschaftlichen Klassen/Schichten angestrebte Ausgrenzung unterer Klassen von Reichtum und Anerkennung. Gerade diese Richtung der Ausgrenzung ist charakteristisch. Man könnte jetzt einwenden, dass der Begriff aber so schon lange nicht mehr benutzt wird. Falsch. Der Begriff wurde ziemlich exakt so auch im Musikdiskurs eingeführt (es müsste in Deutschland die SPEX der 1980-90er Jahre gewesen sein). Distinktion wurde dort von Anfang an als Begriff benutzt, um diese Art der elitären Ausgrenzung scharf zu kritisieren. Mir war das bis vor Kurzem auch nicht bewusst, bis mir mal ein guter Bekannter die Hintergründe der wirklichen Bedeutung von Distinktion vor Augen führte. Siehe auch Wiki-Eintrag zur „Distinktion“: de.wikipedia.org/wiki/Distinktion |
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Distinktion ist für mich untrennbar mit Popkultur verbunden. Denn es geht ja immer um eine Distanzierung (ich würde das mal statt "Abgrenzung" verwenden) von stilistisch/geschmacklich nicht zu akzeptierenden Phänomenen. Und es geht um eine Vergewisserung anhand gewisser Distinktionsmerkmale, dass man natürlich den besseren Stil/Geschmack hat als die andere(n) Peergroup(s).
"Rebellion" finde ich dabei gar nicht so passend, das ist ja eher eine grundlegendere Einstellung, Distinktion ist sehr viel feiner justiert und natürlich nicht im Sinne fester Regeln handhabbar. |
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schrieb am
07.01.2010 um 14:56
"Man muss nicht jeden Scheiß lieben, nur weil man Musik liebt." - Na, gut, dass mir das mal einer gesagt hat. Kann ich ja endlich aufhören, den Gebrüdern Kaulitz Fanbriefe zu schicken.
Aber im Ernst, lethe: Deine Antwort an mich wäre nur verständlich, wenn Du meinen würdest, jeder, der sich nicht speziellen Jugend- oder Subkulturen zurechnet (oder nicht mehr, denn ab einem bestimmten Alter wirds ja dann doch albern), wäre dazu verdammt, "jeden Scheiß" zu mögen. |
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tiefe Zerknirschung, Meisterfalk, ich hatte ungenau gelesen
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schrieb am
08.01.2010 um 13:24
Ach, macht nix, passiert mir leider auch immer mal...
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Es gibt illegale Filme, illegale Musik und illegale Bücher im Netz. Und es gibt böhse Menschen, die von solchen Angeboten Gebrauch machen. Perfiderweise stellen diese Leute auch die grösste Gruppe bei denjenigen, die Geld für legale Medienprodukte ausgeben. Und die Gewinneinbussen der Majors sind ganz anders begründet, in Schrottmusik, für die niemand Geld ausgeben möchte, in Kinos voller telefonierender, popcornmapfender Unterschichtsjugendlicher, zum Beispiel.
Die ganze Debatte ist geprägt von Gier, Unverstand und der Tatsache, dass unsere hochgelobten "freien" Unternehmer, wenn uhr Gewinnstreben gefährdet scheint, zu Polizeistaatsfreunden und Erzfaschisten mutieren. Wer schützt unsere Welt vor Bertelsmann und Sony Entertainment? |
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schrieb am
07.01.2010 um 08:25
"Kinos voller telefonierender, popcornmapfender Unterschichtsjugendlicher"? - Aber die Gymnasiasten, Mittelschichtabkömmlinge, benehmen sich alle eins-a in den Kinos?
Und Faschismus-Vorwurf, ist der nicht mega-out? |
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Also, ich bin 1) gegen Internetzensur jeglicher Art; 2) kein U2-, erst Recht nicht Bono-Fan.
Mein Kommentar bezieht sich auf Ihre Schreibe, Jörg Augsburg. So begrüßenswert es ist, dass der Freitag sich des Themas Popmusik annimmt, so kontraproduktiv scheint mir, jedenfalls danach zu urteilen, was bisher hier aus Ihrer Feder publiziert wurde, die wahl des Autors zu sein. "... oder zu große Sonnenbrillen trägt...", nur mal ein Beispiel, das ist taz-Stil in seiner banalsten Erscheinungsform, eine, mit Verlaub, recht simple Art von Herablassung. Schauen Sie sich doch mal an, in welchem Ton Blogger 'wahr' über Musik und Musiker schreibt! |
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Mit dem Vorwurf, die "Schreibe" gefällt nicht, muss ich natürlich leben. Und es ist sicher richtig, dass "simple Herablassung" nicht gänzlich falsch interpretiert ist. Aber: Stilfragen (dazu gehört für mich selbstverständlich das permanente Tragen von unglaublich hässlichen Sonnenbrillen als Bestandteil der "Marke" Bono) sind meines Erachtens in der Popkultur von "inhaltlichen" Fragen nicht zu trennen. Es gilt also keinesfalls der hehre Grundsatz, das Äußere wäre nicht so wichtig. Pop ist immer auch und wesentlich "Form". Es gibt also aus meiner Sichtweise durchaus eine gewisse Berechtigung, Sonnenbrillen als Argument mit einzubeziehen.
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schrieb am
07.01.2010 um 13:19
@Jörg Augsburg
Geben Sie nichts darauf. Ist ja bei einigen hier so üblich, in herablassender Weise Blogger und Autoren herunterzumachen. Mit dem "Argument", der Schreibstil sei mies, wird dann auf wahllos herausgegriffenen Formulierungen herumgehackt. Ebenfalls ein beliebtes Mittel der "Kritik", wenn man zum Inhalt nichts zu sagen hat, ist es, den Autor persönlich anzugreifen. Mich wundert ja, dass sich bisher noch niemand über den Begriff "Gutmensch" mokiert hat. Wie ich mich hier jüngst belehren lassen musste, deutet die Verwendung dieses Begriffs ja darauf hin, dass man ein Rechter sein muss - und damit das Recht verwirkt hat, mit der selbsternannten "Beletage" der Freitag-Community zu kommunizieren. Mir hat der Artikel gut gefallen. Eine Begründung spare ich mir auch mal. |
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schrieb am
07.01.2010 um 15:12
Jörg Augsburg, mein Kommentar oben ist mir wohl tatsächlich ein wenig in den Ton geraten, den ich bei Ihnen kritisiere. Pardon! - Am sachlichen Gehalt der Kritik ändert das aber nichts. Mir schien in den letzten Jahren in Musikzeitschriften sowas wie Ironie immer mehr zum Selbstzweck zu werden. Ich erfuhr nichts mehr, jedenfalls nicht über die eigentlichen Gegenstände mancher Artikel. Vielleicht ist das ja nur eine Geschmackssache...
Und, obwohl es mir selbst immer noch nicht egal ist, was ich trage, bin ich doch gegenüber dem, was andere sich auf die Nase setzen, sehr tolerant geworden. (siehe Distinktionsdiskussion oben) |
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Auto und Pop geht ganz gut. Wenn die Musik gut ist & das Auto auch. Renault & Sebastian Tellier passen doch toll zusammen.
VW-Cabrio & Bono & Phil Collins? Ja, die auch.Ist aber nicht meine Szene. |
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Ich würde übrigens gern nochmal grundsätzlich anmerken, dass Bono natürlich ein perfektes Feindbild abgibt, wo man halt gern hinlangt, wenn er die Gelegenheit bietet. Aber das ändert ja nichts an dem Fakt, dass er mit seiner Meinung in diesem Fall als absolut reaktionär eingeschätzt werden MUSS, weil er die Lobby-Drecksarbeit für die Leute übernimmt, die die ganze Scheiße erst eingerührt haben und sich dann auch noch auf "junge Künstler" beruft, die sie ausbaden müssen.
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