Kultur

Medientagebuch | 23.02.2010 21:00 | Katrin Schuster

„Wurfsendung“ - Die bessere Werbung für das Radio

Aus Anlass des Wettbewerbs "Stocken und Zwitschern": Eine Gratulation an die Macher des kürzesten Hörspiels der Radiogeschichte

Die Gratulanten standen nicht Schlange, als die Wurfsendung des Deutschlandradios im vergangenen Jahr Geburtstag feierte. Fünf Jahre gelten nicht als an sich schon würdigenswerte Zeitspanne – auch wenn das im Fall einer Kürzesthörspiel-Reihe vielleicht angebracht wäre. Die Redaktion hat sich kurzerhand selbst beschenkt mit einem Wettbewerb ­namens „Stocken & Zwischern“.

Dieser Titel ist, um es kurz zu ­machen, ziemlich brillant: Der Begriff des Zwitscherns meint natürlich das Twittern und das Smsen, die Fähigkeit also, mit höchstens 160 Zeichen ­etwas auszusagen, vielleicht sogar zu erzählen. Ein paar Zeichen mehr hat man bei einer Wurfsendung zwar schon, aber nicht viele: 45 Sekunden darf ein Hörspiel dauern, um für das Format zu ­taugen. Was von Anfang an für Kritik sorgte: Das passe „einfach zu gut in eine Radiowelt des Immer-schneller-kürzer-dümmer“, schrieb ein Kritiker.

Die Legende will es, dass der Erfinder der „Wurfsendung“ tatsächlich der ­Radiowelt des Immer-schneller-kürzer-dümmer entstammt. Die Idee hatte Wolfgang Hagen, der früher beim Sender Bremen Vier arbeitete und dem die Werbespots dort besser gefielen als das eigentliche Programm. Nach dem Wechsel zum Deutschlandradio erfand er also die Wurfsendung, einen Block von drei Mikrohörspielen, der die an­deren Sendungen unterbricht wie eine Werbepause. Und sogar technisch ähnlich funktioniert: Nicht die Redakteure, sondern der „Wurfgenerator“, eine Software ähnlich der für die Musikrotation des Dudelfunks, angelt im digitalen Pool. Auch so kann man der Sprache der Werbung den Kampf ansagen: ­Indem man sich der kommerziellen Gattungsmerkmale parasitär bedient, um sie zu unterminieren.

ANZEIGE

Angriff auf die Gewohnheiten

Das „Stocken“ bei „Stocken & Zwitschern“ ist nicht minder gut gewählt. Denn die Wurfsendung hat keine festen Sendezeiten, werktäglich geht sie zweimal, an Sams- und Sonntagen je einmal über den Äther, irgendwann zwischen 9 und 12 Uhr beziehungs­weise 14 und 17 Uhr. Sie bringt das Programm im besten Sinne ins Stocken, weil sie plötzlich auftritt – und genauso schnell und plötzlich wieder vorbei ist. Frecher kann man das Prinzip Radio kaum ­blamieren als mit einer Sendung wie dieser, die läuft, wann es der Zufall will, und folglich nicht gezielt angehört werden kann; und der es oft genug gelingt, in wenigen Sekunden die Grenzen des Mediums auszuprobieren – nicht ­immer zu ihrem Besten – und dabei manchmal sogar eine ganz große ­Geschichte zu evozieren. Die Wurf­sendungen sind zweifellos die Papier­kügelchen, mit denen der bedächtige Lehrer Deutschlandradio traktiert wird: tut ihm nicht wirklich weh, wird ihn aber manchmal durchaus nerven.

Den Angriff auf die Gewohnheit übt die Wurfsendung gerne. Die Szenen, in denen der Alltag in Unordnung gerät, gehören zu den besten des Formats. Weil darin meist die Dinge die Hauptrollen spielen – was so schnell kein ­anderes Medium auf ähnlich authen­tische Weise nachmachen kann. Da wäre zum Beispiel das Feinmann-Radio, das nur gute Nachrichten sendet, oder der Feinmann-Translator, der den ­Charakter von Blumen hörbar macht. Oder der Kleiderschrank von Herrn Behrlich, in dem gerade eine Seeschlacht stattfindet. Oder der sprechende Duschkopf („zu heiß!“), dem die ­Tränen kommen, als sein Benutzer verspricht, nie wieder zu duschen: eine Folge aus der Serie „Eigentlich hatte ich nur keine Lust zu duschen“, die den Wettbewerb „Stocken & Zwitschern“ ­gewonnen hat. Auf derart eigenartige Weise lebendig wie in den Momenten der Wurfsendung ist das Radio mithin selten: The tramp is a lady, Glückwunsch!

 

 
Senden Bookmarken Drucken
Artikelaktionen
Kommentare
Matthis Hagedorn schrieb am 25.02.2010 um 22:35
Dem muß widersprochen werden:

"Die Idee hatte Wolfgang Hagen, der früher beim Sender Bremen Vier arbeitete und dem die Werbespots dort besser gefielen als das eigentliche Programm."

Die Ursendung dieser kurzen Radioform mit Literaturclips in der Länge zwischen 12 Sekunden und maximal einer Minute fand bereits 1995 im ORF statt.

Quelle: www.kunstradio.at/1995B/top_100.html
Katrin Schuster schrieb am 25.02.2010 um 22:44
Deswegen steht da "Die Legende will es ..." Vielen Dank also für den Hinweis!
Katrin Schuster schrieb am 25.02.2010 um 22:45
Eine fast unlesbare Seite, leider.
Matthis Hagedorn schrieb am 26.02.2010 um 05:46
Schwer lesbar, das Netz in den 1990er Jahren, eine lesbarere Version findet sich unter hoerdat:

www.hoerdat.in-berlin.de/select.php?&bool1=and&col2=au.an&b=weigoni&bool2=and&col3=au.av&c=andra#25
Matthis Hagedorn schrieb am 02.03.2010 um 12:42
Ein Interview mit Weigoni habe ich bei Freitag eingestellt:

www.freitag.de/community/blogs/matthis-hagedorn/die-meta-ebene-zu-metaphon


Meistkommentiert
7 Tage
Monat
Bisher
Liebeshandlung - Eugenides

Berlinale

Freitag_Salon

PortletSalon_120216.png

Christoph von Marschall Was ist mit den Amis los? Herder Verlag 2012

260 Seiten. Gebunden.

18,99
 
Warum sie an Barack Obama hassen, was wir lieben. 2012 steht in den USA im Zeichen des Präsidentschaftswahlkampfs und auch Europa schaut gespannt zu. Christoph von Marschall erklärt die unterschiedlichen politischen Kulturen dies- und jenseits des Atlantiks und entlarvt typische Vorurteile auf beiden Seiten >> mehr
Occupy

portlet_occupy.png

IGEL

portlet_IGEL.png

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Café Moskau

Ausgabe 07/12
16.02.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_05_06.jpg

Tubuk

portlet_Tubuk.png

Freitag-Buchshop.png

Blog-Tipps

Das Schema
Michael Rutschky, Kathrin Passig u. a.

nachtkritik.de
Unentbehrlich für Theaterliebhaber

Umblätterer.de
Feuilletonbeobachtung. Intelligent und ironisch

Matthias Matusseks Video-Blog
Das deutsche Videoblog von Weltformat.

herthabsc.blogspot.com
Marxelinhos Blog über Hertha und Arsenal

flasher.com
Künstler über Künstler. Auf Englisch

The New Republic
Das US-Magazin

readme.cc
Die virtuelle Bibliothek

Kulturministerium.ch
Wahlrecht für die Schweiz

Parallelfilm
Notizbuch Christoph Hochhäusler

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG