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Kultur : „Wurfsendung“ - Die bessere Werbung für das Radio

Aus Anlass des Wettbewerbs "Stocken und Zwitschern": Eine Gratulation an die Macher des kürzesten Hörspiels der Radiogeschichte

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Die Gratulanten standen nicht Schlange, als die Wurfsendung des Deutschlandradios im vergangenen Jahr Geburtstag feierte. Fünf Jahre gelten nicht als an sich schon würdigenswerte Zeitspanne – auch wenn das im Fall einer Kürzesthörspiel-Reihe vielleicht angebracht wäre. Die Redaktion hat sich kurzerhand selbst beschenkt mit einem Wettbewerb ­namens „Stocken Zwischern“.

Dieser Titel ist, um es kurz zu ­machen, ziemlich brillant: Der Begriff des Zwitscherns meint natürlich das Twittern und das Smsen, die Fähigkeit also, mit höchstens 160 Zeichen ­etwas auszusagen, vielleicht sogar zu erzählen. Ein paar Zeichen mehr hat man bei einer Wurfsendung zwar schon, aber nicht viele: 45 Sekunden darf ein Hörspiel dauern, um für das Format zu ­taugen. Was von Anfang an für Kritik sorgte: Das passe „einfach zu gut in eine Radiowelt des Immer-schneller-kürzer-dümmer“, schrieb ein Kritiker.

Die Legende will es, dass der Erfinder der „Wurfsendung“ tatsächlich der ­Radiowelt des Immer-schneller-kürzer-dümmer entstammt. Die Idee hatte Wolfgang Hagen, der früher beim Sender Bremen Vier arbeitete und dem die Werbespots dort besser gefielen als das eigentliche Programm. Nach dem Wechsel zum Deutschlandradio erfand er also die Wurfsendung, einen Block von drei Mikrohörspielen, der die an­deren Sendungen unterbricht wie eine Werbepause. Und sogar technisch ähnlich funktioniert: Nicht die Redakteure, sondern der „Wurfgenerator“, eine Software ähnlich der für die Musikrotation des Dudelfunks, angelt im digitalen Pool. Auch so kann man der Sprache der Werbung den Kampf ansagen: ­Indem man sich der kommerziellen Gattungsmerkmale parasitär bedient, um sie zu unterminieren.

Angriff auf die Gewohnheiten

Das „Stocken“ bei „Stocken Zwitschern“ ist nicht minder gut gewählt. Denn die Wurfsendung hat keine festen Sendezeiten, werktäglich geht sie zweimal, an Sams- und Sonntagen je einmal über den Äther, irgendwann zwischen 9 und 12 Uhr beziehungs­weise 14 und 17 Uhr. Sie bringt das Programm im besten Sinne ins Stocken, weil sie plötzlich auftritt – und genauso schnell und plötzlich wieder vorbei ist. Frecher kann man das Prinzip Radio kaum ­blamieren als mit einer Sendung wie dieser, die läuft, wann es der Zufall will, und folglich nicht gezielt angehört werden kann; und der es oft genug gelingt, in wenigen Sekunden die Grenzen des Mediums auszuprobieren – nicht ­immer zu ihrem Besten – und dabei manchmal sogar eine ganz große ­Geschichte zu evozieren. Die Wurf­sendungen sind zweifellos die Papier­kügelchen, mit denen der bedächtige Lehrer Deutschlandradio traktiert wird: tut ihm nicht wirklich weh, wird ihn aber manchmal durchaus nerven.

Den Angriff auf die Gewohnheit übt die Wurfsendung gerne. Die Szenen, in denen der Alltag in Unordnung gerät, gehören zu den besten des Formats. Weil darin meist die Dinge die Hauptrollen spielen – was so schnell kein ­anderes Medium auf ähnlich authen­tische Weise nachmachen kann. Da wäre zum Beispiel das Feinmann-Radio, das nur gute Nachrichten sendet, oder der Feinmann-Translator, der den ­Charakter von Blumen hörbar macht. Oder der Kleiderschrank von Herrn Behrlich, in dem gerade eine Seeschlacht stattfindet. Oder der sprechende Duschkopf („zu heiß!“), dem die ­Tränen kommen, als sein Benutzer verspricht, nie wieder zu duschen: eine Folge aus der Serie „Eigentlich hatte ich nur keine Lust zu duschen“, die den Wettbewerb „Stocken Zwitschern“ ­gewonnen hat. Auf derart eigenartige Weise lebendig wie in den Momenten der Wurfsendung ist das Radio mithin selten: The tramp is a lady, Glückwunsch!


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