Kultur

Tatort | 28.02.2010 21:45 | Matthias Dell

Lös den Phall!

Lena Odenthal läuft diesmal durch einen Ludwigshafener "Tatort", in dem ein Frauenschwarm das Zeitliche segnet. Und ein Oliver-Pocher-Doppelgänger für Irritation sorgt

Die Powerfrau macht Dauerlauf. Kommissarin Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) muss immer rennen durch die Tatorte von Ludwigshafen. Macht sonst kein Tatort-Kommissar, zumindest fällt uns auf die Schnelle keiner ein, die Männer sind eher so Genusstypen – Schenk (Dietmar Bär), Lannert (Richy Müller) und natürlich Odenthals Kollege Kopper (Andreas Hoppe). Lena Odenthal aber rennt, um ihrer Dynamik Ausdruck zu verleihen.
Am Anfang von Tod auf dem Rhein rennt sie durch die Bilder, die die Geschichte anrichten, und das ist ein wenig unmotiviert: Zuerst ist da der Unfall der Frau des Mechanikers Konrad Hanke (Andreas Patton) auf der Rennstrecke, der aus einem Crash mit der Kollegin Gabi Stein (Susanne Uplegger) resultiert – diese Erinnerungsfetzen sind in einer Manier inszeniert, dass Hans Meiser feuchte Augen bekommen muss, weil alles so aussieht wie in den gestellten und von Laien gespielten Szenen seines einstigen Fernsehaufregers Notruf. Dann ist da Konrad Hanke, der aus seiner Erinnerung erwacht und mit der Schwester seiner Frau, Silke Grimm (Karin Giegerich), in einem pittoresken Rhein-Pavillon über der familieneigenen Kleinwerft wohnt. Und dann ist da die Siegesfeier im Rennstall des Elektromarktbesitzers Christian Hamacher (Bruno F. Apitz), die selten vulgär dargestellt als Zusammenkunft von lauter Männern und einer Frau (Gabi Stein), die zum Tote-Hosen-Song Steh auf, wenn du am Boden bist – bei dem man nie sicher ist, ob es sich wirklich um die Tote-Hosen-Version handelt oder um ein Cover von einem Sänger, der versucht, wie Tote-Hosen-Sänger Campino zu klingen – den jungen Tagessieger Martin Berger (Enno Hesse) zu feiern. Und zwischendrin joggt Lena Odenthal, die, soweit haben wir die Konventionen des Tatorts verstanden, ja sowieso wird aufklären müssen, weshalb es das Geheimnis des Schnitts bleibt, ihre Laufübungen in den bunten Strauß an Vergangenheiten, Verdächtigen und Motiven zu flechten, mit denen sich Tod auf dem Rhein rumschlägt.
Die Tatort-Folge ist auf eine Weise uninteressant, die erstaunlich ist: Die Geschichte vermag nicht so recht zu interessieren, weil sie am Anfang zu wenig von sich preisgibt, damit sich am Ende das ganze Bild fügen kann. Die Schauspieler geben wenig Anlass, sich besonderer Leistungen zu erfreuen. Der gesellschaftspolitische Gehalt der Intrige (Rennwagenmilieu, Kleinwerftunternehmertum, Computerprogramme, Liebesgeschichten) ist nicht von Belang. Und Inszenierung und vor allem die schrecklich deutliche Musik rufen wenig Begeisterung hervor. Es ist aber alles wiederum nicht so schlimm, dass man sich permanent ärgern müsste.
So bleiben zwei bemerkenswerte Aspekte: Enno Hesse, Darsteller des Martin Berger, sieht aus wie Oliver Pocher. Und Geschlechterpolitik wird diffus groß geschrieben: Männer (Berger) und Frauen (Gabi Stein) fahren in einer Klasse gegeneinander. Konrad Hanke ist, wiewohl ein zu Larmoyanz und Hängertum neigender Vertreter seines Geschlechts der Hahn im Korb sämtlicher Begehrlichkeiten: nicht nur seine tote Frau, auch deren Schwester sowie die Konkurrentin Gabi Stein waren von dem talentierten Mechaniker hingerissen. Darüber hinaus erfreuen die Bilder durch waghalsigen Phallozentrismus: Schon beim ersten Aufwachen steht die leere Wodkaflasche Hankes vor der Mitte seines Körpers, und ab dann geht kaum einer durch diesen Film, der nicht etwas in der Hand hat, das an eben einen Phallus erinnern könnte. Die Mordwaffe, man ahnt es: eine Champagner-Flasche.

AUS DEM NÄHKÄSTCHEN DES WERFTBESITZERS: „Kein Boot ist wie das andere.“
EIN DIALOG, AN DEN MAN SICH GERN ERINNERT: „Haben Sie Konrad geliebt?“ - „Mir platzt gleich der Kopf.“

 
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Artikelaktionen
Kommentare
THX1138 schrieb am 28.02.2010 um 21:58
Fiat 130, Bj. 1976- ein schöner Wagen war das! Ich wüsste nicht, wann ich zum letzten Mal einen in freier Wildlaufbahn gesehen hätte.

Als ich noch ein kleiner Junge war, hatte ich ein dunkelblaues Modell im Massstab 1:43 von ihm- offenbar von Agnelli persönlich, wie mir meine Mutter damals versichert hat.

Ja, der Wagen war eigentlich das Beste an diesem Tatort. Rainer weiss das sicher zu bestätigen ;-)

Ansonsten ziemlich verworren, der ganze Plot.
Matthias Dell schrieb am 28.02.2010 um 23:08
vielleicht sollte man zu den autos im tatort mal einen nebenthread der wahrnehmung aufmachen: im stuttgarter gab's noch neulich schon so ein seltenes modell, außerdem die vorliebe für schöne autos von kommissar lannert. und freddy schenk fährt ja auch modelle, die man nicht alle tage sieht
Ludwig Hasselberg schrieb am 28.02.2010 um 22:05
Enno Hesse hat mich eher an den jungen Herbert Grönemeyer erinnert, von Gesicht und Haaren her.
Ich frage mich, ob das tatsächlich der Hockenheimring war, der da zu sehen war. Wird mir der Verfasser dieser Kritik vermutlich nicht sagen können, bei soviel ostentativem Desinteresse.
Peinlich fand ich diese Meldung auf dem ominösen Laptop: "loading programm". Aber vielleicht war es ja Absicht, dann einfach nur Hut ab!
Und wo ich gerade dabei bin:
"Diese Erinnerungsfetzen sind in einer Manier inszeniert, das Hans Meiser feuchte Augen bekommen muss..."
"Kleinwerftternehmertum"
Matthias Dell schrieb am 28.02.2010 um 23:11
bin mal davon ausgegangen, dass es der hockenheimring ist, dafür spräche ja auch die idee des standortmarketings, die im falle hockenheim bald staatsaffäre ist.
sorry für die tippfehler, wird morgen sofort korrigiert
DanielW schrieb am 01.03.2010 um 14:12
Zur peinlichen Meldung auf dem ominösen Laptop: Ich glaube, daß es damit zusammenhängt, daß nicht einfach so Microsoft- oder Mac-Bildschirmoberflächen verwendet werden können, von wegen Schleichwerbung. Also müssen extra Bilder oder Produkte generiert werden, die nicht an tatsächliche Marken erinnern, wie das zum Beispiel neulich beim Lindholm-Tatort schön zu sehen war, als eben nicht von YouTube, sondern von irgendeiner erfundenen Videoplattformn die Rede war, was immer ein wenig dämlich klingt, weil ja jeder weiß, was eigentlich gemeint sein soll.
Spaßigerweise war aber gestern der "Maserati"-Schriftzug mehrfach deutlich an den LKWs auf am Rande der Rennstrecke zu lesen. Wie das zustande kam, kann ich mir allerdings auch nicht so recht erklären...
Rahab schrieb am 28.02.2010 um 22:09
auch wir haben wieder das verbrechen verfolgt. und müssen sagen: die musik war lausig.
Nelly schrieb am 01.03.2010 um 10:22
Hab mich selten bei einem Tatort so gelangweilt.
Magda schrieb am 01.03.2010 um 10:40
Der Tatort-Ekelfaktor hat sich gestern mal wieder potenziert.
Die Möwen haben der Leiche vom Dienst die Augen ausgepickt, ein bisschen davon muss auch gezeigt werden.
Die Protagonisten müssen kotzen. Und einige davon sind ziemliche Ekel und gucken sich angeekelt an, bis einer weggucken muss. Kompletter Mist. Dieses Ding gehörte zur Kategorie: Vorsicht Kunst. Wo ist es, das gute alte Krimihandwerk.
DanielW schrieb am 01.03.2010 um 13:53
Dieser Tatort war tatsächlich nicht besonders spannend, und zur Kategorie "Was wir nicht wieder sehen wollen:" würde ich gerne "nicht zu Ende erzählte Witze" hinzufügen. Doch das nur am Rande.Ärgerlich finde ich die zunehmende Tendenz, erwachsene Menschen - der Daniel ist Jahrgang 1987, also immerhin 22/23 Jahre alt - penetrant zu Duzen. Der Mann ist volljährig, hat sich aber laut Drehbuch wie ein pubertierender Vierzehnjähriger zu verhalten, muß wegrennen, heulend zusammenbrechen oder wild um sich schlagen, wenn er nicht weiterweiß. Zu allem Überfluß Siezt er soagr noch dann brav zurück, wenn er die Kommissarin anschreit, sie möge ihn doch bitte in Ruhe lassen. Was für Vortsellungen haben manche Drehbuchautoren von jungen Erwachsenen? Oder sehen sie nur zu viele amerikanische Filme und übernehmen unkritisch die dortigen Vorstellungen?
Matthias Dell schrieb am 01.03.2010 um 15:44
das mit dem witz vom anfang war tatsächlich merkwürdig, man hätte doch alles mögliche drauf verwettet, dass der noch mal auftaucht und zu ende erzählt wird, und sei es als botschaft.
DanielW schrieb am 01.03.2010 um 13:55
Dieser Tatort war tatsächlich nicht besonders spannend, und zur Kategorie "Was wir nicht wieder sehen wollen:" würde ich gerne "nicht zu Ende erzählte Witze" hinzufügen. Doch das nur am Rande.
Ärgerlich finde ich eher noch die zunehmende Tendenz, erwachsene Menschen - der Daniel ist Jahrgang 1987, also immerhin 22/23 Jahre alt - penetrant zu Duzen und als Kinder zu behandeln. Der Mann ist längst volljährig, hat sich aber laut Drehbuch wie ein pubertierender Vierzehnjähriger zu benehmen, muß wegrennen, heulend zusammenbrechen oder wild um sich schlagen, wenn er nicht weiterweiß. Zu allem Überfluß Siezt er sogar noch dann brav zurück, wenn er die Kommissarin anschreit, sie möge ihn doch bitte in Ruhe lassen. Was für Vorstellungen haben manche Drehbuchautoren von jungen Erwachsenen? Oder sehen sie nur zu viele amerikanische Filme und übernehmen unkritisch die dortigen Vorstellungen?
Magda schrieb am 01.03.2010 um 14:07
"Der Mann ist längst volljährig, hat sich aber laut Drehbuch wie ein pubertierender Vierzehnjähriger zu benehmen, muß wegrennen, heulend zusammenbrechen oder wild um sich schlagen, wenn er nicht weiterweiß."

Das animiert zu einer längeren Debatte über das Männerbild in den Medien. Realismus oder Diskriminierung? Sehr aktuell.
DanielW schrieb am 01.03.2010 um 14:14
Das sehe ich ganz ähnlich, und diese Debatte sollten wir führen!
Sarah Rudolph schrieb am 01.03.2010 um 14:30
Wunderbare Idee.
Matthias Dell schrieb am 01.03.2010 um 15:46
wird beobachtet.
DanielW schrieb am 01.03.2010 um 15:57
Nun, dann beginnen wir doch mal!
Ich habe ein wenig darüber nachgedacht, und es scheint tatsächlich ein gängiges Bild zu sein, dem die Figuren in den Tatorten entsprechen: Die von mir bemängelte hilflose, verschlossene und bei Bedarf auch gewalttätige Kindlichkeit der jungen Männer, die eher bei Pubertierenden anzutreffen sein dürfte, konnte man auch schon sehen in der Nr. 754 "Hilflos", der mir - im Gegensatz zum Rezensenten und vielen Kommentatoren hier im Forum - gar nicht gefallen hat. Und als Gegenbild dazu ist dann die gleichaltrige junge Frau gerne mal ein zickiges karrieregeiles Biest, das für ihre Ziele auch über Leichen geht. War es die Folge "Königskinder"? Ich weiß es nicht mehr so genau...
Für relistisch hate ich solche Rollenzuschreibungen ganz und gar nicht, auch wenn zugegebenermaßen Frauen schneller erwachsen werden als Männer. Und den Satz "Das ist ja fast noch ein Kind!", den bringen die herzigen Sekretärinnen im Tatort doch eher den jungen Burschen entgegen, die schon eher im Alter des jugendlichen Liebhabers sind...
Aber vielleicht sollten wir das mal im Auge behalten?
Ich bin auf Kommentare, Kritik und Anregungen gespannt!
THX1138 schrieb am 01.03.2010 um 20:47
Wir bleiben dran!
Ludwig Hasselberg schrieb am 01.03.2010 um 23:17
Ne spannende Frage, sehe ich auch so.
lebowski schrieb am 01.03.2010 um 14:25
Frauen raus! Die meisten rrmittlenden Tatort-Frauen sind kaum zu ertragen: Sawatzki, Odenthal, Furtwängler und Thomalla feuern!
Nur Eva Mattes muss bleiben.
Die Odenthal joggt die ganze Folge unmotiviert in der Gegend rum. Die Schnitt- und Rückblendetechniken scheinen aus amerikanischen Actionfilmen geklaut zu sein, ohne dass sie den geringsten dramaturgischen Effekt haben.
Am schlimmsten sind die völlig hysterischen Hauptfiguren. Selbst die harmlosesten Fragen von Kopper oder Odenthal ziehen immer direkt Nervenzusammenbrüche nach sich. Dagegen war ja sogar "Anne Will" großer Kino.
Fritz Teich schrieb am 06.03.2010 um 08:26
Warum ist denn Eva Mattes heute beim Tatort?
cortolu schrieb am 01.03.2010 um 21:18
Wolfram Heinrich schrieb am 01.03.2010 um 22:53
Ich hab mir den Tatort eben auf der Website der ARD angeschaut. Das heißt, weiter als ca. 10 min. bin ich nicht gekommen, weil...

Oh, sag ich, wie ich diese Filme hasse, bei denen ich zunächst 5, 10 oder 15 min. lang überhaupt nicht verstehe, was ich eigentlich sehe. Lauter Impressionen, schnell geschnittene Szenen, 10 oder 15 verschiedene (mir unbekannte) Gesichter huschen durchs Bild, 10 oder 15 (mir nicht vertraute) Namen werden genannt und ich verstehe überhaubenz gar nichts. Weder, wer wer ist, noch warum der, von dem ich nicht weiß, wer er ist, noch warum er das tut, was er tut. Wenn ich Pech habe, verstehe ich nicht einmal, was er da tut. Ein Film, der damit beginnt, daß ich Bilder sehe, die ich nicht verstehe.

Der Blitz, so flehe ich Gott, unseren Herrn im Himmel an, möge jene genialischen Regisseure beim Scheißen treffen, die sich dergleichen ausdenken.

Früher, ja früher, da gab's mal eine Zeit, da gab's mal einen Ort namens Hollywood, da drehte man Filme, die man auf Anhieb verstand. Die hatten eine anständige Exposition, der Schauplatz wurde vorgestellt, die Personen wurden vorgestellt und dann, so ganz allmählich, schürzte sich der dramatische Knoten und ich, ich habe alles verstanden, was ich gesehen habe. Man stelle sich vor.

Ich wiederhole meinen Fluch: Der Blitz möge jeden genialen Regisseur beim Scheißen treffen.

Ciao
Wolfram


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