Ein großer Teil der Spenden aus dem legendären „Live Aid“-Projekt der Achtziger diente äthiopischen Rebellen dazu, Waffen zu kaufen. Das zumindest behauptet die BBC dieser Tage und lässt sich von den wütenden Dementis des Organisators Bob Geldof nicht beirren. Die Frage, ob „Live Aid“ mehr Menschen gerettet oder getötet hat, wäre selbstredend zynisch, allerorten müssen sich Hilfsorganisationen in Kriegsgebieten irgendwie durchlavieren, um zu helfen, da geht sicher einiges schief, was man Geldof bestimmt nicht vorwerfen kann.
Aber es lenkt den Fokus auf ein grundsätzliches Problem, das Popmusik spätestens seit dem Sündenfall „Live Aid“ hat, als sich die Kameras nicht nur auf die in der Tat bis dato unerreichte spektakuläre Ansammlung internationaler Stars richteten, sondern auch auf die Loge mit Prince Charles und Lady Di.
Seit „Live Aid“ und dem zugrundeliegenden „Band Aid“ gibt es den Typus des Weltverbesser-Rockstars, der sich gemein macht mit den Mächtigen der Welt, um wahlweise den Hunger zu besiegen, die Schulden der Dritten Welt niederzuringen, AIDS in Afrika zu bekämpfen oder den Klimawandel zu stoppen. Nicht, dass das unvernünftige Ziele wären, wer wollte nicht eine bessere, gerechtere Welt für alle? Ein Mann wie Bono, dem sicher niemand unlautere Motive unterstellt, lässt sich dann also bei den G8-Gipfeln dieser Welt blicken, um den Mächtigen ins Gewissen zu reden. Die sich dabei wiederum gern verständnisvoll nickend filmen lassen, um dann … ja, was denn?
Umarmung zwischen Politik und Pop
Das Prinzip des „celebrity activism“ , so heißt das wie immer treffend im Englischen, ist einfach. Ein Star nutzt seine Popularität, um einerseits Medien und damit ein potenziell großes Publikum auf ein möglichst relevantes Problem aufmerksam zu machen und andererseits, um „Entscheider“ der Politik direkt zu kontaktieren. Denn der Zugang zu den Mächtigen scheint über Berühmtheit einfacher herstellbar zu sein, als der übliche nichtparlamentarische Weg jahrelanger seitens der offiziellen Politik meist mit Ignoranz bedachter Arbeit in Basisgruppen. Da erscheint es natürlich praktisch, den mühsamen „Dienstweg“ zu überspringen. Was nur leider nichts ändert am prinzipiellen System dieser Weltordnung – und niemandem mehr nützt als den Politikern selbst.
Seit jeher schmücken sich Herrschende mit herausragenden Künstlern, nötigenfalls aus eigener Tasche, daraus entstand immerhin der komplette abendländische Kulturkanon bis der Kapitalismus mit seiner durchgreifenden Kulturindustrie sogar die Kosten dafür noch sozialisiert hat, sei es über Kulturkäufer oder – falls nicht mehrheitsfähig und elitär – den Steuerzahler. Die Umarmung zwischen Popkultur und Politik hat es von Anbeginn gegeben, schon weil auch Politiker Celebritys sein können.
Das Rat Pack versumpfte mit JFK, die Beatles wurden mit Orden behängt, Tony Blair empfing Oasis zum Sektempfang in Downing Street. Allerdings wird kein Mensch annehmen, dass Blair sich von Noel Gallagher in Sachen Irakkrieg oder Schuldenerlass für die Dritte Welt beraten ließ. Oder dass der das mit ihm besprechen wollten. Die historische Gewinnsituation ist dabei immer gleich: Politiker erscheinen als „cool“. Ungeachtet, ob sie gerade Kriege führen, Sozialleistungen kürzen, Finanzgesetze lockern.
This Land Is Your Land
Was ja mehr oder weniger nichts anderes ist als der alltägliche Job eines Politikers. Wenn allerdings – sagen wir mal – Bono und Bob Geldof in Heiligendamm über die Situation in Afrika reden wollen, dann darf man sich schon fragen, was sie dazu qualifiziert und woher sie ihr Mandat beziehen. Und: Sie verraten damit einen Grundpfeiler ihres eigenen kulturellen Erfolgs, der sie zu diesem Treffen erst in die Lage versetzt.
Natürlich ist die permanente Rebellion eines der grundlegend missverstandenen Versprechen der Popkultur, weil es nie einen politischen Auftrag zur Weltverbesserung gab. Wohl aber einen ästhetischen. Der schließt nicht aus, dass man das Sprachrohr der Unterdrückten ist, dass man zum Widerstand aufruft oder einfach nur die miesen Zustände in berührende Werke fasst. Ein Großteil der Faszination der Popmusik speist sich daraus, Empfindungen von Zorn und Verzweiflung über die Verhältnisse in der Welt unmittelbarer, einfacher nachvollziehbar darstellen zu können, als andere Künste. „Dagegen sein“ ist ein unverbrüchlicher Gründungskonsens der Popkultur, seit Woody Guthrie „This Land Is Your Land“ intonierte.
Angela Merkel die Hand zu schütteln, ist nicht „dagegen sein“, es ist nicht mal „cool“ (wie man es bei einem Obama immerhin noch anrechnen könnte). Es ist einfach nur falsch, weil es im falschen Milieu kein Richtig geben kann. Weil der Zweck die Mittel nicht heiligt. Schon gar nicht, wenn der Zweck eh nicht erfüllt wird. Denn der soll ja wohl eine bessere Welt sein. Ein „Live Aid“ jedenfalls, so scheint es zumindest, hat da nicht geholfen.
Dieser Text ist in Kooperation mitwww.motor.de entstanden
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"Ein Mann wie Bono, dem sicher niemand unlautere Motive unterstellt.."
Doch! Ich! |
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So richtig weiss der Autor auch nicht woher er scharfe Munition für den linken Stammtisch bekommen soll. Der Verweis auf das falsche Milieu, der all die bösen Mächtigen angehören, mit denen Bono sich trifft, klingt wie eine Satire, geschrieben von Jan Fleischhauer.
Einerseits zeigt der Vorfall, dass Komplexitätsreduktionen nicht funktionieren, weder jene der Politiker, die die Welt nach dem Muster des "Großen Schachbretts" aufteilen und ihre Chancen berechnen - und auch nur scheitern, wie in Afghanistan, wie in der wirtschaftlichen Spekulation ... , noch jene die aus ihrer Betroffenheit und Ohnmacht gegenüber dem Lauf der Dinge Kitsch und ein gewisses Wir-Gefühl erzeugen. Betrachtet man Live Aid nun unter dem Aspekt eben dieses Wir-Gefühls, der einer letzlich hilflosen Hilfsbereitschaft entspringt, dann halte ich genau dieses für eine "bessere Welt", selbst wenn sie nicht viel zur Beseitigung des Hungers in Äthiopien beigetragen hat und den Einfluss auf die dortigen Verhältnisse überschätzte. |
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Zuerst mal: mit dem Begriff "linker Stammtisch" mag ich nichts anfangen (auch, wenn ich schon begreife, was der Vorwurf sagen will aber ich finde ihn unzutreffend).
Ansonsten lese ich aus dieser Meinung heraus, dass "ein bisschen Wir-Gefühl" immer noch besser ist als gar nix. (habe ich das eigentlich richtig interpretiert?) Dem stimme ich ganz entschieden nicht zu. Ich verlange von niemandem, sich über Gebühr gesellschaftlich aktiv zu engagieren. Aber es soll sich bitte auch niemand ruhigen Gewissens aus seiner sozialen Verantwortung verabschieden, mit dem Argument, man wäre ja dabei gewesen bei Live Aid, Live 8, irgendwas für Haiti - oder irgendeinem beliebigen Benefiz-Konzert für dies und jenes, was auch niemals etwas ändern wird. |
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schrieb am
10.03.2010 um 02:10
Ich sollte es vielleicht etwas deutlicher sagen: es geht mir NUR um dieses Wir-Gefühl, während mich die Machbarkeitsillusionen dahinter ebenso kalt lassen, wie die Peripetien des schlechten Gewissens, dass wiederum ausschließlich auf den leidenden, westlichen Menschen zurückverweist, der mit sich selbst nicht im reinen ist.
Was heute angestaubt wirkt, an Live Aid, ist der humanitäre Größenwahn, der damit verbunden wurde, also genau die weltgeltende Bedeutung, die Sie zwar in Frage stellen, von der Sie aber auch nicht lassen können, sie zu fordern. Nun kann man dies aber auch umkehren: Erste Hilfe ist notwendig und ein zivilisatorisch sinnvolles Konzept. Alles weitere passiert entweder auf Augenhöhe unter Gleichen oder es ist schädlich. |
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schrieb am
10.03.2010 um 09:56
Jörg Augsburg hat völlig recht: aus dem Wir-Gefühl, das auf solchen Veranstaltungen entsteht, kann wahrlich nicht Gutes entstehen.
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Fakt ist, dass westliche Hilfsorganisationen in Afrika in den letzten Jahrzehnten nachweislich mehr Schaden angerichtet als Nutzen gebracht haben - vor allem unter Nachhaltigkeitsaspekten. Seit dem unsäglichen "Live Aid" Projekt hat sich die Einwohnerzahl in Äthiopien verdoppelt, Hunger und Kriminalität haben sich seitdem weiter verschärft. Das Land ist praktisch mehr denn je von ausländischer Nahrungsmittelhilfe abhängig. Alles gravierende Fehlentwicklungen, welche nicht zuletzt auf das Konto von Hilfsorganisationen gehen. Nicht umsonst betteln viele intellektuelle Exil-Afrikaner: Stoppt die Hilfe für Afrika.
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Die Kritik im Artikel ist mehr als berechtigt.Die kritische Haltung von Rockmusikern gegenüber Politikern kaum noch vorzufinden. Beim ersten Rock-Wohltätigkeitskonzert, das George Harrison organisierte ( 'The Concert for Bangla Desh'), wurden auch viele Fehler gemacht (aus Unerfahrenheit) ,woraus Harrison lernte, außerdem machte man sich nicht mit Politikern gemein, es geht nämlich auch ohne.
Die heutigen Pop-Fuzzies haben aber nicht aus früheren Erfahrungen gelernt, aber sie hätten es gekonnt. Warum wollten sie nicht? Weil letztlich alles nur Show ist, für die Popper & Politiker! |
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Es ist illusorisch die Probleme der Welt durch Popkonzerte zu lösen. Wer das nämlich will, der muss ggf. auch Waffen liefern und sich in eine Grauzone bewegen.
Am besten sollte man immer schön vor der eigenen Haustür kehren. |
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Die Poper haben bestimmt gute Absichten und wissen selbstverständlich auch den nützlichen Nebeneffekt der Publizität zu schätzen. Wie wenig Substanz aber wirklich dahinter steckt zeigt doch die Tatsache das es praktisch keine nennenswerten Anti-Bush Events gab als der seine Feldzüge begann. Und was die NGOs betrifft, dienen denen finanzielle Unterstützung vor allem nur für ihre eigenen Gehälter, also als so eine Art humanitäre Parasiten.
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Das Dilemma ist doch das: was immer man tut, es hat nicht nur den gewünschten Effekt.
"irgendeinem beliebigen Benefiz-Konzert für dies und jenes, was auch niemals etwas ändern wird." hat Jörg vorhin geschrieben. Doch, es ändert etwas! Zumindest wird ein Teil unserer Gesellschaft auf etwas aufmerksam, was ein anderer Teil als Missstand empfindet. Wenn man auf ein solches Konzert geht, tut man das meistens nicht nur, um den Künstler zu sehen, sondern auch um seine Causa zu unterstützen. Und zumindest der Initiator wird sich erkundet haben, wohin das Geld fliesst, das er mit seinem Benefiz-Konzert erwirtschaftet. Dass EIN TEIL des Geldes versickern kann, dafür können die Organisatoren nichts. Wirklich nicht. ... oder glaubt hier jemand, dass z.B. für Live-Aid ALLE für lau gearbeitet haben? ... dass selbst die Stadtwerke den Strom gratis beigesteurt haben. ... und durch die Teilnahme (sei es als Publikum oder als Künstler) verabschiedet sich keiner aus seiner sozialen Verantwortung. Wer bereit ist soziale Verantwortng zu übernehmen, dem ist eine Teilnahme an so einer Veranstaltung fast eine Selbstverständlichkeit, und diese Person wird sich nicht mit einem Moment zufrieden geben. Das Problem, worauf dieser Artikel (meiner Meinung nach) viel mehr hinweist ist die Tatsache, dass Politiker aufgrund des konstant zunehmenden Verlusts an Popularität auf "unbedarfte" (idealistische) Popstars zurückgreifen, um ihre Macht zu erhalten, UND dass diese Popstars dabei mitmachen, weil sie glauben etwas Gutes zu tun. Projekte wie diese halte auch ich auf jeden Fall unterstützenswert, da sie medienwirksam sind und auch Politiker unter Zugzwang stellen. Damals hat sich durchaus etwas für Äthiopien bewegt ... auch wenn nur ein paar mehr einen Asylantrag bewilligt bekamen, weil ein Beamter Live Aid toll fand. Und wenn der BBC heute herausfindet, dass letztendlich ein Teil des Geldes (der sicherlich nicht gross war) nach 1000 Transfers in Waffen versickert ist, muss man sich doch (wieder) fragen, welche Rolle die Banken dabei spielen (denn die wissen wohin das Geld geht!) und ausserdem wird übermorgen die dpa herausfinden, dass just in jenen Jahren die gestatteten Asylanträge für Äthiopier um was-weiss-ich-wieviel Prozent gestiegen sind. |
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Ich würde noch weiter gehen. viele der Entwicklungsoragnsationen streuen selbst rassistische Stereotype oder helfen zumindest dabei, sie am Leben zu halten
www.oliveira-online.net/wordpress/index.php/2008/11/19/die-burde-des-weisen-mannes/ Dambisa Moyo hat das ganz gut analysiert, in "Dead Aid" gibt es einen ganzen Abschnitt über Celebrities. Sie schaden mehr, als sie nutzen, weil sie ganz einfach den Eindruck erwecken, es werde viel getan, wo nichts passiert. |
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